Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Mo.«
«Anne.«
Sie küßte ihn auf die Wange und nahm seine Hand, wedelte sie fröhlich auf und ab, als wären sie ein frischverliebtes Paar. Der Zetteclass="underline" Er sah Annes rauh wirkende Schrift, ein Dutzend Zeilen untereinander, von denen erst ein paar abgestrichen waren; aber er mochte es, mit ihr einkaufen zu gehen, er interessierte sich für all die kleinen scheinbaren Nebensächlichkeiten, die man zum Abdichten des Alltags brauchte: Schnürsenkel, Staubsaugertüten, Knöpfe, der Stopfpilz (er hatte selten einen neuen gesehen in den Familien, die er kannte, überall waren es die brotbraunen, von unzähligen Nadelstichen zerwetzten Stopfpilze aus den Dresdner Müller-Nähmaschinenwerken des Vorkriegs), und Anne hatte ihn gern dabei, denn er murrte nicht auf diesen Streifzügen kreuz und quer durch die Stadt, er konnte sich für Kaffee-Filterpapiere interessieren oder für unterschiedliche Anzug-Stoffqualitäten, sie vertraute ihm, wenn er Kleiderschnitte beurteilte (das, erinnerte er sich, hatte sie schon als junges Mädchen getan), und sie fragte ihn, wenn es um Geschenke ging. Jetzt war Adventszeit, und wenn er die Gesichter der Frauen im Centrum-Warenhaus oder in den schlecht ausgestatteten Geschäften entlang der Prager Straße beobachtete, glaubte er, daß sie diese Zeit haßten: das Herumrennen nach ein paar lächerlichen Artikeln von in der Regel mäßiger Qualität, den Geschenke- und Striezelmarktrummel mit seinen Blechblaskapellen, Pflaumentoffeln, Bratäpfeln, Steifen Grogs, die quengelnden Kinder an ihrer Hand und Männer, die sich um all das nicht kümmerten, weil sie arbeiten mußten (aber das mußten die Frauen auch) oder auf ein Bier in ihrer Stammkneipe bei» Sport aktuell «oder Skatrunden saßen. Robert zum Beispiel wünschte sich neue Fußballschuhe, solche mit Schraubstollen, und Anne berichtete, während sie über den Altmarkt in Richtung Prager Straße gingen, daß sie Ulrich gefragt hatte, wo es solche Schuhe geben könnte,»er meint, am besten im Dům Sportu in Prag, da haben sie die von Bata, die sollen besser sein als unsere, aber wegen Fußballschuhen nach Prag …? Aber wenn ich’s mir recht überlege, warum nicht? Vielleicht erwisch’ ich dort auch was für Richard, und für Niklas vielleicht ein ordentliches Hemd, er trägt ja immer die gleichen, und die Manschetten sind schon so abgenutzt, mich wundert, daß Gudrun dazu nichts sagt, und seine Hosen müßten auch mal ausgelassen werden, die sind ihm doch viel zu kurz … Mal sehen. Vielleicht schaff ’ ich’s ja, nach Prag zu fahren. Du könntest mitkommen, wir fahren mit dem Auto und machen uns einen schönen Tag. Und du kannst Tschechisch.«
«Das bißchen, Anne, das mir Libussa beibringt. Aber ich weiß nicht, ob ich Zeit haben werde.«
«Fahren wir eben an einem Sonnabend.«
«Was glaubst du, was bei Hrensko dann los sein wird. Und an den anderen Übergängen genauso. Kronen müßten wir auch noch tauschen.«
«Wir haben noch zweitausend. Zweitausend nicht zurückgegebene, schwarze Kronen. Und im Dům Sportu sollen sie eine sehr gute Angelabteilung haben. Das wäre was für dich. Und für Christian.«
«Wie macht er sich? Ich hab’ schon mit ihm über die EOS gesprochen, er scheint zurechtzukommen.«
«Er ist momentan schwierig, und es ist nicht leicht, mit ihm umzugehen, er wird auch manchmal ausfällig … Er braucht unbedingt ein Paar neue Schuhe, und draußen in Waldbrunn gibt es doch nichts. Außerdem die Schule, weißt du, er muß viel lernen; manchmal denke ich, daß sie ihn überfordern, oder er sich, er hat ja hohe Ansprüche, und Richard gibt nicht nach … Ich frage mich oft, ob er nicht zu streng mit Christian ist, es soll doch jeder das tun, was er kann, und wenn er’s nicht kann, nützt auch Zwang nichts. Oh, schau mal hier, das ist hübsch«, sie hielt einige bestickte Topflappen in die Höhe, schüttelte aber den Kopf, als sie den Preis sah,»— und neue Cellosaiten braucht er auch, kannst du dich erinnern, wie das geknallt hat auf der Feier? War doch ein gelungenes Fest, oder? Deine Schallplatten hört Richard immer wieder.«
«Will er immer noch ein großer, berühmter Arzt werden?«
«Christian? Jaja, davon redet er manchmal. Mir gefällt nicht, daß er soviel Wert auf das ›groß und berühmt‹ legt; ich meine, Arzt sein ist doch genug, oder? Warum also groß und berühmt? Und wenn er nun nicht groß und berühmt wird, bricht dann für ihn eine Welt zusammen? Also, von mir hat er das nicht … Jetzt schau dir mal diese idiotischen Rührgeräte an. Ein Skandal, ein richtiger Skandal ist das. Hören Sie«, rief sie der Verkäuferin zu, die durchgefroren hinter einem Haufen bunter Plasterzeugnisse» für die moderne Hausfrau «stand,»jetzt werde ich Ihnen mal was zeigen!«Sie nahm ein Gerät, das aus drei ineinandergreifenden Rührbesen auf einem Drehteller und einer seitlich angebrachten Kurbel bestand, ließ die Rührbesen surren. Anne drehte schneller, die Rührbesen verhakten sich, und kein Vor oder Zurück konnte an diesem Zustand etwas ändern. Schließlich brach einer der Rührbesen ab. Anne warf die Überreste auf den Tisch.»Diesen Mist verkaufen Sie?«Die umstehenden modernen Hausfrauen brummten gefährlich.
«Sie haben das kaputtgemacht, nun müssen Sie es auch bezahlen«, rief die Verkäuferin.»He, Sie, unterstehen Sie sich, abzuhauen, Hilfe, Polizei!«
Ein Abschnittsbevollmächtigter kam.»Was ist hier los, Bürgerinnen?«
«Genosse ABV, die Frau da hat diesen Rührbesen zermurkst, und jetzt will sie nicht bezahlen!«
«Ich denke ja gar nicht daran, für diesen Pfusch auch nur eine müde Mark auszugeben, eine Unverschämtheit ist das, ich habe mir nur erlaubt, Ihre Ware auch mal zu testen, damit Sie sehen, womit Ihre modernen Hausfrauen auskommen müssen, Rührbesen, pah, fünf Umdrehungen, und es hat sich ausgerührt!«
«Bürgerin, Sie haben die Ware beschädigt, also hat die Bürgerin Verkäuferin Anspruch auf Schadensersatz.«
«Na, so was!«empörten sich ringsum moderne Hausfrauen.»Der Quark kostet einen Haufen Geld — und taugt nicht mal für’n Ollen übern Deez …«
«Aber das ist ja Aufruhr!«Der ABV zückte sein Notizheft.»Andererseits … Zeigen Sie mal her!«Er ließ sich einen Rührbesen geben. Dann den nächsten. Einer nach dem anderen ging kaputt. Die Verkäuferin geriet in Wut, begann den Ordnungshüter zu beschimpfen. Der geriet ebenfalls in Wut, schrie, daß auch seine Frau auf einwandfreie Kurbelrührerzeugnisse zur Herstellung vorweihnachtlicher Backwaren angewiesen sei; Meno zog Anne weg.