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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Sie waren alle in einer Reihe mit ihr da, Maighdin und Alliandre und die anderen, hockten zusammengesunken auf Wolldecken, zitterten unter von Schnee gesprenkelten Decken. Vor jeder von ihnen kniete ein Gai'schain mit einem dicken Wasserbeutel und einem Becher, und selbst Bain und Chiad tranken wie Frauen, die halb verdurstet waren. Jemand hatte Bains Gesicht vom Blut gesäubert, aber im Gegensatz zum letzten Mal, als Faile die beiden Töchter gesehen hatte, waren die beiden so abgezehrt und unsicher auf den Beinen wie alle anderen auch. Von Alliandre bis Lacile sahen ihre Gefährtinnen aus, als — wie pflegte Perrin doch immer zu sagen? — hätte man sie rücklings durch ein Astloch gezogen. Aber es waren noch alle am Leben; das war das wichtigste. Nur die Lebenden konnten entfliehen.

Rolan und die anderen Algai'd'siswai, in deren Gewalt sie waren, bildeten eine dicht zusammengedrängte Gruppe am Ende der knienden Reihe. Fünf Männer und drei Frauen, und der Schnee reichte den Töchtern fast bis zu den Knien. Die schwarzen Schleier hingen ihnen auf der Brust und sie betrachteten ihre Gefangenen und die Gai'schain reglos. Einen Augenblick lang sah Faile sie stirnrunzelnd an, versuchte einen schlüpfrigen Gedanken festzuhalten. Ja, natürlich. Wo waren die anderen? Die Flucht würde leichter sein, wenn der Rest aus irgendeinem Grund verschwunden war. Aber da war noch eine andere, genauso nebelhafte Frage, die ihr jedoch immer wieder entglitt.

Plötzlich sprang das, was sich hinter den acht Aiel befand, förmlich in ihr Blickfeld, und die Frage und die Antwort kamen ihr gleichzeitig in den Sinn. Wo kamen die Gai'schain her? Etwa hundert Schritte entfernt floss ein stetiger, vom fallenden Schnee und ein paar vereinzelt stehenden Bäumen leicht verdeckter Strom von Menschen, Lasttieren, Wagen und Karren vorbei. Nein, kein Strom. Eine Flut von Aiel auf der Reise. Statt mit hundertfünfzig Shaido musste sie sich nun mit dem ganzen Clan auseinandersetzen. Es erschien ihr unmöglich, dass so viele Menschen nur einen oder mehrere Tagesmärsche von Abila entfernt vorbeireisen konnten, ohne einen Alarm auszulösen, selbst in einem Land, in dem Anarchie herrschte, aber der Beweis lag vor ihren Augen. In ihrem Inneren fühlte sie sich wie betäubt. Vielleicht würde die Flucht ja dennoch nicht schwieriger durchzuführen sein, aber sie glaubte es nicht.

»Wieso haben sie mich beleidigt?«, fragte sie stockend und schloss dann den Mund, um ihre Zähne am Klappern zu hindern. Und öffnete ihn wieder, als ihr der Gai'schain den Becher reichte. Sie schluckte die kostbare Wärme, würgte, zwang sich zu langsameren Schlucken. Der Honig war so dick, dass er zu einem anderen Zeitpunkt ekelhaft geschmeckt hätte, aber jetzt dämpfte er ihren Hunger ein wenig.

»Ihr Feuchtländer wisst auch gar nichts«, sagte der Narbige abschätzig. »Gai'schain erhalten keine Kleidung, bis man ihnen die richtigen Gewänder geben kann. Aber sie fürchteten, ihr würdet erfrieren, und sie hatten nur ihre Mäntel, um euch zu wärmen. Man hat euch beschämt, als schwach bezeichnet, falls man Feuchtländer beschämen kann. Rolan und viele der anderen sind Mem'din, aber Efalin und der Rest hätte es besser wissen sollen. Efalin hätte es nicht erlauben dürfen.«

Beschämt? In Wut versetzt traf wohl eher zu. Faile wollte den Kopf nicht von dem gesegneten Becher abwenden, also verdrehte sie die Augen, bis sie den Riesen sehen konnte, der sie wie einen Sack Korn getragen und sie gnadenlos geschlagen hatte. Sie glaubte sich vage zu erinnern, dass sie diese Schläge auf den Hintern willkommen geheißen hatte, aber das war unmöglich. Natürlich war es unmöglich! Davon abgesehen, sah Rolan nicht wie ein Mann aus, der fast einen ganzen Tag und eine Nacht ohne Rast gelaufen war und dabei jemanden getragen hatte. Sein Atem, der in der Luft zu weißem Dampf erstarrte, ging ganz ruhig. Mem'din? Hieß das nicht Bruderlos in der Alten Sprache? Das sagte ihr nichts, aber in der Stimme des Gai'schain hatte eine Spur von Verachtung gelegen. Sie würde Bain und Chiad fragen müssen und hoffen, dass das nicht zu jenen Dingen gehörte, über die Aiel nicht mit Feuchtländern sprechen konnten, nicht mal mit Feuchtländern, die enge Freunde waren. Jede noch so geringe Information konnte bei der Flucht helfen.

Also hatten sie ihren Gefangenen wegen der Kälte etwas angezogen? Nun, wären Rolan und die anderen nicht gewesen, hätte keiner in der Gefahr geschwebt zu erfrieren. Doch vielleicht schuldete sie ihm ja einen kleinen Gefallen. Einen sehr kleinen, alles in allem betrachtet. Vielleicht würde sie ihm nur die Ohren abschneiden. Falls sie jemals dazu die Gelegenheit erhielt, umgeben von Tausenden von Shaido. Tausende? Die Shaido zählten Hunderttausende und Zehntausende davon waren Algai'd'siswai. Wütend auf sich selbst kämpfte sie gegen ihre Verzweiflung an. Sie würde fliehen; sie alle würden fliehen, und sie würde die Ohren dieses Mannes mitnehmen!

»Ich sorge dafür, dass Rolan so dafür entschädigt wird, wie er es verdient«, murmelte sie, als der Gai'schain den Becher wegnahm, um nachzufüllen. Er schenkte ihr einen misstrauischen Blick, und sie beeilte sich zu sagen: »Wie Ihr gesagt habt, ich bin eine Feuchtländerin. Das sind die meisten von uns. Wir folgen Ji'e'toh nicht. Euren Bräuchen zufolge dürfte man uns gar nicht zu Gai'schain machen, ist das nicht so?« Der Narbige verzog keine Miene, er blinzelte nicht mal. Ein flüchtiger Gedanke sagte ihr, dass es zu früh war, dass sie das Parkett noch nicht kannte, auf dem sie sich bewegte, aber ihre durch die Kälte trägen Gedanken konnten ihre Zunge nicht aufhalten. »Was ist, wenn die Shaido auch noch mit anderen Bräuchen brechen? Sie könnten sich entscheiden, Euch nicht gehen zu lassen, wenn die Zeit vorbei ist.«

»Die Shaido brechen mit vielen Bräuchen«, erwiderte er gelassen, »aber ich nicht. Ich muss das Weiß noch über ein halbes Jahr tragen. Bis dahin werde ich so dienen, wie es der Brauch verlangt. Wenn du so viel sprechen kannst, hast du vielleicht genug Tee getrunken?«

Faile riss ihm unbeholfen den Becher aus der Hand. Er hob die Brauen, und sie richtete die Decke so schnell sie konnte mit einer Hand, während sich ihre Wangen röteten. Er wusste, dass er eine Frau ansah. Licht, sie stolperte umher wie ein Ochse! Sie musste nachdenken, sich konzentrieren. Ihr Verstand war die einzige Waffe, die sie hatte. Und im Augenblick hätte ihr Gehirn genauso gut aus gefrorenem Käse bestehen können. Sie trank den heißen, süßen Tee und grübelte darüber nach, wie man aus der Tatsache, von Tausenden von Shaido umzingelt zu sein, einen Vorteil machen konnte. Aber ihr fiel nichts ein. Gar nichts.

4

Angebote

Was haben wir denn hier?«, sagte die harte Stimme einer Frau. Faile blickte auf und starrte sie an, den heißen Tee für den Augenblick vergessend.

Zwei Aiel mit einer sehr viel kleineren Gai'schain in der Mitte traten aus dem Schneegestöber hervor; sie sanken zwar bis zu den Waden in dem weißen Teppich ein, der den Boden bedeckte, brachten aber trotzdem energische, weitausholende Schritte zustande. Das heißt, zumindest die beiden größeren Frauen; die Gai'schain stolperte mühsam voran in dem Bemühen, mit ihnen Schritt zu halten, und eine ihrer größeren Begleiterinnen hatte eine Hand auf ihrer Schulter, um dafür zu sorgen, dass sie es auch schaffte. Alle drei waren einen genaueren Blick wert. Die Frau in Weiß hielt den Kopf demütig so tief gesenkt, wie es möglich war, und ihre Hände steckten in den breiten Ärmeln, wie es sich für eine Gai'schain gehörte, aber ihr Gewand hatte den unerhörten Schimmer von schwerer Seide. Gai'schain war jeder Schmuck verboten, doch um ihre Taille schmiegte sich ein breiter, aufwendig gearbeiteter Gürtel aus Gold und Feuertropfen, und die Falten der hochgeschlagenen Kapuze gaben einen kurzen Blick auf die dazu passende Kette frei, die fast ihren ganzen Hals bedeckte. Außer Königen konnten sich nur wenige derartigen Schmuck leisten.

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