Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Jetzt knallen bei Christian alle Sicherungen durch«, sagte Verena.
500 Seiten mußten es an freien Tagen sein, dafür ließ er Chemie und Physik beiseite. Nun geschah folgendes: Robert hatte sich in irgendeinem Balzac festgefressen und schwartete einfach so, an einem einzigen Tag und aus heiterem Himmel, 555 Seiten weg. 55 Seiten mehr als Christian. Das durfte es nicht geben; Christian war in puncto Lesen und Lernen der Chef im Haus, Roberts Rekord mußte gebrochen werden. Eines Tages stand Christian früh um vier Uhr auf, wusch sich, frühstückte nicht zu reichlich und begann zu lesen. An diesem Tag wollte er nichts lernen, er sollte ganz und gar dem neuen Rekord gewidmet sein. Er las von 4.30 Uhr bis 24.00 Uhr ununterbrochen, allerdings mit zwei überaus lästigen Pausen durch Mittagessen und Abendbrot, die die besorgte Anne ihm aufdrängte. Schlag Mitternacht hatte er 716 Seiten gelesen — und vergessen, aber was machte das, der Rekord war gebrochen.
Er mußte berühmt werden, dann würden sie ihn zu Hause anerkennen.
Eines Abends in Waldbrunn tauchte in einem finsteren Winkel seines von Vokabeln und Formeln überreizten Hirns der Etappenplan auf. Christian schaltete das Licht aus und ging ans Fenster. Das Klassenzimmer lag nun im Dunkeln, nur das Metall der Stühle in der Fensterreihe, die auf die Tische gestellt worden waren, schlürfte ermattet vom Licht der Hoflaterne. Er wußte nicht, wie spät es war. Die Straßenlampen brannten längst, die Konturen des Waldbrunner Neubaugebiets verschmolzen mit den Hügelwellen über dem Kaltwasser. Hinter den beiden Turnhallen, flachen Typenbauten aus Glas und Beton, lag die Anhöhe, auf deren Kamm die F 170 lief. Das Scheinwerfergelb der Fernlaster stöberte über das Roggenfeld auf der Anhöhe, den Weg von der Schule in die Stadt.
Der Große Mensch. Etappe 1: das Lernen, das Studium, die Bildung des Geistes — die betrieb Christian jetzt. Eine hohe Bildung war die erste Voraussetzung, um ein Großer Mensch zu werden. Außerdem hatte der Große Mensch Kultur — und so ging Christian, wenn der Unterricht vorbei war (in der Regel gegen 13 Uhr) statt zum Mittagessen in den Internatsklubraum und okkupierte für eine Stunde den Gemeinschafts-Plattenspieler. Dabei kümmerte es ihn nicht im geringsten, ob andere diesen Plattenspieler benutzen wollten. Außer ihm hörte meist nur Swetlana — und die schwärmte vom Sozialismus, wollte nach Moskau an die Lomonossow-Universität und hörte rote Liedermacher, für Christian» das Letzte«. Jede Minute, die der Plattenspieler ohne diese» Brechmittel «lief (so Christian, Jens, ein paar Jungs aus der 12.), war ein Gewinn für die Kultur. Er sah sich als ernsthaften und reifen Menschen, und als solcher hörte er klassische Musik; allerdings stand er mit dieser Ansicht im Internat ziemlich allein. Darüber regte Christian sich nicht auf: die anderen waren Banausen, und wie konnte ihnen, die vom Dorf kamen, die Tiefe und der Ernst eines Bach, die Heiterkeit und kosmische Abgeklärtheit eines Mozart, die Empfindungsgewalt eines Beethoven zugänglich sein. Da Swetlana beschränkt war (diese Meinung teilte er mit mehreren Jungs aus seiner Klasse), brauchte sie auch keinen Plattenspieler. Beim Hören saß Christian zurückgelehnt im Sessel, die Beine hochgelegt, das Gesicht tiefernst, zum Beispiel wenn er Beethoven hörte. Christian verstand die Ausbrüche an Leiden bei Beethoven … Gewiß war der Titan wie Christian in verständnislose, banausische Umgebung geraten und hatte gegen sie kämpfen müssen, sein Leben lang! Beethoven war ein Großer Mensch, und Christian verstand ihn, denn er war seines Schlages, jawohl. Nebenbei ging ihm diese Musik tatsächlich nahe. Das zeigte er nicht; es verwirrte ihn, und wenn er das Gefühl hatte, daß Swetlana oder Siegbert ihn beobachteten, sprang er auf und stellte wütend ab (nicht ohne die Platte liegenzulassen, er rechnete mit ihrer Neugier).
Etappe 2: Studium. Natürlich würde er es abbrechen müssen. Ihn, die genialische junge Forscherpersönlichkeit, den unaufhaltsamen Feuerkopf und Heilsbringer von morgen, konnte ein läppisches Studium nicht befriedigen. Er würde sogar schlecht sein im Studium, denn: War es nicht so, hatte er das nicht in den vielen Biografien Großer Männer gelesen, daß sie angeeckt waren? Fragte das Studium nicht das Bekannte ab — und war ein Großer Mensch nicht gerade deswegen groß, weil er Neuland wies? Was die simplen Professoren, die den Durchschnittsköpfen der übrigen Studenten ihr längst veraltetes Wissen einzutrichtern versuchten, natürlich nicht sahen.
Etappe 3: Nervenzusammenbruch. Der gehörte dazu. Die Anspannung, die auf dem jungen Großen Mann lastet, ist einfach zu stark. Auch Mozart hatte manchmal Kikeriki gerufen, das war also ganz normal. Christian würde entsetzliche Krisen zu durchleiden haben und viermal am Tag an Selbstmord denken (es mußte viermal sein: ein- oder zweimal wären zuwenig, das kam in den meisten Familien vor, dreimal wirkte zu klassisch ausgewogen, bei viermal war es, überlegte Christian, irgendwie ernster).
Etappe 4: Das Große Werk, endlich vollbracht. Ehrungen, Preise, Beifall würden den jungen Faust überschütten. Nun kam es darauf an, bescheiden zu bleiben (der Neider und der launischen Gottheiten der genialen Momente wegen) und sich von diesen Äußerlichkeiten nicht blenden zu lassen. Der Große Mensch forscht weiter, rastlos, selbstlos. Er kümmert sich nicht um den Beifall, er kümmert sich um DAS WERK. Er macht eine weitere Entdeckung, noch umstürzender, profunder als die andere. Kleingeister, die krakeelt hatten, nun würde alles bald vorbei sein mit dem Großen Hoffmann, würden zerknirscht in ihre Winkel kriechen. Reuevoll würden sie widerrufen, beschämt ihre Beschränktheit eingestehen. Triumph, Triumph.
Also: An die Arbeit!
Liebe, glaubte Christian, hielt vom Lernen ab.
13. Die wir nicht kennen
Kleine, ihn rührende Gesten, er hatte sie nicht vergessen, und er würde sie wohl immer mit ihrer Kindheit in Verbindung bringen: damals, in den fünfziger Jahren im Elbsandsteingebirge. Meno wartete am Möbelhaus» Intecta «an den Altmarktarkaden Ecke Thälmannstraße, die vorweihnachtlich belebt war, und erkannte Anne schon von weitem; wie sie den ungebärdigen, orangefarbenen Schal zurückwarf, den sie über dem Mantel trug und der im eiligen Schritt immer wieder über die Schultern hinabrutschte, dieser Tupfen Orange im trüben Gewoge der mit Einkaufsbeuteln behängten Passanten; dann die Geste, unterwegs an der Spitze ihrer Handschuhfinger zu knabbern, als ob sie sie ausziehen wollte; daß sie das letzte Stück rannte jedesmal, wenn sie einander sahen, ihn stürmisch umarmte mit allen Taschen und Gemüsenetzen und an Bindfäden baumelnden Schachteln (hatte er Anne, seit sie geheiratet hatte und die Jungs über das Vorschulalter hinauswaren, je mit freien Händen gesehen — er konnte sich nicht erinnern), ihn umarmte, unbekümmert darum, was andere denken mochten, Menos Kollegen aus dem Verlag, wenn sie ihn dort abholte (die Dresdner Edition sah auf den Altmarkt, Meno brauchte nur den Platz zu überqueren, um zum Möbelhaus zu gelangen), oder ihre Kolleginnen aus dem Krankenhaus Neustadt, die sie manchmal im Auto mitnahm zu den alltäglichen Besorgungen. Anne stellte nie vor, die Frauen nickten und schwärmten aus im eiligen trainierten Schritt der Mütter, die nach der Frühschicht, ihrer ersten Arbeit, nun in die wenigen bis zum Ladenschluß verbleibenden Stunden ihrer zweiten Arbeit aufbrachen, es mußte etwas in den Zeitungen gestanden haben, oder der Buschfunk hatte ein Gerücht verbreitet von Lieferungen:»Hausfrauen aufgepaßt — Einweckgläser vorrätig «im Centrum-Warenhaus (man brauchte sie im Herbst, aber sie kamen im Winter, was sollte man machen, warten? das rächte sich immer), anderntags die Gummis für die Einweckgläser;»Haarföns eingetroffen«(diese bestimmte flunderförmige Sorte mit blauem Plastgehäuse und schwarzer Schnauze, die nach ein paar Minuten Düsenlärm nach verbrannter Fliege roch), oder» Alles für das Kind«: Babyflaschen aus Jenaer Glas, das beim Erhitzen nicht zersprang, Windeln, die nicht mehr als drei, vier Kochwäschen überstehen würden, Windelkochtöpfe, Windelkochthermometer, Milasan-Babynahrung, Schnuller, zwei, drei der modernen, unbezahlbaren Kinderwagen, die sich, eigentlich für den Export bestimmt, in eine belagerte Abteilung eines peripheren Kaufhauses verirrt hatten …