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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Lina, es reicht«, sagte Therava energisch. Die Hand auf Galinas Schulter spannte sich sichtlich an. »Du weißt, wie ich es hasse, wenn du plapperst.«

Die Gai'schain zuckte zusammen, als wäre sie geschlagen worden, und sie schloß den Mund. Als sie zu der viel größeren Frau herauflächelte, kroch sie noch erbärmlicher in sich zusammen, als sie es bei Sevanna getan hatte. In ihren Augen blitzte auch Furcht auf. Dunkle Augen. Sie war auf keinen Fall eine Aiel. Therava schien die Unterwürfigkeit der Frau nicht einmal zu bemerken; eine Hündin war zurechtgewiesen worden und hatte gehorcht. Die Aufmerksamkeit der Weisen Frau galt allein Sevanna. Someryn widmete der Gai'schain einen Seitenblick, ihre Lippen verzogen sich verächtlich, dann richtete sie den Schal auf ihrer Brust und konzentrierte sich ebenfalls auf Sevanna. Aiel gaben nicht viel mit ihrem Mienenspiel preis, aber es war offensichtlich, dass sie Sevanna nicht mochte und ihr zugleich großes Misstrauen entgegenbrachte.

Falles Blicke folgten über dem Becherrand ebenfalls der Reiterin. In gewisser Weise war es so, als würde man Logain oder Mazrim Taim sehen. Auch Sevanna hatte ihren Namen mit Blut und Feuer an den Himmel geschrieben. Cairhien würde Jahre brauchen, um sich von dem zu erholen, was sie dort angerichtet hatte, und die Auswirkungen waren bis nach Andor und Tear und darüber hinaus spürbar. Perrin hatte einem Mann namens Couladin die Schuld dafür gegeben, aber Faile hatte genug von dieser Frau gehört, um sich vorstellen zu können, wer dahintersteckte. Und niemand bestritt, dass Sevanna die Schuld für die vielen Toten bei den Quellen von Dumai trug. Perrin war dort beinahe gestorben. Dafür hatte Faile noch eine persönliche Rechnung mit ihr offen. Vielleicht würde sie ja Rolan seine Ohren lassen, wenn sie dafür diese Rechnung begleichen konnte.

Die auffallend gekleidete Frau ritt langsam die Reihe der knienden Gefangenen ab und ihre grünen Augen blickten beinahe genauso kalt wie die Theravas. Plötzlich erschienen die Geräusche, welche die Hufe des schwarzen Pferdes im Schnee verursachten, auffallend laut. »Wer von euch ist die Dienerin?« Eine seltsame Frage. Maighdin zögerte mit zusammengebissenen Zähnen, bevor sie die Hand unter ihrer Decke hervorschob. Sevanna nickte nachdenklich. »Und die ... Lehnsherrin?«

Einen Augenblick lang dachte Faile daran, die Frage einfach zu ignorieren, aber Sevanna würde auf die eine oder andere Weise in Erfahrung bringen, was sie wissen wollte. Zögernd hob sie die Hand. Und zitterte, aber diesmal nicht wegen der Kälte. Therava beobachtete alles mit ihrem bösartigen Blick, passte genau auf. Was Sevanna tat, was diejenigen taten, die sie aufgerufen hatte.

Faile konnte nicht verstehen, wie sich jemand dieses sezierenden Blickes nicht bewusst sein konnte, doch Sevanna tat zumindest so, als würde sie nichts bemerken, als sie ihren Wallach hinter die Reihe lenkte. »Mit diesen Füßen können sie nicht gehen«, sagte sie schließlich. »Ich sehe nicht ein, dass sie mit den Kindern reiten. Galina, Heile sie.«

Faile hätte beinahe den Becher fallen gelassen. Sie stieß ihn dem Gai'schain entgegen und tat so, als hätte sie das ohnehin vorgehabt. Er war sowieso leer. Der Narbige füllte ihn gelassen aus seinem Lederbeutel voller Tee nach. Heilen? Sie meinte doch sicherlich nicht...

»Also gut«, sagte Therava und versetzte der Gai'schain einen Stoß, der sie nach vorn taumeln ließ. »Mach es schnell, kleine Lina. Ich weiß, dass du mich nicht enttäuschen willst.«

Galina konnte einen Sturz vermeiden, aber sie musste sich den Gefangenen entgegenkämpfen. An einigen Stellen sank sie bis zu den Knien ein, ihr Gewand schleifte über den Schnee, aber sie war entschlossen, ihr Ziel zu erreichen. Auf ihrem runden Gesicht spiegelten sich Furcht und Abscheu und ... Eifer? Konnte das sein? Es war eine widerwärtige Kombination.

Sevanna beendete ihre Umrandung und blieb dort stehen, wo Faile sie sehen konnte. Sie stand den Weisen Frauen genau gegenüber. Der eisige Wind zupfte an ihrem Umhang, aber sie schien ihn genauso wenig zu bemerken wie den Schnee, der auf sie herab wehte. »Therava, ich habe gerade die Nachricht erhalten.« Ihre Stimme war ruhig, obwohl ihre Augen Blitze schleuderten. »Heute Abend lagern wir zusammen mit den Jonine.«

»Eine fünfte Septime«, erwiderte Therava ausdruckslos. Auch bei ihr hatte es den Anschein, als würden Schnee und Wind nicht existieren. »Fünf, während achtundsiebzig in alle Winde verstreut bleiben. Ihr solltet Euren Schwur nicht vergessen, die Shaido wieder zu vereinigen, Sevanna. Wir werden nicht für alle Zeiten warten.«

Jetzt waren es keine Blitze mehr. Sevannas Augen waren wie grüne Vulkane, die Lava spuckten. »Ich tue immer, was ich sage, Therava. Das solltet Ihr nicht vergessen. Und denkt daran, dass ihr mich beratet. Ich spreche für den Clanhäuptling.«

Sie zerrte ihren Wallach herum, stieß dem Tier die Absätze in die Flanken und versuchte ihn dazu zu bewegen, zu dem Strom aus Menschen und Wagen zurückzugaloppieren, obwohl das kein Pferd bei diesem tiefen Schnee gekonnt hätte. Das Tier schaffte es, sich etwas schneller als im Schritttempo zu bewegen, aber nicht sehr. Therava und Someryn sahen mit erstarrten Gesichtern zu, wie Pferd und Reiterin in dem fallenden weißen Schleier verschwanden.

Für Faile war das ein wichtiges Gespräch gewesen. Sie erkannte Spannungen und gegenseitigen Hass, wenn sie sie sah. Eine Schwäche, die man sich vielleicht zunutze machen konnte, falls sie herausbekam, wie sie das anstellen musste. Und es hatte den Anschein, als wären doch nicht alle Shaido hier. Obwohl... Wenn man nach der endlosen Reihe ging, die an ihnen vorbeizog, schienen es mehr als genug zu sein. Galina traf bei ihnen ein und alle Überlegungen traten in den Hintergrund.

Galina glättete ihr Gesicht zu einem fahrigen Anschein von Gelassenheit und packte wortlos Failes Kopf mit beiden Händen. Faile vermochte nicht zu sagen, ob sie aufstöhnte oder nicht. Die Welt schien an ihr vorbeizufliegen, als sie aus der Hocke hochkam. Stunden rasten vorbei, vielleicht krochen auch Herzschläge. Die in Weiß gekleidete Frau trat zurück, und Faile stürzte kopfüber auf die braune Decke und blieb keuchend auf der rauen Wolle liegen. Ihre Füße schmerzten nicht mehr, aber jede mithilfe der Macht erfolgte Heilung verursachte Hunger, und sie hatte seit dem gestrigen Frühstück nichts mehr zu sich genommen. Sie hätte tellerweise Essen herunterschlingen können, ganz egal was. Sie war nicht länger müde, aber ihre Muskeln hatten sich aus Pudding in Wasser verwandelt. Sie stieß sich mit Armen hoch, die unter ihrem Gewicht zusammenbrechen wollten, und zog sich mit unsicheren Bewegungen die grau gestreifte Decke um den Leib. Sie fühlte sich durch das, was sie gesehen hatte, bevor Galina sie gepackt hatte, mindestens genauso benommen wie durch das Heilen selbst. Dankbar ließ sie zu, dass der Narbige ihr den dampfenden Becher an den Mund hielt. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Finger ihn hätten halten können.

Galina verschwendete keine Zeit. Eine benommene Alliandre versuchte gerade, von der Stelle aufzustehen, wo sie aufs Gesicht gefallen war; ihre rot gestreifte Decke war unbemerkt zu Boden gefallen. Ihre Striemen waren natürlich verschwunden. Maighdin lag noch immer zwischen ihren beiden Decken; ihre zuckenden Gliedmaßen ragten in jeder Richtung heraus, während sie kraftlos versuchte, sich zu sammeln. Chiad, die Galinas Hände auf dem Kopf hatte, sprang auf die Füße; sie fuchtelte mit den Armen herum und stieß keuchend den Atem aus. Die gelbe Schwellung in ihrem Gesicht verschwand, noch während Falle zusah. Als Galina sich zu Bain begab, brach die Tochter des Speers wie von einer Axt getroffen zusammen, obwohl sie sich bereits im nächsten Augenblick wieder regte.

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