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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Nein, lass sie lieber allein, Cousinchen.« Ians Hand auf ihrem Arm hielt sie davon ab aufzustehen. »Du kannst ihr nicht helfen.«

»Aber –«

Er unterbrach sie und griff in sein Hemd. Er nahm sich einen mitgenommenen Rosenkranz vom Hals und reichte ihn ihr.

»Vielleicht möchte sie ihn haben – später. Ich habe ihn im Sand aufgelesen, nachdem das Schiff … abgefahren war.«

Zum ersten Mal seit ihrer Flucht war die Übelkeit wieder da; ein Schwindelgefühl, das sie in die Finsternis zu ziehen drohte.

»Josh«, flüsterte sie. Ian nickte schweigend, obwohl es keine Frage gewesen war.

»Tut mir leid, Cousinchen«, sagte er ganz leise.

Es war schon fast dunkel, als Roger am Waldrand auftauchte. Sie hatte sich keine Sorgen gemacht, aber nur, weil ihr Schock zu tief saß, als dass sie auch nur einen Gedanken für das übriggehabt hätte, was um sie herum geschah. Doch bei seinem Anblick war sie sofort auf den Beinen und flog auf ihn zu. All die Ängste, die sie unterdrückt hatte, brachen endlich in Tränen heraus, die ihr wie der Regen über das Gesicht liefen.

»Pa«, sagte sie erstickt und schluchzte in sein nasses Hemd. »Er ist – ist er –«

»Ihm fehlt nichts. Brianna – kannst du mit mir kommen? Bist du kräftig genug – nur kurz?«

Sie schluckte und wischte sich die Nase an ihrem nassen Hemdsärmel ab, dann nickte sie und humpelte auf seinen Arm gestützt in die Dunkelheit unter den Bäumen.

Bonnet lag mit zur Seite hängendem Kopf an einen Baum gelehnt. Er hatte Blut im Gesicht, das ihm über das Hemd lief. Sie empfand keinen Triumph bei seinem Anblick; nur unendlich erschöpften Ekel.

Ihr Vater stand schweigend unter demselben Baum. Als er sie sah, trat er vor und nahm sie wortlos in die Arme. Sie schloss für einen seligen Moment die Augen und wünschte sich nur noch, alles hinter sich zu lassen, von ihm aufgehoben zu werden wie ein Kind und nach Hause getragen zu werden. Doch es gab einen Grund, warum sie sie hergeholt hatten; mit immenser Mühe hob sie den Kopf und sah Bonnet an.

Erwarteten sie etwa Glückwünsche?, fragte sie sich benommen. Doch dann fiel ihr wieder ein, was Roger ihr erzählt hatte, als er ihr beschrieben hatte, wie ihr Vater ihre Mutter über den Schauplatz des Gemetzels führte und sie zum Hinsehen zwang, damit sie wusste, dass ihre Folterer tot waren.

»Okay«, sagte sie und schwankte sacht. »Ich meine, gut. Ich – ich sehe es. Er ist tot.«

»Tja … nein. Das ist er nicht.« Rogers Stimme hatte einen seltsam angestrengten Unterton, und er hustete und warf ihrem Vater einen vernichtenden Blick zu.

»Wünschst du dir seinen Tod, Brianna?« Ihr Vater berührte sie sanft an der Schulter. »Es ist dein gutes Recht.«

»Ob ich –« Sie blickte wild vom einen der ernsten, finsteren Gesichter zum anderen, dann zu Bonnet und begriff erst jetzt, dass ihm das Blut über das Gesicht lief. Tote, das hatte ihre Mutter ihr schon oft erklärt, Tote bluten nicht.

Sie hatten Bonnet gefunden, sagte Jamie, ihn gestellt wie einen Fuchs und sich über ihn hergemacht. Es war ein böser Kampf gewesen, aus nächster Nähe und mit Messern, weil ihre Pistolen durch die Nässe nutzlos waren. Bonnet, der gewusst hatte, dass er um sein Leben kämpfte, hatte sich brutal gewehrt – Jamies Rockschulter hatte einen rotdurchtränkten Schlitz, Roger hatte einen Kratzer am Hals, wo ihm eine Messerklinge um Haaresbreite die Schlagader durchtrennt hätte. Doch Bonnet hatte gekämpft, um zu entkommen, nicht, um zu töten – er war in eine Lücke zwischen den Bäumen zurückgewichen, in die ihm nur ein Mann folgen konnte, und dort hatte er mit Jamie gekämpft, ihn abgeschüttelt und die Flucht ergriffen.

Roger war ihm nachgejagt, hatte sich, vor Adrenalin kochend, auf den Piraten gestürzt und ihn mit dem Kopf zuerst gegen den Baum gerammt, an dem er jetzt lehnte.

»Und da liegt er nun«, sagte Jamie mit einem trostlosen Blick auf Bonnet. »Ich hatte gehofft, er hätte sich das Genick gebrochen, aber so ist es leider nicht.«

»Aber er ist bewusstlos«, sagte Roger und schluckte.

Sie verstand, und in ihrer gegenwärtigen Stimmung konnte sie diesen Männer-Ehrentick gut nachvollziehen. Einen Mann in einem fairen Kampf zu töten – oder sogar in einem unfairen Kampf –, war eine Sache; ihm die Kehle durchzuschneiden, während er einem bewusstlos zu Füßen lag, eine andere.

Doch sie hatte es falsch verstanden. Ihr Vater wischte seinen Dolch an seiner Hose ab und reichte ihn ihr mit dem Knauf zuerst.

»Was … ich?« Sie war zu schockiert, um auch nur erstaunt zu sein. Das Messer lag schwer in ihrer Hand.

»Wenn du es möchtest«, sagte ihr Vater ernst und zuvorkommend. »Wenn nicht, werden Roger Mac oder ich es tun. Aber es liegt bei dir, a nighean

Jetzt verstand sie Rogers Blick – sie hatten sich deswegen gestritten, bevor er sie holen kam. Und sie verstand haargenau, warum ihr Vater ihr die Wahl ließ. Ob Rache oder Vergebung, das Leben des Mannes lag in ihrer Hand. Sie holte tief Luft, und das Bewusstsein, dass es nicht Rache sein würde, überkam sie gemeinsam mit einer Art Erleichterung.

»Brianna«, sagte Roger leise und berührte sie am Arm. »Sag nur ein Wort, wenn du willst, dass er stirbt; ich tue es.«

Sie nickte und holte tief Luft. Sie konnte das wilde Sehnen in seiner Stimme hören – genau wie er. Doch in ihrer Erinnerung hörte sie auch den erstickten Klang seiner Stimme, als er ihr erzählt hatte, wie er Boble umgebracht hatte – als er in Schweiß gebadet aufwachte, weil er davon geträumt hatte.

Sie warf einen Blick auf das Gesicht ihres Vaters, das beinahe ganz im Schatten versank. Ihre Mutter hatte ihr nur ganz wenig von den brutalen Träumen erzählt, die ihn seit Culloden heimsuchten – doch das wenige reichte. Sie konnte ihren Vater kaum darum bitten, es zu tun – und Roger das zu ersparen, was ihn selbst quälte.

Jamie hob den Kopf, weil er ihre Augen auf sich spürte, und erwiderte ihren Blick geradeheraus. Jamie hatte noch nie einem Kampf den Rücken gekehrt, den er als den seinen betrachtete – doch dies war nicht sein Kampf, das wusste er. Plötzlich wurde ihr noch etwas bewusst; es war auch nicht Rogers Kampf, obwohl er ihr diese Last mit Freuden von der Schulter nehmen würde.

»Wenn ihr – wenn wir – wenn wir ihn nicht hier und jetzt töten –« Ihre Brust war zugeschnürt, und sie hielt inne, um Luft zu holen. »Was tun wir dann mit ihm?«

»Ihn nach Wilmington bringen«, sagte ihr Vater nüchtern. »Dort gibt es ein tatkräftiges Komitee für die Sicherheit, und sie wissen, dass er ein Pirat ist; sie werden nach dem Gesetz mit ihm verfahren – oder nach dem, was zurzeit für das Gesetz durchgeht.«

Sie würden ihn hängen; er würde genauso tot sein – doch sein Blut würde nicht an Rogers Händen kleben oder ihm das Herz vergiften.

Das Licht war verschwunden. Bonnet war nicht mehr als ein massiger Umriss, dunkel auf dem sandigen Boden. Vielleicht würde er ja an seinen Verletzungen sterben, dachte sie und hoffte es im Stillen – es würde ihnen Ärger ersparen. Doch wenn sie ihn zu ihrer Mutter brachten, würde sich Claire zu dem Versuch verpflichtet fühlen, ihn zu retten. Sie kehrte auch keinem Kampf den Rücken, der der ihre war, dachte Brianna ironisch und war überrascht zu spüren, dass ihr bei diesem Gedanken ein wenig leichter ums Herz wurde.

»Dann lasst ihn leben, damit er hängen kann«, sagte sie leise und berührte Rogers Arm. »Nicht um seinetwillen. Und auch nicht um deinet- oder meinetwillen. Sondern für dein Baby.«

Eine Sekunde lang bedauerte sie, dass sie es ihm jetzt erzählt hatte, im Dunkel des nächtlichen Waldes. Sie hätte so gern sein Gesicht gesehen.

Kapitel 109

Was man schwarz auf weiß in der Zeitung liest

Aus dem L’Oignon – Intelligencer, 25. September 1775

EINE KÖNIGLICHE PROKLAMATION

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