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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Die kleine Flotte war bereits weit in die Bucht hinausgefahren, als Cersei fand, es sei Zeit zum Gehen. Bronn brachte Tyrions Pferd herbei und half ihm beim Aufsteigen. Das war eigentlich Podrick Payns Aufgabe, doch sie hatten Pod im Roten Bergfried zurückgelassen. Der hagere Söldner war eine wesentlich abschreckendere Erscheinung als der Junge.

Die schmalen Straßen waren von Männern der Stadtwache gesäumt, die die Menge mit ihren Speerschäften auf Abstand hielten. Ser Jaslyn Amwasser ritt an der Spitze einer Gruppe von Lanzenreitern in schwarzen Kettenhemden und goldenen Umhängen vornweg. Hinter ihm folgten Ser Aron Santagar und Ser Balon Swann, welche die Banner des Königs trugen, den Löwen der Lennisters und den gekrönten Hirsch der Baratheons.

König Joffrey saß auf einem hohen grauen Zelter. Auf seinen goldenen Locken ruhte eine goldene Krone. Sansa Stark ritt eine Fuchsstute, blickte weder nach links noch rechts, und ihr Haar wallte unter einem mit Mondsteinen verzierten Netz auf ihre Schultern. Zwei Männer der Königsgarde flankierten das Paar, der Bluthund zur Rechten des Königs und Ser Mandon Moor zur Linken des Starkmädchens.

Als Nächster folgte der schniefende Tommen zusammen mit Ser Preston Grünfeld in weißer Rüstung und Umhang, daraufhin Cersei, die von Ser Lancel begleitet und von Meryn Trant und Boros Blount beschützt wurde. Tyrion gesellte sich zu seiner Schwester. Dann kam der Hohe Septon in seiner Sänfte und ein langes Gefolge von Höflingen – Ser Horas Rothweyn, Lady Tanda und ihre Tochter, Jalabhar Xho, Lord Gil Rosby und der Rest. Eine doppelte Kolonne Wachen bildete die Nachhut.

Die unrasierte und ungewaschene Menge hinter der Reihe aus Speeren starrte die Reiter mit dumpfem Groll an. Mir gefällt das ganz und gar nicht, dachte Tyrion. Bronn hatte ungefähr zwanzig Söldner in der Menge verteilt, die jeden Ärger verhindern sollten, bevor er überhaupt losging. Vielleicht hatte Cersei etwas Ähnliches mit den Schwarzkessels verabredet. Irgendwie hatte Tyrion das Gefühl, es würde nicht viel helfen. Wenn das Feuer zu heiß wurde, konnte man den Pudding nicht dadurch vor dem Anbrennen retten, dass man eine Handvoll Rosinen in den Topf warf.

Sie überquerten den Fischmarkt und ritten den Schlammweg entlang, ehe es in die scharfe Haarnadelkurve Aegons Hohen Hügel hinaufging. Ein paar Zuschauer stimmten ein »Joffrey! Heil! Heil!« an, während der König vorbeiritt, doch für jeden, der mit in den Ruf einfiel, hüllten sich hundert andere in Schweigen. Die Lennisters zogen durch ein Meer von zerlumpten Männern und hungrigen Frauen, durch eine Woge verdrießlicher Blicke. Vor ihm lachte Cersei über etwas, das Lancel gesagt hatte, obwohl die Fröhlichkeit offensichtlich aufgesetzt war. Seine Schwester konnte die Unruhe um sie herum nicht übersehen haben, wenngleich sie stets glaubte, Tapferkeit zur Schau tragen zu müssen.

Ungefähr auf der halben Strecke drängte sich eine jammernde Frau zwischen zwei Wachen hindurch, rannte vor dem König auf die Straße und hielt ihm den Leichnam ihres toten Kindes entgegen. Der Säugling war blau und aufgedunsen und sah grotesk aus, doch wirklich erschreckend waren die Augen der Mutter. Joffrey schien sie einen Augenblick lang niederreiten zu wollen, doch Sansa Stark beugte sich zu ihm hinüber und sagte etwas zu ihm. Der König kramte in seinem Geldbeutel und warf der Frau einen Silberhirschen zu. Die Münze prallte von dem Kind ab und rollte zwischen den Füßen der Goldröcke hindurch zwischen ein Dutzend Männer, die sofort über das Geld in Streit ausbrachen. Die Mutter blinzelte nicht einmal. Ihre mageren Arme zitterten vom Gewicht ihres toten Sohnes.

»Lasst sie, Euer Gnaden«, rief Cersei dem König zu, »wir können nichts für das arme Ding tun.«

Die Mutter hörte es. Irgendwie drang die Stimme der Königin in ihren benebelten Verstand vor. Ihr schlaffes Gesicht verzerrte sich vor Hass. »Hure!«, kreischte sie. »Hure des Königsmörders! Bruderfickerin!« Das tote Kind fiel ihr wie ein Mehlsack aus den Händen, als sie auf Cersei zeigte. »Bruderfickerin Bruderfickerin Bruderfickerin.«

Tyrion sah nicht, wer den Kot warf. Er hörte nur Sansas entsetztes Aufkeuchen und Joffreys Fluch, und als er den Kopf wandte, wischte sich der König bereits den braunen Dreck von der Wange. Auch sein goldenes Haar und Sansas Beine hatten etwas abbekommen.

»Wer war das?«, kreischte Joffrey. Er zog ein wütendes Gesicht und entfernte eine weitere Hand voll Kot aus seinen Haaren. »Ich will den Mann haben, der das war!«, rief er. »Hundert Golddrachen für denjenigen, der ihn verrät.«

»Er war dort oben!«, rief jemand aus der Menge. Der König riss sein Pferd herum und suchte die Dächer und offenen Balkone ab. Einige der Zuschauer zeigten nach oben, drängten sich nach vorn und verfluchten sich gegenseitig und den König dazu.

»Bitte, Euer Gnaden, lasst ihn«, flehte Sansa.

Der König beachtete sie nicht. »Bringt mir den Mann, der diesen Unflat geworfen hat«, befahl Joffrey. »Er wird ihn von mir ablecken, oder ich werde ihm den Kopf abschlagen lassen. Hund, holt ihn mir.«

Gehorsam schwang sich Sandor Clegane aus dem Sattel, fand jedoch keine Möglichkeit, durch die Mauer aus Menschen zu gelangen, geschweige denn das Dach zu erreichen. Die in der vordersten Reihe schoben sich nach hinten, um ihm aus dem Weg zu gehen, während andere sich nach vorn drängten, um besser sehen zu können. Für Tyrion roch das Ganze nach einer bevorstehenden Katastrophe. »Clegane, lasst es sein, der Kerl ist längst geflohen.«

»Ich will ihn haben!« Joffrey zeigte auf das Dach. »Dort oben war er. Hund, haut Euch den Weg frei und holt …«

Ein Tumult übertönte seine letzten Worte, ein rollender Donner der Wut, der Furcht und des Hasses, der von allen Seiten aufbrandete. »Bastard!«, brüllte jemand Joffrey zu, »Bastardungeheuer!« Andere nannten die Königin lautstark eine »Hure« und eine »Bruderfickerin«, während man Tyrion mit »Missgeburt« und »Halbmann« titulierte. Inmitten dieser Beleidigungen hörte er ein paar Rufe wie »Gerechtigkeit« und »Robb, König Robb, der Junge Wolf«, »Stannis!« und sogar »Renly!« Von beiden Seiten der Straße drängten die Menschen gegen die Reihen der Speere, während die Goldröcke sich bemühten, ihre Stellung zu halten. Steine und Mist und noch üblere Dinge wurden über ihre Köpfe hinweggeworfen. »Gebt uns zu essen!«, kreischte eine Frau. »Brot!«, verlangte der Mann hinter ihr. »Wir wollen Brot, Bastard!« Augenblicke später hatten tausend Stimmen den Ruf aufgenommen. König Joffrey und König Robb und König Stannis waren vergessen, nur König Brot herrschte noch. »Brot«, brüllten die Menschen, »Brot, Brot!«

Tyrion trieb sein Pferd an die Seite seiner Schwester und rief ihr zu: »Zurück zur Burg. Sofort!« Cersei nickte nur knapp, und Ser Lancel zog sofort sein Schwert aus der Scheide. Vor der Kolonne erteilte Jaslyn Amwasser Befehle. Die Reiter senkten die Lanzen und ritten in Keilformation voran. Der König drehte seinen Zelter im Kreis, während die Menschen zwischen den Goldröcken hindurch die Hände nach ihm ausstreckten. Einem gelang es kurz, sein Bein zu ergreifen, doch nur für einen Moment. Ser Mandon schlug mit dem Schwert zu und trennte die Hand vom Arm. »Reitet!«, schrie Tyrion seinem Neffen zu und versetzte dem Pferd einen harten Schlag auf die Kruppe. Das Tier bäumte sich wiehernd auf und stürmte los, während die Menschen vor ihm aus dem Weg sprangen.

Tyrion nutzte die Lücke hinter dem König aus. Bronn folgte und hielt sein Schwert in der Hand. Ein scharfkantiger Stein flog an seinem Kopf vorbei, und ein verfaulter Kohlkopf zerplatzte an Ser Mandons Schild. Zur Linken konnten sich drei Goldröcke nicht mehr gegen den Druck behaupten, gingen zu Boden und wurden von dem Mob niedergetrampelt. Der Bluthund war irgendwo hinter ihnen verschwunden, sein reiterloses Pferd galoppierte neben ihnen her. Tyrion sah, wie Aron Santagar aus dem Sattel gezerrt wurde und der golden-schwarze Baratheonhirsch ihm entrissen wurde. Ser Balon Swann ließ den Lennisterlöwen fallen und zog das Langschwert. Er schlug rechts und links zu, derweil das Banner zerrissen wurde und tausend Fetzen wie purpurrote Blätter im Sturmwind trieben. Augenblicke später waren sie verschwunden. Jemand stolperte vor Joffreys Pferd und schrie, als der König ihn niederritt. Ob Mann, Frau oder Kind, konnte Tyrion nicht sagen. Joffrey galoppierte mit bleichem Gesicht neben ihm her, und Ser Mandon Moor war ein weißer Schatten zur Linken.

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