Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Also wirklich, würde sie sagen. Also wirklich, würde er antworten. Sie lachten schon.
Vor der Heinrich-Mann-Buchhandlung auf der Prager Straße stand eine lange Schlange; Anne, die eine Chance, eine ungewöhnliche, unangekündigte Lieferung witterte, fragte sofort, was es gebe: Der Mann vor ihr zuckte die Achseln und sagte, er habe sich nur angestellt, weil schon so viele vor ihm stünden, er lasse sich überraschen.
«Irgendein wichtiger Roman, ein Kunstbildband?«wollte Anne von Meno wissen, dann wurde gerufen, daß Wanderkarten geliefert worden waren.
In den Schaufenstern der Musikalienhandlung neben der HO Kaufhalle hingen ein paar wie nasse Bonbons glänzende Geigen, ein schmetternd goldenes Saxophon und eine Ukulele, drinnen hatten sie Gitarrensaiten, Kontrabaßstachel und ein gutes Dutzend frisch gelieferter tschechischer Violinkinnstützen (von denen Anne eine für Ezzo mitnahm, man konnte ja nie wissen), aber keine Cellosaiten, dafür gab es ein Schneidegerät für Klarinettenmundstücke, das Anne, da Robert nur eins besaß, sofort kaufte: Roberts Klarinettenlehrer hatte einen Bruder, der Oboist war, und der wiederum, wußte Anne, hatte Briefkontakt mit einem Cellisten der Berliner Philharmoniker, vielleicht ließ sich so etwas deichseln.
Sie liefen in Richtung Altmarkt zurück, mitgespült in Menschenmengen, die vom Hauptbahnhof und vom Leninplatz gekommen waren. Die Frauen unter Kopftüchern, viele Männer mit russischen Fell-Schapkas, grau und braun gekleidete, geduckt hastende Passanten, die in Richtung Zentrum zu den Geschäften unter den Betonklötzen der Interhotels» Königstein «und» Lilienstein «drängten. Vor dem Rundkino, das wie eine senkrecht schwarzweiß gestreifte Puderdose aussah, warteten Menschentrauben. Meno schaute zu den Vitrinen im Umgang vor den Kinosälen: Bud Spencer spannte den Bizeps auf den Plakaten, sorgte gemütvoll für Gerechtigkeit, es lief» Plattfuß am Nil«. Die Jungs wollten es sehen, Robert hatte Meno gebeten mitzukommen, er hatte auch Ezzo und Reglinde mobilisiert, während Muriel und Fabian abwarten wollten, bis der Film in den Tannhäuser-Lichtspielen lief. Von der Kreuzkirche schlug es fünf. Meno blickte hinauf zu den Fenstern der Dresdner Edition, in einem der klobigen Häuser auf der Ostseite des Altmarkts: Beim Leitenden Lektor Josef Redlich brannte noch Licht, im Stübchen von Korrektor Oskar Klemm auch, bei Schiffner war es dunkel.
Eine 11 kam, die rotweißen, verschlammten Tatra-Wagen entließen Kinogänger und Striezelmarktbesucher, Frauen mit links und rechts geballten Einkaufstaschen, wie sie jetzt Meno schleppte. Anne trug einen Reisesack voller Kleider, die ausgebessert werden und in die chemische Reinigung mußten; es war Freitag, heute hatte das VEB Dienstleistungskombinat in der Webergasse bis 19 Uhr geöffnet; aber es blieb nur noch eine Stunde für Wochenendeinkäufe und Geschenkejagd. Anne schlug vor, daß sie sich aufteilen sollten, sie gab ihm den Reisesack, sie wollte noch nach Strümpfen für Arthur schauen, der in Glashütte in finsterer Lieferprovinz saß, und Emmy hatte sich einen Rolli-Wagen zum Einkaufen gewünscht,»und natürlich stecken wir ihr auch was zu, ihre Rente reicht ja hinten und vorne nicht, und fällt dir was für Gudrun ein? Barbara wollte ich eigentlich Handschuhe schenken, aber einmal nicht zugeschlagen im Exquisit, und weg waren sie, na, mal sehen, ob ich woanders noch welche kriege. Für Uli hab ich schon was, für Kurt auch. Die chemische Reinigung geht expreß, und wenn sie Schwierigkeiten machen: Ich bin angemeldet, Mo, die Nummer steckt mit Sicherheitsnadeln an einem von den Kleidern. Der Regenschirm muß neu bezogen werden, und die beiden Scheren brauchen einen neuen Anschliff. Wo treffen wir uns?«
«Eingang Webergasse, in einer Stunde?«
«Bis dann«, und weg war sie: Wie früher, dachte er, wie in der Kindheit, wenn wir Räuber und Gendarm spielten und sie im Wald verschwand; noch einige schwankende Zweige, stäubender Kiefernpollen, ein verschreckter Vogel; eine unsichtbare Tür hatte sich geöffnet und sie verschluckt.
Er dachte jetzt manchmal über ihre Kindheit nach, vielleicht kam er in das Alter, in dem man, erstaunt über die heimlich gegangene Zeit, zurückzuschauen beginnt und abends, allein mit Schatten, das Album aufschlägt, das voller erstarrter Gesten ist, man kann die Aromen noch spüren, die sie umgaben, gerade eben sind sie geschehen und nicht, wie das Datum unter dem Foto behauptet, an einem Tag vor zwanzig, vor dreißig Jahren, da: dieser Apfel rechts oben im Bild, kaum zu sehen, aber du weißt, daß er da ist und daß er in ein paar Minuten heruntergeholt werden wird; wie der Saft über Annes Kinn troff, als sie hineinbiß, wie Ulrich vergeblich versuchte, ihn ihr wegzunehmen, und da: Vater winkt aus dem Fenster unseres Hauses, ist es neunzehnzweiundfünfzig, wir waren noch nicht lange aus Moskau zurück, als die Friedensfahrt durch Bad Schandau kam und Menschenmengen auf der Straße an der Elbe den Radrennfahrern zujubelten, oder will er uns eine seiner Hans-Albers-Platten vorspielen,»In einer Sternennacht am Hafen«, orangefarbener Kopfstreifen, Albers mit Sherlock-Holmes-Pfeife blickt nach oben, und Vater sagt, während er die Platte aus der Hülle mit der schwarzen» Decca«-Ellipse zieht: Wußtet ihr, daß er hier, in Schandau, zum ersten Mal auf der Bühne stand, neunzehnhundertelf?
Und dann hatte Anne, er sah an manchen Abenden ihr Gesicht vor sich in diesem Moment, die gerunzelten Brauen, die weit geöffneten, erstaunten braunen Augen, den Apfel Ulrich gegeben, der darüber ebenso verwundert war wie sie, denn er hatte gezögert, den Apfel zu berühren, hatte, verlegen, auf den Baum gezeigt, wo noch mehr Äpfel hingen, dann die Hände in die Taschen gesteckt und mit der Schuhspitze Muster in den Sand gescharrt … Anne: Kannst ihn haben, wenn du magst — doch in diesem Moment, mit der Abruptheit eines zustoßenden Raubvogels, schnellte Ulrichs Hand aus der Tasche und griff die Frucht, ließ Anne fassungslos zurück, als hätte diese Geste sie wie ein scharfes Schwert zerschnitten, und nichts konnte sie rückgängig machen; Ulrich rannte mit Triumphgeschrei davon.
Im VEB Dienstleistungskombinat in der Webergasse reihte sich Meno in die Warteschlange, beobachtete das Hantieren der Angestellten, die sich mit fließender Langsamkeit bewegten und wenn sie sprachen jede Silbe betonten. Unter einem Transparent» Mit jeder Mark, jeder Minute, jedem Gramm Material einen höheren Nutzeffekt «plusterten sich Oberhemden auf Trocknerpuppen, blähten sich wie die Wangen von Jazztrompetern, reckten dralle Wurstärmel. Es schienen nicht alle Trocknerpuppen zu funktionieren, denn hin und wieder pfiff Luft aus, die Hemden spuckten die Abdichtklammern weg und gaben grunzend den Geist auf.
Nachdem Meno an der Reihe gewesen war, setzte er sich in den Wartebereich des PGH» Neue Linie«-Friseurs, der sich auf der gleichen Etage wie die chemische Reinigung befand. Annes Hemden würden in einer halben Stunde fertig sein.
Manchmal dachte er jetzt an die Moskauer Zeit zurück. Er erinnerte sich an die 800. Wiederkehr des Gründungstags von Moskau, im Herbst 1947. Er war ein Junge von sieben Jahren gewesen, Anne gerade zwei Jahre alt, Ulrich neun. Ein dunkler, unaufgeräumter Himmel über den festlich gekleideten Menschen; in den Parks spielten Blasorchester, Zuckerwatteverkäufer und Militärkapellen warteten in den Alleen.
Vor dem Kindergarten» Krasnaja Zwesdotschka «parkten die schwarzen Limousinen, mit denen die Kreml-Kinder gebracht und abgeholt wurden; die Chauffeure rauchten, warteten.
Mädchen in Schuluniformen mit weißen Schürzen trippelten vorbei, schnatterten aufgeregt, in den Händen hielten sie Fähnchen, bogen in die» Straße der Bestarbeiter«, wändehohe Plakate lächelten auf die Demonstrationszüge herab. Helden des Großen Vaterländischen Krieges, Helden der Arbeit, der Sowjetunion. Die Mädchen hatten erst nachmittags Unterricht, in der zweiten Schicht. Aus den Schulen strömten die Schüler der ersten Schicht, die neun Uhr dreißig begann. Trolleybusse, Straßenbahnen, blumengeschmückte Losungswagen, die schweren Pobeda- und SIS-Limousinen rollten vom Arbat, aus den Lautsprechern schepperten Bravourmärsche, überall wehten rote Fahnen. Vom» menschlichsten Menschen «schaukelten Porträts über Moskau, befestigt an Luftballons. Lieder, Meno erinnerte sich, Bruchstücke von Verszeilen trieben auf, er murmelte die russischen Worte:»Stalin ist ein Held und Muster für die Kinder, / Stalin ist der Jugend bester Freund«;»Unser Zug eilt dahin / und hält im Kommunismus an«… die verhungerten Gesichter der Menschen, dachte Meno, Vaters ausgemergelte Hand, die meine hält, ich frage nach Mutter, und er antwortet mir, wie seit einigen Monaten, Luise sei im Ausland, sie lasse uns Kinder grüßen und wolle, daß wir fleißig in der Schule seien. Eines Tages nimmt er Ulrich mit ins Gefängnis. Vater wartet, bis sein Buchstabe aufgerufen wird. Er geht an einen Schalter, um Geld einzuzahlen. Wenn der Beamte das Geld annimmt, ist Mutter am Leben.