Die Vermessung der Welt
- Автор: Кельман Даниэль
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:
es der Außenminister gewesen war.
Jefferson habe Ländereien, flüsterte Madison.
Und?
Mit allem, was dazugehöre.
Humboldt wechselte das Thema. Er erzählte vom
schmutzigen Hafen Havannas, vom Hochland von Caxamarca, von Atahualpas versunkenem Goldgarten, von
den Tausende Meilen langen Steinwegen, mit denen das
Inkavolk die unzähligen Anhöhen verbunden hatte. Er
hatte schon mehr getrunken, als er es gewöhnt war, sein
Gesicht rötete sich, seine Bewegungen wurden ausladender. Immer schon sei er unterwegs gewesen, seit seinem
achten Lebensjahr. Nie habe er mehr als sechs Monate an
einem Ort verbracht. Er kenne alle Kontinente und habe
die Fabelwesen gesehen, von denen die orientalischen
Märchenerzähler berichteten: fliegende Hunde, mehrköpfige Schlangen und äußerst polyglotte Papageien.
Leise vor sich hin lachend, ging er schlafen.
Am nächsten Tag hatte er, trotz seiner Kopfschmerzen,
eine lange Unterredung im elliptisch geformten Arbeitszimmer des Präsidenten. Jefferson lehnte sich zurück und
nahm seine Brille ab.
Bifokalgläser, erklärte er, sehr brauchbar, eine der vielen
Erfindungen seines Freundes Franklin. Offen gesagt, der
Mann sei ihm immer unheimlich gewesen, er habe ihn
nie begriffen. Ja natürlich, gern. Hier!
Während Humboldt die Brille untersuchte, faltete Jefferson die Hände auf der Brust und begann Fragen zu
stellen. Wenn Humboldt abschweifte, schüttelte er mild
den Kopf, unterbrach und fragte noch einmal. Auf dem
Tisch lag wie zufällig eine Karte von Mittelamerika. Er
wollte alles über Neuspanien, dessen Transportwege und Bergwerke wissen. Es interessierte ihn, wie die Administration arbeitete, wie im Land und über den Ozean hinweg Befehle übermittelt wurden, wie die Stimmung unter den Adeligen war, wie groß die Armee, wie ausgerüstet, wie gut ausgebildet. Wenn man eine Großmacht zum Nachbarn habe, könne man nie genug Information besitzen. Dennoch mache er den Herrn Baron darauf aufmerksam, daß er im Auftrag der spanischen Krone gereist sei. Womöglich verpflichte ihn das zu Verschwie
genheit.
Ach warum, sagte Humboldt. Wem solle es schaden? Er
beugte sich über die Karte, deren zahlreiche Fehler er
gerade berichtigt hatte, und markierte mit genau gesetzten Kreuzen die Standorte der wichtigsten Garnisonen. Jefferson bedankte sich seufzend. Was wisse man hier
schon? Man sei eine kleine Protestantengemeinde am
Rand der Welt. Unendlich weit von allem.
Humboldt warf einen Blick durchs Fenster. Zwei Arbeiter schleppten eine Leiter vorbei, ein dritter hob eine
Kiesgrube aus. Um ehrlich zu sein, er könne es nicht erwarten, wieder nach Hause zu kommen.
Nach Berlin?
Humboldt lachte. Kein Mensch von Verstand könne
diese greuliche Stadt sein Zuhause nennen. Er meine
natürlich Paris. In Berlin, soviel sei sicher, werde er nie
wieder wohnen.
Der Sohn
Mißmutig legte Gauß seine Serviette weg. Das Essen hatte ihm gar nicht geschmeckt. Aber da er sich schlecht darüber beschweren konnte, begann er über die Stadt zu schimpfen. Er fragte, wie man es hier aushalten könne.
Es habe auch Vorteile, sagte Humboldt unbestimmt. Welche?
Humboldt sah ein paar Sekunden starr auf die Tischplatte. Ihm schwebe vor, sagte er dann, die Erde mit einem Netz magnetischer Beobachtungsstationen zu überziehen. Er wolle herausfinden, ob es einen, zwei oder unzählige Magneten in ihrem Inneren gebe. Die Royal Society habe er schon dafür gewonnen, aber er brauche noch die Hilfe des Fürsten der Mathematiker!
Dazu brauche man keinen besonderen Mathematiker, sagte Gauß. Er habe sich schon mit fünfzehn mit Magnetismus beschäftigt. Kinderkram. Bekomme man hier auch Tee?
Konsterniert schnippte Humboldt mit den Fingern. Es war früher Nachmittag, und der Professor hatte sechzehn Stunden Schlaf hinter sich. Humboldt dagegen war wie jeden Tag um fünf Uhr morgens aufgestanden, hat-te nicht gefrühstückt, sondern ein paar Versuche über die Fluktuation des Erdmagnetfelds gemacht, dann ein Memorandum über Kosten und möglichen Nutzen ei-ner Robbenzucht in Warnemünde diktiert, vier Briefe an zwei Akademien aufgesetzt, mit Daguerre über das offenbar unlösbare Problem der chemischen Bildfixierung auf Kupferplatten diskutiert, zwei Tassen Kaffee getrunken, sich zehn Minuten ausgeruht und drei Kapitel seines Reisewerkes mit Fußnoten zur Kordillerenflora versehen. Er hatte mit dem Sekretär der Naturforschergesellschaft über den Ablauf des für den Abend geplanten Empfangs gesprochen, für den neuen mexikanischen Premierminister eine kleine Denkschrift über die Abpumpung von Grubenwasser geschrieben und die Fragebriefe zweier Biographen beantwortet. Dann war Gauß, schläfrig und schlecht gelaunt, aus dem Gästezimmer gekommen und hatte nach Frühstück verlangt.
Was Berlin betreffe, sagte Humboldt, so habe er kaum eine Wahl gehabt. Nach langen Jahren in Paris sei ihm … Er strich seine weißen Haare aus dem Gesicht, holte ein Taschentuch hervor, schneuzte sich leise, faltete es und strich es glatt, bevor er es zurück in die Tasche schob. Wie solle er das nun sagen?
Das Geld ausgegangen?
Eine zu drastische Formulierung. Aber die Dokumentation der Reise habe seine Mittel mehr oder minder aufgebraucht. Vierunddreißig Bände. All die Tafeln und
Stiche, die Karten und Illustrationen. Und das in Kriegszeiten, bei Materialknappheit und stark erhöhten Löhnen. Er habe ganz allein eine Akademie sein müssen. Und so sei er nun eben Kammerherr, speise bei Hof und sehe täglich den König. Es gebe Schlimmeres.
Offenbar, sagte Gauß.
Immerhin schätze Friedrich Wilhelm die Forschung! Napoleon habe ihn und Bonpland immer gehaßt, weil dreihundert seiner Wissenschaftler in Ägypten weniger ausgerichtet hätten als sie beide in Südamerika. Nach ihrer Rückkehr seien sie monatelang Stadtgespräch gewesen. Napoleon sei das gar nicht recht gewesen. Du-prés habe einige sehr schöne Reminiszenzen dieser Zeit in Humboldt – Grand voyageur aufgenommen. Ein Buch, das den Fakten geringere Gewalt antue als etwa Wilsons Scientist and Traveller: My Journeys with Count Humboldt in Central America.
Eugen fragte, was aus Herrn Bonpland geworden sei. Man sah ihm an, daß er nicht gut geschlafen hatte. Gemeinsam mit zwei Dienstboten hatte er in einer stickigen Kammer im Nebenhaus übernachten müssen. Er hatte nicht gewußt, daß Menschen so laut schnarchen konnten.
Bei seiner einzigen Audienz, erzählte Humboldt, habe der Kaiser ihn gefragt, ob er Pflanzen sammle. Er habe bejaht, der Kaiser habe gesagt, ganz wie seine Frau, und sich brüsk abgewandt.
Seinetwegen, sagte Gauß, habe Bonaparte auf den Beschuß Göttingens verzichtet.
Das habe er gehört, sagte Humboldt, aber er bezweifle das, es habe wohl eher strategische Gründe gehabt. Wie auch immer, später habe Napoleon ihn als preußischen Spion aus dem Land weisen wollen. Die gesamte Akademie habe sich zusammentun müssen, um es zu verhindern. Dabei habe er niemanden – Humboldt warf dem Sekretär einen Blick zu, der schlug sofort den Schreibblock auf –, dabei habe er niemanden aushorchen wollen außer der Natur, habe keine anderen Geheimnisse gesucht als die so offen liegenden Wahrheiten der Schöpfung.
Offen liegenden Wahrheiten der Schöpfung, wiederholte der Sekretär mit gespitzten Lippen.
Die so offen liegenden!