Das Olschieferskelett. Eine Zeitreise
- Автор: Kegel Bernhard
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Das Olschieferskelett. Eine Zeitreise». Краткое содержание книги:
Dr. Helmut Axt ist als Leiter dieser Grube durchaus an Überraschungen gewöhnt, doch als ein menschliches Skelett - ein menschliches Skelett mit Zahnkronen und Armbanduhr - aus dem 50 Millionen Jahre alten Ölschiefer geborgen wird, steht Axt am Rande eines Zusammenbruchs. Er versteht seine Wissenschaft nicht mehr, als zwischen tertiären Krokodilen, Fledermäusen und Käfern das Fossil eines Menschen auftaucht. Axt macht sich - gemeinsam mit uns Lesern - auf ins vorgeschichtliche Erdzeitalter, um am Ende an Leib und Seele unbeschadet wieder in die Gegenwart zurückzufinden, im Gegensatz zu jenem Unglücklichen, den man fossiliert im Ölschiefergestein von Messel gefunden hat.
Wer glaubt, Evolution sei mit Darwin erledigt und als Thema ein alter Hut, täuscht sich ganz gewaltig. Immer wieder sorgen neue Entdeckungen für Aufsehen und Spannung. Bernhard Kegel erzählt in seinem Roman die phantastische Geschichte eines unmöglichen Skeletts und bringt seinen Leser dabei elegant auf den neuesten Stand evolutionärer Erkenntnissse.
BERNHARD KEGEL, Jahrgang 1953, ist promovierter Biologe und lebt in Berlin. Als Käferspezialist führt er für den Senat für die Stadtentwicklung und Umweltschutz Feldforschungen durch. 1993 erschien sein erster Roman Wenzels Pilz. Darüber hinaus ist Bernhard Kegel auch Musiker und veröffentlichte mehrere CDs.
Wenn Micha nicht ruderte, saß er meist auf der hinteren Bank und blickte ihrer Fahrspur hinterher, beobachtete, wie die von den Ruderschlägen ausgelösten Wirbel sich beruhigten, die zurückbleibenden Blasen sich langsam wieder auflösten, oder er starrte nach vorne auf die Bergkette, der sie sich unmerklich näherten. Unaufhörlich nagten dann Angst und Verwirrung an seiner Selbstbeherrschung, und mehr als einmal mußte er den schier übermächtigen Impuls bekämpfen, sich der Ruder zu bemächtigen, das Boot zu drehen und wieder mit voller Kraft in Richtung Heimat zu fahren. Untätigkeit war Gift für ihn in diesen ersten Tagen, und so versuchte er sich meistens irgendwie zu beschäftigen. Oft griff er zu seinem Tagebuch und füllte Seite um Seite mit ausufernden Schilderungen seiner Angst-und Wahnvorstellungen, die im Dunkeln schier übermächtig zu werden drohten.
Nachts ließen sie sich einfach treiben und versuchten zu schlafen. Es war entsetzlich eng und unbequem. Die erste Nacht war am schlimmsten. Micha hatte sich sogar noch einen Pullover übergezogen, aber ihm war trotzdem kalt. Beklemmende Angst und der Schock taten das übrige. Während Tobias bald leise vor sich hin schnarchte, konnte Micha lange kein Auge zutun, starrte nur mit klappernden Zähnen in die kalte Schwärze um sie herum und versuchte verzweifelt, seine amoklaufenden Gedanken im Zaum zu halten.
Auch Claudia schlief kaum. Sie lag mit offenen Augen da, zuckte bei jeder zufälligen Berührung zusammen, als wolle man ihr an die Gurgel springen. Erst jetzt, mit stundenlanger Verspätung, traf ihn die ganze Wucht der Erkenntnis, daß Tobias offensichtlich die Wahrheit gesagt hatte. Wie sollte man in einer solchen Situation schlafen? Es war ihm unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Alles in ihm war in höchster Alarmbereitschaft. Schnatternd vor Angst und Kälte glaubte er immer wieder, irgendwelche schleichenden, schattenhaften Bewegungen in der Nähe des Bootes ausmachen zu können. Das gelegentliche leise Plätschern des Wassers versetzte ihn derart in Panik, daß an eine ruhige, besonnene Analyse der neuen Lage nicht im Traum zu denken war.
Nicht einmal die Sterne boten Trost, im Gegenteil. In fremder, willkürlich erscheinender Verteilung blinkten sie vom Himmel auf ihre erbärmliche Nußschale herab. Immer wieder versuchte Micha irgendwelche vertrauten Muster zu entdecken, aber da gab es nichts außer chaotisch anmutenden Sternhaufen, denen keine irgendwie geartete Ordnung zu entlocken war, und je länger er hinaufstarrte, desto verlorener kam er sich vor.
Die Vögel, die sie tagsüber hin und wieder vorbeifliegen sahen, blieben das einzige Zeichen von Leben, das ihnen in den nächsten drei Tagen begegnen sollte. Abgesehen von den Bergen, die aber noch in großer Entfernung lagen, gab es nichts als Wasser, so weit das Auge reichte, Wasser und schwere feuchte Luft.
Bei alldem war Micha unbegreiflich, wie Tobias das bei seiner ersten Reise alleine geschafft hatte. Schon der bloße Gedanke daran, hier allein, ohne jede Begleitung, auf dem Wasser zu schaukeln, machte ihn ganz krank. Sie redeten zwar kaum miteinander, aber wenigstens war er nicht allein.
Tobias hatte damals vier Tage benötigt, um das Wasser zu durchqueren. Das war die vage Aussicht, an die Micha sich klammerte, wenn er wieder mehr schlecht als recht eine Nacht überstanden hatte, endlose Stunden in schwüler mondloser Dunkelheit, in denen er mindestens zehnmal aufwachte, weil er sich an der Ruderbank, den Rudern oder den Rucksäcken stieß oder seine Gefährten ihm beim Umdrehen den Ellbogen in die Seite gerammt hatten.
Als Micha wieder einmal auf der Heckbank hockte und während der monotonen Bewegungen des Bootes versonnen die im Dunst zurückgelegte Wegstrecke überblickte, schoß ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, der ihn sofort alarmierte und ruckartig aufstehen ließ.
»He, Mann, paß doch auf! Bist du verrückt?« rief Tobias, und Claudia kreischte vorn auf, weil das Boot durch seine abrupte Bewegung bedenklich ins Schaukeln geraten war.
»Könnt ihr mir mal verraten, wie wir hier wieder zurückfinden sollen?« schrie Micha aus vollem Hals und zeigte mit weit aufgerissenen Augen in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Schaut euch doch an, wie es hier aussieht.«
»Trostlos«, sagte Claudia mit versteinertem Gesichtsausdruck.
»He, he, beruhige dich, Micha!« sagte Tobias. »Wir müssen immer nur nach Osten fahren, genau nach Osten!« Er tippte auf seinen Kompaß, den er an einer Schnur um den Hals trug. »Überhaupt kein Problem, glaub mir.«
Schlagartig fiel es ihm wieder ein: Tobias hatte es ja auch geschafft. Er war zurückgekommen. Es ging also. Nach Osten, immer nach Osten!
Micha ließ sich wieder auf die Sitzbank sinken und atmete tief durch. Nach Osten.
»Alles wieder okay?« Tobias hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. »Mach dir keine Sorgen! Die Insel mit dem Höhlenausgang ist ziemlich groß. Man kann sie kaum übersehen.«
Micha nickte. Besonders wohl fühlte er sich nicht, aber er zwang sich mit aller Kraft daran zu denken, daß Tobias auch zurückgefunden hatte, eine Methode, die sich auch in den nächsten Tagen bei ähnlichen Anfällen bewährte. Aufregen half eh nichts mehr. Der Wahnsinn hatte seinen Lauf genommen.
Sie ruderten jetzt immer zu zweit, lösten sich etwa im Stundenturnus ab, so daß sich jeweils einer ausruhen konnte. Kaum merklich war das Grollen und Rumpeln der Vulkane im Laufe der Zeit immer lauter geworden und hatte die Stille verdrängt. Aber die Einsamkeit und Verlorenheit, die Micha in dieser, Landschaft empfand, hätte nicht totaler sein können. Stundenlang saßen sie im Boot, ruderten mit langsamen, aber stetigen Schlägen und sprachen selten.
Claudia war besonders schweigsam. Das paßte nicht zu ihr und beunruhigte Micha. Aber was erwartete er eigentlich? Er war momentan auch kein sehr amüsanter Gesprächspartner. Da sie die ganze Zeit über auf engstem Raum zusammenhockten und jeder ununterbrochen unter Beobachtung der anderen stand, schienen sie sich alle so tief wie möglich in sich selbst zu verkriechen. Auch Tobias bildete da keine Ausnahme. Kaum einmal ein Lachen, nur unsichere Blicke.
Claudia saß gerade vorne im Bug, kraulte mit einer Hand Pencil, der unter der Sitzbank lag, und schaute in Fahrtrichtung in den Dunst hinaus. Es herrschte absolute Flaute.
Wie das plötzliche Kreischen einer Motorsäge zerschnitt ihr Schrei die Stille, und Michas Herzschlag machte einen Sprung. Sie hörten sofort auf zu rudern und drehten sich um. Claudia zeigte auf eine Stelle im Wasser. Etwa zwanzig Meter schräg rechts vor der Titanic bildete sich aus dem Nichts eine gigantische blauweiße Wasserblase, die immer größer wurde, schließlich zerfloß und den warzigen Rücken eines riesigen Lebewesens offenbarte. Eine meterhohe Dampf- und Wasserfontäne schoß direkt neben ihnen fauchend in die Luft, und sie hielten alle starr vor Schreck den Atem an. Das Boot begann zu schaukeln. Noch ein Aufschrei. Pencil verkroch sich winselnd tiefer in sein Versteck. Meter für Meter wälzte sich ein von Seepocken, Muscheln und anderem Bewuchs bedeckter Rük-ken durch das Wasser, bis die riesige Schwanzflosse eines Wals baumhoch und unverkennbar vor ihnen aufragte. Kurz danach erinnerten nur noch die sich auf dem spiegelglatten Wasser rasch entfernenden Wellenkreise daran.
Nach einem kurzen Moment verblüfften Schweigens entlud sich ihre Anspannung in freudigem Gejohle und Gekreische. Sie hatten einen Wal gesehen, einen richtigen, lebenden, riesig großen Wal. Wie um ihnen eine Freude zu machen, tauchte er hundert Meter weiter wieder auf, blies seine Fontäne in die Luft und verschwand schnaufend in der Tiefe. Diesmal begrüßten sie den Riesen mit lautem Geschrei.