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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)

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Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
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»Auf der Gloriana?« Roger holte tief Luft, und ein Hauch von totem Wal vermischte sich mit dem fruchtbaren Geruch der Salzwassermarsch hinter ihm. »Sie … haben ihn respektiert. Manche hatten Angst vor ihm.« Ich zum Beispiel. »Er stand in dem Ruf, ein harter, aber guter Kapitän zu sein. Kompetent. Die Männer sind gern mit ihm gefahren, weil er stets sicher den Hafen erreichte und seine Fahrten immer Profit brachten.«

»War er grausam?«, fragte Claire. Eine schwache Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen.

»Jeder Kapitän ist manchmal grausam, Sassenach«, sagte Jamie mit einem leisen Unterton der Ungeduld. »Das lässt sich gar nicht vermeiden.«

Sie blickte zu ihm auf, und Roger sah, wie sich ihr Gesichtsausdruck änderte, als die Erinnerung ihren Mund sanfter werden ließ und ein ironischer Gedanke ihren Mundwinkel verzog. Sie legte Jamie eine Hand auf den Arm, und er beobachtete, wie ihre Fingerknöchel weiß wurden, als sie zudrückte.

»Du hast auch dein Leben lang getan, was du musstest«, sagte sie so leise, dass Roger sie kaum hören konnte. Ganz gleich; die Worte waren eindeutig nicht für seine Ohren bestimmt. Dann hob sie die Stimme ein wenig. »Es gibt einen Unterschied zwischen Grausamkeit und Notwendigkeit.«

»Aye«, sagte Jamie halb gemurmelt. »Und es liegt nur ein schmaler Grat zwischen einem Ungeheuer und einem Helden.«

Kapitel 102

Die Schlacht an Wylies Landeplatz

Die Meerenge war ruhig und flach, die schwach aufgeraute Wasseroberfläche voll winziger Wellen, die der Wind vor sich hertrieb. Und das war auch verdammt gut so, dachte Roger mit einem Blick auf seinen Schwiegervater. Immerhin hatte Jamie die Augen geöffnet und hielt sie mit verzweifelter Intensität auf das Ufer gerichtet, als könnte ihm der bloße Anblick festen Bodens, so unerreichbar er auch sein mochte, irgendwie Erleichterung spenden. Auf seiner Oberlippe glänzten Schweißtropfen, und sein Gesicht hatte dieselbe Perlmuttfarbe wie der Morgenhimmel, doch noch hatte er sich nicht übergeben.

Roger war zwar nicht seekrank, doch er fühlte sich fast genauso erbärmlich, wie Jamie aussah. Keiner von ihnen hatte gefrühstückt, doch er fühlte sich, als hätte er eine große Menge Porridge verdrückt, der großzügig mit Teppichnägeln garniert war.

»Da ist es.« Duff setzte sich zurück und hörte auf zu rudern. Er wies kopfnickend auf den Bootssteg vor ihnen. Auf dem Wasser war es kühl – um diese Uhrzeit fast noch kalt –, doch die Luft war feucht, und vor Anstrengung lief ihm der Schweiß über das Gesicht. Peter saß ebenfalls schweigend da, und die Miene seines dunklen Gesichtes zeigte an, dass er mit diesem Unterfangen nichts zu tun haben wollte, und je eher ihre unwillkommene Fracht von Bord ging, desto besser.

Wylies Landeplatz schien inmitten eines Dickichts aus Binsen und Spartgras wie eine Fata Morgana in einer Nebelschicht auf dem Wasser zu schweben. Er war von Marschland, kleinen Grüppchen verkrüppelter Strandbäume und großen, offenen Wasserflächen umgeben, über die sich ein überwältigender, blassgrauer Himmel spannte. Im Vergleich zu den grünen Lichtungen der Berge schien er unangenehm ungeschützt zu liegen. Gleichzeitig war er jedoch vollkommen isoliert und befand sich ganz offensichtlich meilenweit von jedem Anzeichen menschlicher Besiedlung entfernt.

Das war teilweise Einbildung; Roger wusste, dass sich das Plantagenhaus nicht mehr als eine Meile von der Anlegestelle entfernt befand, doch es lag hinter einem dichten, mitgenommen aussehenden Wald verborgen, der sich aus dem Marschboden erhob wie eine missgebildete, zwergenhafte Ausgabe des Sherwood Forest und dicht mit Schlingpflanzen und Gebüsch bewachsen war.

Der Landeplatz selbst bestand aus einem kurzen, hölzernen Dock auf Pfählen, an das sich eine Reihe zusammengeschusterter Schuppen anschloss, deren silbergrau verwitterter Farbton inmitten des drückenden Himmels verschwinden zu wollen schien. Ein kleines, offenes Boot lag kieloben am Ufer. Ein Holzzaun umschloss einen kleinen Pferch hinter den Schuppen; Wylie musste dann und wann Vieh auf dem Wasserweg transportieren.

Jamie berührte den Patronenbehälter, der an seinem Gürtel hing, vielleicht zu seiner Beruhigung, vielleicht aber auch nur, um sich zu versichern, dass er noch trocken war. Sein Blick wanderte abschätzend zum Himmel, und Roger begriff mit plötzlicher Sorge, dass sie sich nicht mehr auf ihre Büchsen verlassen konnten, wenn es regnete. Schwarzpulver verklumpte bei Feuchtigkeit; eine Spur von Nässe, und es zündete überhaupt nicht mehr. Und das Letzte, was er sich wünschte, war, sich Stephen Bonnet mit einem nutzlosen Schießeisen gegenüber zu sehen.

Er ist ein Mensch, mehr nicht, wiederholte er sich schweigend. Wenn er zuließ, dass Bonnet in seinem Kopf übernatürliche Proportionen annahm, war er zum Scheitern verurteilt. Er suchte nach einem Bild, das ihn beruhigen würde, und klammerte sich an eine Erinnerung an Stephen Bonnet, der auf der Latrine der Gloriana saß, die Hose in einem Häufchen auf die nackten Füße gesunken, das Kinn mit den blonden Stoppeln schlaff im Morgenlicht, während er es mit halb geschlossenen Augen genoss, in Frieden zu scheißen.

Mist, dachte er. Stellte er sich Bonnet als Ungeheuer vor, war es unmöglich; stellte er ihn sich als Menschen vor, war es noch schlimmer. Und doch war es unumgänglich.

Seine Handflächen waren verschwitzt; er rieb sie sich an der Hose ab, ohne sich die geringste Mühe zu geben, es im Verborgenen zu tun. Neben den beiden Pistolen trug er einen Dolch am Gürtel; das Schwert ruhte am Boden des Bootes massiv in seiner Scheide. Er dachte an John Greys Brief und Hauptmann Marsdens Augen und spürte einen bitteren, metallischen Geschmack tief in seiner Kehle.

Auf Jamies Anweisung hin näherte sich das Boot ganz langsam der Anlegestelle, und alle Mann an Bord hielten gebannt nach Lebenszeichen Ausschau.

»Es lebt hier niemand?«, fragte Jamie leise und beugte sich über Duffs Schulter, um die Gebäude suchend zu betrachten. »Keine Sklaven?«

»Nein«, sagte Duff und zog ächzend an den Rudern. »Wylie benutzt die Anlegestelle nicht mehr oft, weil er von seinem Haus aus eine neue Straße zur Hauptstraße nach Edenton gebaut hat.«

Jamie warf Duff einen zynischen Blick zu.

»Und wenn Wylie sie nicht benutzt, gibt es andere, die es tun, aye?«

Roger konnte sehen, dass die Lage des Landeplatzes wie geschaffen für die Schmuggelei war: von der dem Festland zugekehrten Seite aus nicht zu sehen, von der Meerenge aus jedoch leicht zugänglich. Was er zunächst für eine Insel zu ihrer Rechten gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein Labyrinth aus Sandbänken, das den Kanal, der zu Wylies Landeplatz führte, von der eigentlichen Meerenge trennte. Er konnte sehen, dass mindestens vier kleinere Kanäle in dieses Labyrinth führten und zwei von ihnen breit genug waren, um einem anständigen Zweimaster Raum zu bieten.

Duff gluckste vor sich hin.

»Es führt eine schmale Straße zum Haus, Mann, die ist mit Muschelschalen belegt«, sagte er. »Sollte von dort jemand kommen, hört man es lange im Voraus.«

Peter bewegte sich unruhig und wies mit einem Ruck seines Kopfes auf die Sandbänke.

»Flut«, murmelte er.

»Oh, aye. Ihr werdet nicht lange warten müssen – oder sehr lange, je nachdem.« Duff grinste, denn offenbar fand er das sehr komisch.

»Warum?«, fragte Jamie, der die Belustigung des Mannes nicht teilte, schroff. Jetzt, wo er dem Entrinnen nahe war, sah er etwas besser aus, doch war er offensichtlich noch nicht zu Scherzen aufgelegt.

»Die Flut ist im Anmarsch.« Duff hörte auf zu rudern und stützte sich auf seine Ruder, um dann seine schäbige Mütze auszuziehen und sich über die kahle Stirn zu wischen. Er schwenkte die Mütze in Richtung der Sandbänke, wo eine Schar kleinerer Ufervögel wie wahnsinnig umherrannte.

»Bei Ebbe ist der Kanal für einen Zweimaster zu flach. In zwei Stunden« – er blinzelte nach Osten, wo ein Glühen vom Aufgang der Sonne kündete, und nickte vor sich hin – »oder etwas mehr können sie einfahren. Wenn sie jetzt schon dort draußen warten, werden sie sofort kommen, um fertig zu sein und wieder fahren zu können, bevor die Flut wieder zurückgeht. Aber wenn sie noch gar nicht hier sind, müssen sie möglicherweise auf die Abendflut warten. Es ist ein gefährliches Risiko, die Kanäle bei Nacht zu befahren – aber Bonnet ist kein Mensch, der sich von einem bisschen Dunkelheit abschrecken lässt. Dennoch, wenn er keine Eile hat, ist es gut möglich, dass er die Landung bis zum Morgen verschiebt. Aye, möglich, dass Ihr ein wenig warten müsst.«

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