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Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:

Mit hintergründigem Humor schildert Daniel Kehlmann das Leben zweier Genies: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Er beschreibt ihre Sehnsüchte und Schwächen, ihre Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Größe, Scheitern und Erfolg. Ein philosophischer Abenteuerroman von seltener Phantasie, Kraft und Brillanz.
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Ach was, flüsterte ihm der gutgelaunte Daguerre ins Ohr, das werde noch Jahre dauern, bis er ein Bild machen könne. Zwar werde es mit der Belichtung irgendwann schon hinkommen, aber er und sein Kompagnon Niepce hätten nicht die geringste Idee, wie man das Silberjodid fixieren solle.

Gauß zischte, Daguerre zuckte die Achseln und verstummte.

Wer in den Nachthimmel sehe, sagte Humboldt, ma-che sich keine rechte Vorstellung von den Erstreckungen dieses Gewölbes. Der Lichtnebel der Magellanschen Wolken über der südlichen Hemisphäre sei keine amorphe Substanz, kein Dunst oder Gas, sondern bestehe aus Sonnen, welche bloß die schiere Entfernung optisch in eins fließen lasse. Ein Milchstraßenabschnitt von zwei Grad Breite und fünfzehn Grad Länge, wie ihn das Okular eines Fernrohres erfasse, enthalte mehr als fünfzigtausend zählbare Sterne und wohl an die einhunderttausend, die man ob ihrer Lichtschwäche nicht mehr unterscheiden könne. Somit bestehe die Milchstraße aus zwanzig Millionen Sonnen, die ein von ihr um einen Durchmesser ihrer selbst entferntes Auge allerdings nur mehr als matten Schimmer wahrnehmen würde, als einen jener Nebelflecke, von denen die Astronomen mehr als dreitausend gezählt hätten. Man frage sich also, warum bei so viel Sternen nicht der ganze Himmel ständig von Licht erfüllt, wieso da draußen so viel Schwärze sei, und komme nicht umhin, ein der Helligkeit entgegengesetztes Prinzip, etwas Hemmendes in den Zwischenräumen, einen lichtlöschenden Äther anzunehmen. Einmal mehr beweise sich so die vernünftige Einrichtung der Natur, denn schließlich hebe jede menschliche Kultur mit der Beobachtung der Bahnen der Himmelskörper an.

Humboldt öffnete zum erstenmal weit die Augen. Einer dieser im schwarzen Äther schwimmenden Kör-per sei die Erde. Ein Feuerkern, umschlossen von einer starren, einer tropfbar flüssigen und einer elastisch flüssigen Hülle, welche alle drei dem Leben Heimat böten. Selbst in unterirdischen Tiefen habe er lichtlos wuchern – des Pflanzenzeug gefunden. Dem Feuerkern der Erde dienten die Vulkane als natürliche Ventile, die steinerne Kruste wiederum sei von zwei Meeren bedeckt, ei-nem aus Wasser und einem aus Luft. Durch beide laufe ein beständiges Strömen: etwa jener berühmte Strom des Golfs, welcher die Wasser des atlantischen Meeres über die Landenge von Nicaragua und Yucatan treibe, dann durch den Kanal von Bahama nordöstlich gegen die Bank von Neurundland und von dort südöstlich zu den Azoren, worin man auch die Ursache für die wunderliche Erscheinung von Palmenfrüchten, fliegenden Fischen und manchmal sogar lebenden Eskimos in ih-ren Paddelbooten zu sehen habe, die man immer wieder an der irischen Küste antreffe. Er selbst habe im stillen Meer einen nicht minder wichtigen Strom entdeckt, der längs Chile und Peru das kalte Nordwasser an die Wendekreise führe. All sein Bitten, er lächelte halb eitel und halb verlegen, habe den Seeleuten nicht austreiben können, ihn den Humboldtstrom zu nennen. Ähnlich bewirkten die Ströme des Luftozeans, in Bewegung gehalten von den Schwankungen der Sonnenwärme und gebrochen an den Schräghängen der großen Steinmassive, daß die Verteilung der Gewächsarten nicht den Breitengraden, sondern isothermisch geschwungenen Linien folge. Dieses System der Ströme verbinde die Erdteile zur wirkenden Einheit. Humboldt schwieg einen Moment, als ob der kommende Gedanke ihn rührte. Wie in den Erdhöhlungen, so auch im Meer, so auch an der Luft: Überall gediehen Pflanzen. Vegetation, das sei die offen liegende, die in stumme Reglosigkeit aufgefaltete Spiel-art des Lebens. Pflanzen besäßen keine Innerlichkeit, nichts Verstecktes, alles an ihnen sei Außen. Ausgesetzt und wenig geschützt, an die Erde und deren Bedingungen gefesselt, lebten sie doch und überdauerten. Insekten hingegen und Tiere und Menschen seien geschützt und gepanzert. Die konstante Temperatur ihres Inneren setze sie instand, wechselnde Bedingungen zu ertragen. Wer ein Tier ansehe, wisse noch nichts, während das Gewächs jedem Blick sein Wesen offenbare.

Jetzt werde er sentimental, flüsterte Daguerre.

So steige das Leben durch Stadien wachsender Verbergung seiner Organisation, bis es jenen Sprung mache, den man getrost den weitestmöglichen nennen könne: dem Blitzschlag der Vernunft. Hin zu ihm finde keine Entwicklung in Graden statt. Die zweitgrößte Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei. Die größte jedoch die Idee, er stamme vom Affen ab.

Mensch und Affe! Daguerre lachte.

Humboldt legte den Kopf in den Nacken und schien den eigenen Worten nachzuhorchen. Das Verständnis des Kosmos sei weit fortgeschritten. Mit Fernrohren erkunde man das Universum, man kenne den Aufbau der Erde, ihr Gewicht und ihre Bahn, habe die Geschwindigkeit des Lichtes bestimmt, verstehe die Ströme des Meeres und die Bedingungen des Lebens, und bald werde man das letzte Rätsel, die Kraft der Magneten, gelöst haben. Das Ende des Wegs sei in Sicht, die Vermessung der Welt fast abgeschlossen. Der Kosmos werde ein begriffener sein, alle Schwierigkeiten menschlichen Anfangs, wie Angst, Krieg und Ausbeutung, würden in die Vergangenheit sinken, wozu gerade Deutschland und nicht zuletzt die Forscher dieser Versammlung den vordringlichsten Beitrag leisten müßten. Die Wissenschaft werde ein Zeitalter der Wohlfahrt herbeiführen, und wer könne wissen, ob sie nicht eines Tages sogar das Problem des Todes lösen wer-de. Einige Sekunden stand Humboldt unbewegt. Dann verbeugte er sich.

Seit der Rückkehr aus Paris, flüsterte Daguerre in den Applaus, sei der Baron nicht mehr der alte. Es falle ihm schwer, sich zu konzentrieren. Auch neige er zu Wiederholungen.

Gauß fragte, ob er wirklich aus Geldmangel zurückgekommen sei.

Vor allem eines Befehls wegen, sagte Daguerre. Der König habe nicht mehr dulden wollen, daß sein berühmtester Untertan im Ausland lebe. Humboldt habe alle Briefe des Hofes mit Ausflüchten beantwortet, aber der letzte habe eine so klare Anweisung enthalten, daß er sich nur durch offenen Bruch hätte widersetzen können. Und für den, Daguerre lächelte, hätten dem alten Herrn die Mittel gefehlt. Sein lang erwarteter Reisebericht habe das Publikum enttäuscht: Hunderte Seiten voller Meßergebnisse, kaum Persönliches, praktisch keine Abenteuer. Ein tragischer Umstand, der seinen Nachruhm schmälern werde. Ein berühmter Reisender werde nur, wer gute Geschichten hinterlasse. Der arme Mann habe einfach keine Ahnung, wie man ein Buch schreibe! Jetzt sitze er in Berlin, baue eine Sternwarte, habe tausend Projekte und gehe dem ganzen Stadtrat auf die Nerven. Die jüngeren Wissenschaftler lachten über ihn.

Er wisse ja nicht, wie es in Berlin sei. Gauß stand auf. Aber in Göttingen habe er keinen jungen Wissenschaftler getroffen, der kein Esel sei.

Sogar mit dem höchsten Berg sei es nichts, sagte Daguerre und folgte Gauß zum Ausgang. Man habe inzwischen herausgefunden, daß der Himalaja viel höhere habe. Ein schwerer Schlag für den alten Herrn. Jahrelang habe er es nicht wahrhaben wollen. Außerdem habe er sich nie davon erholt, daß seine Indienexpedition gescheitert sei.

Auf dem Weg zum Foyer rempelte Gauß eine Frau an, trat einem Mann auf den Fuß und schneuzte sich zweimal so laut, daß mehrere Offiziere ihn verächtlich ansahen. Er war es nicht gewöhnt, sich unter so vielen Menschen zu bewegen. Helfend faßte Daguerre nach seinem Ellenbogen, aber Gauß fuhr ihn an. Was ihm einfalle! Er überlegte einen Moment, dann sagte er: Salzlösung.

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