Die Vermessung der Welt
- Автор: Кельман Даниэль
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:
betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. Also sei es wahr, sagte er in gebrochenem Deutsch.
Trotz allen Geredes.
Welchen Geredes? Seit der Begegnung mit Brombacher hatte Humboldt nicht mehr seine Muttersprache
verwendet. Sein Deutsch klang hölzern und unsicher,
immer wieder mußte er nach Worten suchen.
Gerüchte, sagte Andres. Etwa, daß er ein Spion der
Vereinigten Staaten sei. Oder einer der Spanier. Humboldt lachte. Ein spanischer Spion in der spanischen Kolonie?
Aber ja, sagte Andres. Lange werde man nicht mehr
Kolonie sein. Drüben wisse man das, und hier wisse man
es erst recht.
Nahe dem Hauptplatz hatte man begonnen, die Reste
des von Cortés zerstörten Tempels auszugraben. Im
Schatten der Kathedrale standen gähnende Arbeiter, der
stechende Geruch von Maisfladen hing in der Luft. Auf
dem Boden lagen Knochenschädel mit Edelsteinaugen,
Dutzende Obsidianmesser, kunstvoll in Stein geritzte Bilder menschlicher Schlachtungen, kleine Tonfiguren mit offenem Brustkotb. Da war auch ein Steinaltar aus grob gehauenen Totenköpfen. Der Maisgeruch störte Humboldt, ihm war nicht wohl. Als er sich umdrehte, sah
er Wilson und Gomez mit ihren Notizblöcken.
Er bat sie, ihn allein zu lassen, er müsse sich konzentrieren.
So arbeite ein großer Forscher, sagte Wilson.
Allein sein, um sich zu konzentrieren, sagte Gomez.
Das solle die Welt erfahren!
Humboldt stand vor einem riesigen Rad aus Stein. Ein
Gewirbel aus Echsen, Schlangenköpfen und in geometrische Splitter zerbrochenen Menschenfiguren. In der Mitte
ein Gesicht mit herausgestreckter Zunge und lidlosen Augen. Er sah lange hin. Allmählich ordnete sich das Chaos;
er erkannte Entsprechungen, Bilder, die einander ergänzten, Symbole, die, nach feinen Gesetzmäßigkeiten wiederholt, Zahlen verschlüsselten. Das hier war ein Kalender.
Er versuchte ihn abzuzeichnen, aber es gelang nicht, und
das hatte irgend etwas mit dem Gesicht in der Mitte zu
tun. Er fragte sich, wo er diesem Blick schon begegnet war.
Der Jaguar fiel ihm ein, dann der Junge in der Lehmhütte. Beunruhigt sah er auf seinen Block. Er würde hierfür
einen professionellen Zeichner brauchen. Er starrte in das
Gesicht, und es lag wohl an der Hitze oder am Maisgeruch, daß er sich auf einmal abwenden mußte.
Zwanzigtausend, sagte ein Arbeiter vergnügt. Zur
Einweihung des Tempels seien zwanzigtausend Menschen
geopfert worden. Einer nach dem anderen: Herz raus,
Kopf ab. Die Reihen der Wartenden hätten bis zum Rand
der Stadt gereicht.
Guter Mann, sagte Humboldt. Reden Sie keinen Un
sinn!
Der Arbeiter sah ihn beleidigt an.
Zwanzigtausend an einem Ort und Tag, das sei undenkbar. Die Opfer würden es nicht dulden. Die Zuschauer würden es nicht dulden. Ja mehr noch: Die
Ordnung der Welt vertrüge derlei nicht. Wenn so etwas
wirklich geschähe, würde das Universum enden.
Dem Universum, sagte der Arbeiter, sei das scheiß-
egal.
Am Abend aß Humboldt beim Vizekönig. Andres
del Rio und mehrere Mitglieder der Regierung waren
gekommen, ein Museumsdirektor, einige Offiziere und
ein kleiner, schweigsamer Herr mit dunkler Hautfarbe
und außergewöhnlich eleganter Kleidung: der Conde
de Moctezuma, Ururenkel des letzten Gottkönigs und
Grande des spanischen Reichs. Er bewohnte ein Schloß
in Kastilien und wat geschäftehalber für ein paar Mo-nate in der Kolonie. Seine Frau, eine großgewachsene
Schönheit, sah Humboldt mit unverhohlenem Interesse
an.
Zwanzigtausend sei schon richtig, sagte der Vizekönig.
Vielleicht auch mehr, die Schätzungen gingen auseinander. Unter Tlacaelel, dem letzten Hohepriester, sei das
Reich ganz dem Blut verfallen.
Nicht daß das Hohepriesterdasein wünschenswert gewesen sei, sagte Andres. Man habe sich selbst regelmäßig
verstümmeln müssen. Beispielsweise habe man, er bitte
die Damen um Verzeihung, zu wichtigen Festen seinem
Gemächt Blut abgezapft.
Humboldt räusperte sich und begann von Goethe zu sprechen, auch von seinem älteren Bruder und deren gemeinsamem Interesse für die Sprachen alter Völker. Diese hielten sie für eine Art besseres Latein, reiner und näher am Ursprung der Welt. Er frage sich, ob das auch
fürs Aztekische zutreffe.
Der Vizekönig sah fragend den Conde an.
Er könne keine Auskunft geben, sagte der, ohne von
seinem Teller aufzuschauen. Er spreche nur Spanisch. Um das Thema zu wechseln, fragte der Vizekönig
Humboldt nach seiner Meinung über die Silberminen. Ineffektiv, sagte Humboldt geistesabwesend, überall
Dilettantismus und Stümperei. Er schloß einen Moment
die Augen, sofort erschien das Steingesicht vor ihm. Etwas hatte ihn gesehen, das spürte er, und würde ihn nicht
mehr vergessen. Nur der gewaltige Überschuß von Silber,
hörte er sich sagen, erlaube die Vortäuschung von Effizienz. Die Mittel seien überholt, die Diebstahlsquote sei
enorm, das Personal ungenügend ausgebildet.
Einige Sekunden war es still. Der Vizekönig warf dem
blaß gewordenen Andres del Rio einen Blick zu.
Das sei natürlich übertrieben formuliert, sagte Humboldt, erschrocken über sich selbst. Vieles habe ihn beeindruckt!
Der Conde sah ihn schwach lächelnd an.
Neuspanien brauche einen fähigen Bergwerksminister,
sagte der Vizekönig.
Humboldt fragte, an wen er da denke.
Der Vizekönig schwieg.
Unmöglich, sagte Humboldt und hob die Hände. Er
sei Preuße, er könne nicht für ein anderes Land Dienst
tun.
Erst später am Abend brachte er es fertig, ein paar
Worte mit dem Conde zu wechseln. Leise fragte er ihn,
was er über ein riesiges Kalenderrad aus Stein wisse. Etwa fünf Ellen im Radius?
Humboldt nickte.
Mit gefiederten Schlangen, ein starres Gesicht im Mittelpunkt?
Ja, rief Humboldt.
Darüber wisse er nicht das geringste, sagte der Conde.
Er sei kein Indianer, sondern spanischer Grande. Humboldt fragte, ob es keine Familienüberlieferung
gebe.
Der Conde richtete sich zu seiner vollen Höhe auf und
reichte nun bis zu Humboldts Brust. Sein Vorfahr habe
sich von Cortés kidnappen lassen. Er habe um sein Leben gefleht wie eine Frau, habe gejammert und geweint
und schließlich, nach Wochen der Gefangenschaft, die
Seiten gewechselt. Es seien Azteken gewesen, die ihn mit
Steinwürfen getötet hätten, Wenn er, der Conde de Moctezuma, jetzt auf den Hauptplatz ginge, er würde keine
fünf Minuten leben. Der Conde überlegte. Vielleicht,
sagte er dann, würde auch gar nichts passieren. Alles sei