Die Vermessung der Welt
- Автор: Кельман Даниэль
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:
Am Bootssteg von Veracruz also stand ein schnurrbärtiger Mann. Er heiße Gomez und schreibe für mehrere Journale sowohl Neuspaniens als auch des Mutterlands. Er bitte untertänig, den Herrn Grafen begleiten zu dürfen.
Nicht Graf, sagte Bonpland. Nur Baron.
Da er seine Reise selbst beschreiben wolle, komme ihm das unnötig vor, sagte Humboldt und sah Bonpland
vorwurfsvoll an.
Gomez versprach, daß er ein Schatten sein werde, ein
Schemen, praktisch unsichtbar, daß er jedoch alles beobachten wolle, was nach Zeugen verlange.
Humboldt bestimmte zunächst die geographische Position der Hafenstadt. Ein exakter Atlas von Neuspanien,
diktierte er Gomez, während er auf dem Rücken lag und
das Teleskop auf den Nachthimmel richtete, könne die
Besiedlung der Kolonie fördern, die Unterwerfung der
Natur beschleunigen, das Geschick des Landes in eine
günstige Richtung lenken. Angeblich habe ein deutscher
Astronom die Bahn eines neuen Wandelsterns berechnet.
Leider sei es unmöglich, Genaues zu erfahren, die Journale seien hier so rückständig. Manchmal wolle er heim.
Er senkte das Fernrohr und bat Gomez, die letzten beiden
Sätze aus seinen Notizen zu streichen.
Sie zogen ins Gebirge. Bonpland hatte sich vom Fiebet
erholt: Er sah dürrer und trotz der Sonne blaß aus, er hatte die ersten Falten und deutlich weniger Haare als noch
vor ein paar Jahren. Neu war, daß er an den Fingernägeln
kaute, und aus Gewohnheit hustete er noch von Zeit zu Zeit. Ihm fehlten jetzt so viele Zähne, daß ihm das Essen
schwerfiel.
Humboldt dagegen schien unverändert. In alter Geschäftigkeit arbeitete er an einer Aufrißkarte des Kontinents. Er verzeichnete die Vegetationszonen, den in
zunehmender Höhe absinkenden Luftdruck, das Ineinanderfließen der Gesteine im Berginneren. Um die Steinformationen zu unterscheiden, kroch er in Felslöcher, die
so klein waren, daß er mehrmals steckenblieb und Bonpland ihn an den Füßen herausziehen mußte. Er kletterte
auf einen Baum, ein Ast brach ab, und Humboldt stürzte
auf den mitschreibenden Gomez.
Der fragte Bonpland, was Humboldt für ein Mensch
sei.
Er kenne ihn besser als irgendeinen, sagte Bonpland.
Besser als seine Mutter und seinen Vater, besser auch als
sich selbst. Er habe es sich nicht ausgesucht, doch so sei es
gekommen.
Und?
Bonpland seufzte. Er habe keine Ahnung.
Gomez fragte, wie lange sie schon gemeinsam unterwegs seien.
Er wisse es nicht, sagte Bonpland. Vielleicht ein Leben
lang. Vielleicht länger.
Warum habe er all das auf sich genommen?
Bonpland sah ihn mit rot unterlaufenen Augen an. Warum habe er, wiederholte Gomez, es auf sich genommen? Warum sei er der Assistent –
Nicht Assistent, sagte Bonpland. Mitarbeiter. Warum also sei er der Mitarbeiter dieses Mannes geblieben, trotz all der Mühen und all die Jahre hindurch? Bonpland dachte nach. Aus vielen Gründen.
Zum Beispiel?
Eigentlich, sagte Bonpland, habe er bloß immer weggewollt aus La Rochelle. Dann habe eines zum anderen
geführt. Die Zeit vergehe so absurd schnell.
Das, sagte Gomez, sei keine Antwort.
Er müsse jetzt Kakteen zerschneiden. Bonpland wand-te sich ab und erkletterte mit flinken Bewegungen die
nächste Anhöhe.
Humboldt stieg unterdessen in die Mine von Taxco
hinab. Einige Tage beobachtete er die Silberförderung,
inspizierte die Verschalung der Stollen, beklopfte den
Stein, unterhielt sich mit den Vorstehern. Mit seiner
Atemmaske und der Grubenlampe sah er aus wie ein Dä
mon. Wo immer er auftauchte, fielen die Arbeiter auf die
Knie und riefen Gott um Hilfe an. Mehrmals mußten die
Vorarbeiter ihn vor Steinwürfen schützen.
Am meisten faszinierte ihn die Findigkeit der Arbeiter
beim Diebstahl. Keiner durfte in den Förderkorb, bevor
man ihn auf das genaueste untersucht hatte. Dennoch
fanden sie immer wieder Wege, um Erzstücke mitzunehmen. Humboldt fragte, ob er sich der Wissenschaft
halber an der Leibesvisitation beteiligen dürfe. Er fand
Silberklumpen im Haar, in den Achselhöhlen, in den
Mündern und selbst im Anus der Männer. Derlei Arbeit
widerstrebe ihm, sagte er zum Bergwerksleiter, einem gewissen Don Fernando García Utilla, der ihm träumerisch
zusah, wie er den Bauchnabel eines kleinen Jungen betastete; allein, die Wissenschaft und die Staatswohlfahrt
verlangten es. Ein geregeltes Ausbeuten der Schätze der
tiefen Erde sei nicht denkbar, wenn man nicht den Einzelnteressen der Arbeitenden entgegenwirke. Er wiederholte den Satz, damit Gomez mitschreiben konnte. Außerdem sei es ratsam, die Anlagen zu erneuern. Es gebe zu
viele Unfälle.
Man habe genug Leute, sagte Don Fernando. Wer
sterbe, könne ersetzt werden.
Humboldt fragte ihn, ob er Kant gelesen habe. Ein wenig, sagte Don Fernando. Aber er habe Einwände gehabt, Leibniz liege ihm mehr. Er habe deutsche
Vorfahren, deshalb kenne er all diese schönen Phantastereien.
Am Tag ihrer Weiterreise standen zwei Fesselballons
rund und leuchtend neben der Sonne. Das sei jetzt Mode,
erklärte Gomez, jeder Mann von Stand und Mut wolle
einmal mitfliegen.
Vor Jahren habe er den ersten Ballon über Deutschland gesehen, sagte Humboldt. Glücklich, wer damals
geflogen sei. Als es gerade kein Wunder mehr gewesen sei
und noch nichts Irdisches. Wie die Entdeckung eines
neuen Sterns.
Bei Cuernavaca sprach sie ein junger Nordamerikaner
an. Er hatte einen raffiniert gezwirbelten Bart, hieß Wilson und schrieb für den Philadelphia Chronicle.
Das sei ihm jetzt zuviel, sagte Humboldt.
Natürlich stünden die Vereinigten Staaten im Schatten des großen Nachbarn, sagte Wilson. Doch auch ihr
junges Staatswesen habe eine Öffentlichkeit, die mit
wachsendem Interesse die Taten von General Humboldt
verfolge.
Bergwerksassessor, sagte Humboldt, um Bonpland zuvorzukommen. Nicht General!
Vor der Hauptstadt legte Humboldt Galauniform an.
Eine Delegation des Vizekönigs erwartete sie mit dem
Stadtschlüssel auf einer Anhöhe. Seit Paris waren sie in
keiner Metropole dieser Größe gewesen. Es gab eine
Universität, eine öffentliche Bücherei, einen botanischen
Garten, eine Akademie der Künste und eine Bergbauakademie nach preußischem Vorbild unter der Leitung
von Humboldts ehemaligem Freiberger Mitschüler Andres del Rio. Über das Wiedersehen schien der sich nicht
mehr als nötig zu freuen. Er legte Humboldt die Hände
auf die Schultern, hielt ihn auf Armeslänge von sich und