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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Kühne Gedanken, und mehr als nutzlos. Närrisch. Obwohl sie getragen wurde, musste sie weiter gegen die Kälte ankämpfen. Sie begriff, dass das Getragenwerden in gewisser Weise sogar schlechter war. Als sie gegangen war, hatte sie darum kämpfen müssen, auf den Füßen und damit wach zu bleiben. Als der Abend kam und die Dunkelheit hereinbrach, schien die wiegende Bewegung auf Rolans Schulter eine einschläfernde Wirkung zu haben. Nein. Es war die Kälte, die ihren Verstand betäubte. Ihr Blut langsamer fließen ließ. Sie musste dagegen ankämpfen oder sie würde sterben.

Faile bewegte rhythmisch ihre Hände und die gefesselten Arme, spannte die Beine an und entspannte sie wieder, zwang ihre Muskeln dazu, ihr Blut zirkulieren zu lassen. Sie dachte an Perrin, schmiedete Pläne, wie er mit Masern a verfahren sollte und wie sie ihn davon überzeugen würde, wenn er sich sträubte. Sie ging in Gedanken die Diskussion durch, die sie haben würden, wenn er erfuhr, dass sie Cha Faile als Spione benutzt hatte, plante, wie sie seinem Zorn begegnen und ihn abwenden würde. Die Wut eines Ehemanns in eine gewünschte Richtung zu lenken war eine Kunst und sie hatte von einer Expertin gelernt, ihrer Mutter. Es würde ein großartiger Streit werden. Und eine großartige Versöhnung — danach.

Der Gedanke an die Versöhnung mit Perrin ließ sie vergessen, ihre Muskeln zu bewegen, also versuchte sie sich auf den Streit zu konzentrieren, auf das Pläneschmieden. Aber die Kälte erschwerte jegliches Denken. Sie fing an, den Faden zu verlieren, musste den Kopf schütteln und von vorn anfangen. Rolans grobe Befehle halfen ebenfalls, es war eine Stimme, auf die sie sich konzentrieren konnte, die sie wach hielt. Sogar die begleitenden Schläge auf ihre Kehrseite halfen, so sehr sie es hasste, das zugeben zu müssen, denn jeder davon war eine Erschütterung, die sie aufweckte. Eine Zeit lang später fing sie an, öfters herumzurutschen, dann wehrte sie sich, bis sie beinahe herunterfiel, und provozierte die groben Klapse. Alles, nur um wach zu bleiben. Sie vermochte nicht zu sagen, wie viel Zeit verging, aber ihre Bewegungen wurden schwächer, bis Rolan sie nicht länger anfuhr und sie auch nicht mehr schlug. Licht, sie wollte, dass der Mann auf ihr spielte wie auf einer Trommel!

Warum, beim Licht, sollte ich so etwas tatsächlich wollen? dachte sie träge, und in einer trüben Ecke ihres Be —wusstseins erkannte sie, dass die Schlacht verloren war. Sogar die Nacht erschien dunkler, als sie sein sollte. Sie konnte nicht einmal mehr den Schein des Mondlichts auf dem Schnee erkennen. Sie konnte spüren, wie sie allem entglitt, immer schneller einer noch tieferen Finsternis entgegenraste. Sie schluchzte stumm und versank in der Betäubung.

Träume kamen. Sie saß auf Perrins Schoß, und er umarmte sie so fest, dass sie sich kaum bewegen konnte, während in einem breiten Kamin ein Feuer loderte. Sein Bart kratzte auf ihren Wangen, während er beinahe schmerzhaft an ihrem Ohrläppchen knabberte. Plötzlich tobte ein gewaltiger Windstoß durch den Raum und löschte das Feuer wie eine Kerze. Und Perrin verwandelte sich in Rauch, der in der nicht enden wollenden Böe verschwand. Allein in der bedrückenden Finsternis kämpfte sie gegen den Wind, aber er wirbelte sie umher, bis ihr so schwindelig war, dass sie oben nicht mehr von unten unterscheiden konnte. Allein taumelte sie immer tiefer in die eisige Dunkelheit hinein, in dem Wissen, dass sie ihn niemals wiederfinden würde.

Sie lief durch ein erfrorenes Land, quälte sich von Schneewehe zu Schneewehe, stürzte, kämpfte sich wieder hoch, um voller Panik weiterzulaufen, atmete keuchend Luft ein, die so kalt war, dass sie ihre Kehle wie Glasscherben aufschlitzte. An den kahlen Ästen um sie herum funkelten Eiszapfen, eisiger Wind heulte durch den blattlosen Wald. Perrin war sehr wütend und sie musste fort. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund konnte sie sich nicht mehr an die Einzelheiten des Streits erinnern, nur dass sie ihren wunderschönen Wolf irgendwie richtig wütend gemacht hatte, bis Gegenstände geworfen wurden. Nur dass Perrin nie mit Gegenständen um sich warf. Er würde sie übers Knie legen, so wie er es schon einmal vor langer Zeit getan hatte. Aber warum rannte sie davor fort? Da war doch noch immer die Versöhnung. Und natürlich würde sie ihn für die Demütigung zahlen lassen. Gut, sie hatte ihn gelegentlich mit einer wohlgezielten Schale oder einem Krug ein bisschen bluten lassen, ohne das eigentlich zu wollen, aber sie wusste, dass er ihr niemals richtig wehtun würde. Doch sie wusste auch, dass sie rennen musste, immer weiter, oder sie würde sterben.

Wenn er mich fängt, dachte sie trocken, wird zumindest ein Teil von mir warm sein. Der Gedanke ließ sie lachen, bis das tote weiße Land um sie herumwirbelte, und sie wusste, dass auch sie bald tot sein würde.

Ein gewaltiges Feuer ragte vor ihr auf, ein Turm aus dicken Scheiten, aus dem prasselnde Flammen schlugen. Sie war nackt. Und ihr war kalt, so kalt. Ganz egal, wie nahe sie sich an das Feuer heranschob, ihre Knochen fühlten sich wie gefroren an, ihr Fleisch schien bereit, beim geringsten Schlag zu zersplittern. Sie ging noch näher heran. Die Hitze der lodernden Scheite wuchs, bis sie zusammenzuckte, aber die bittere Kälte blieb unter ihrer Haut gefangen. Näher heran. O Licht, es war heiß, zu heiß! Und in ihrem Inneren zu kalt. Noch näher heran. Das Brennen, der verzehrende Schmerz ließ sie schreien, aber innen drin war sie noch immer Eis. Und noch näher heran. Näher. Sie würde sterben. Sie kreischte, aber da war nur Stille und die Kälte.

Plötzlich war da Tageslicht, doch der Himmel war voller bleigrauer Wolken. Schnee fiel, federgleiche Schneeflocken wirbelten vom Wind getrieben an den Bäumen vorbei. Es war kein scharfer Wind, aber er züngelte mit Eiszungen. Auf den Ästen wuchsen weiße Grate in die Höhe, bis sie groß genug waren, durch ihr eigenes Gewicht und den Wind zusammenzubrechen, was schwerere Schauer zu Boden schickte. Hunger nagte mit stumpfen Zähnen in ihrem Bauch. Ein hoch gewachsener, knochiger Mann, dessen Gesicht von einer weißen Wollkapuze verhüllt wurde, zwang ihr etwas in den Mund, den Rand einer großen Tontasse. Seine Augen waren von einem atemberaubenden Grün, das an Smaragde erinnerte, und sie wurden von faltigen Narben umgeben. Er kniete neben ihr auf einer braunen Wolldecke, und eine weitere, grau gestreifte Wolldecke bedeckte ihre Nacktheit. Der Geschmack von heißem Tee mit Honig explodierte auf ihrer Zunge, und sie packte das sehnige Handgelenk des Mannes mit beiden Händen, nur damit er nicht versuchen konnte, den Becher wegzunehmen. Ihre Zähne schlugen gegen die Tasse, aber sie schluckte die dampfende, sämige Flüssigkeit gierig.

»Nicht zu schnell, du darfst nichts verschütten«, sagte der grünäugige Mann sanft. Sanftheit passte eigentlich nicht zu diesem wilden Gesicht, und dann auch noch in einer solch rauen Stimme. »Sie haben deine Ehre beleidigt. Aber du bist eine Feuchtländerin, also zählt das bei dir vielleicht nicht.«

Langsam dämmerte es ihr, dass das kein Traum war. Die Gedanken kamen in tröpfelnden Schatten, die schmolzen, wenn sie zu energisch versuchte, sie festzuhalten. Der in Weiß gekleidete Kerl war ein Gai'schain. Ihre Leine und die Fesseln waren verschwunden. Er löste sich aus ihrem schwachen Griff, aber nur, um aus dem von seiner Schulter hängenden Lederbeutel eine dunkle Flüssigkeit einzuschenken. Dampf wallte aus der Tasse hoch und der Duft von Tee.

Sie zitterte so sehr, dass sie beinahe vornüberfiel, und sie zog die dicke Wolldecke enger um sich herum. In ihren Füßen tobte ein wütender Schmerz. Sie hätte nicht stehen können, selbst wenn sie es gewollt hätte. Nicht, dass sie es wollte. So lange sie sich zusammenkauerte, schien die Decke alles bis auf ihre Füße zu bedecken; Stehen hätte ihre Beine und vielleicht noch mehr entblößt. Aber sie dachte dabei an Wärme, nicht an Schicklichkeit, obwohl es von beidem nicht viel gab. Der Hunger nagte in ihr und sie konnte nicht aufhören zu zittern. Ihr Inneres war erfroren, der heiße Tee bereits nur noch Erinnerung. Ihre Muskeln bestanden aus einer Woche altem, geronnenen Pudding. Sie wollte die sich füllende Tasse anstarren, ihren Inhalt begehren, aber sie zwang sich dazu, nach ihren Gefährtinnen Ausschau zu halten.

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