Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
— Schlimmer noch als häßlich, es war gegen die Natur.
— Und es wurde noch schlimmer. Eines der Tiere war eine Äffin. Er hat behauptet, er habe sie dem Sekretär Routledge ausgespannt. Sie sei nun seine Geliebte, er schminkte sie, legte ihr Ohrringe an und eine Kette um ihren schrumpeligen Hals. Sie war so klein, wenn sie saß, verschwand sie unter der Tischkante. Er hat sich von einem der anderen Offiziere einen Kinderstuhl ausgeliehen, auf dem sie beim Essen Platz nehmen durfte. Er begann, sie Liebling zu nennen. Sie zu umgarnen. Er bezog den Kedmutgar mit ein, in seine Scharade. Er fragte ihn immer wieder: Ist sie nicht umwerfend? Ist sie nicht reizend? Soll ich sie nicht fragen, ob sie eine Schwester hat, für dich? Es war so entwürdigend, der Kedmutgar ist weggelaufen. Obwohl er keine andere Arbeit hatte.
— Und tagsüber, was hat er tagsüber mit den Affen gemacht?
— Er gab vor, ihre Sprache zu lernen. Er begann die Laute aufzuschreiben. Er fragte mich eines Tages nach meiner Meinung. Ob denn die Devanagari-Schrift oder die Gujarati-Schrift oder gar die lateinische Schrift am besten geeignet sei, die Sprache der Affen wiederzugeben.
— Upanitsche Saheb hat er bestimmt nicht danach gefragt.
— Nein, Sie haben recht. Wie kommen Sie darauf?
— So verrückt war er doch nicht. Er besaß Augenmaß für Respektlosigkeit. Ihnen gegenüber war er völlig unbeherrscht. Nicht hingegen vor dem Guruji. Was haben Sie ihm denn geantwortet?
— Ich habe geschwiegen. Ich schwieg in diesen Tagen. Mir scheint’s, sagte er, die chinesischen Zeichen wären höchst adäquat, was soll’s, ich kann jetzt nicht wegen dieser Primaten auch noch Mandarin lernen. Er hat ein kleines Wörterbuch ihrer Laute erstellt, er meinte, sechzig verschiedene Ausdrücke gesammelt zu haben. Er war stolz darauf. Er hat behauptet, sich mit den Affen bald unterhalten zu können.
44.
EMPFÄNGER ALLER REUE
— Ach, Naukaram, wir haben hohen Besuch. Wieso setzt du dich nicht zu uns.
— Verzeihen Sie, Burton Saheb, ich kann mich nicht zu Affen setzen.
— Was ist bloß los mit dir und deiner Gastbefreundung, Naukaram? Du bist mir kein Anker. Heute geht das so nicht.
— Lassen Sie mich, Saheb.
— Komm her!
— Ich trauere auch, Saheb.
— Um wen, Naukaram? Wir sitzen alle in der Scheiße, wie wir gerade festgestellt haben, wieder mal was verpaßt, hey, Naukaram, aber wir sind quietschfidelwohlgemut.
— Um sie.
— Um sie? Und wer mag diese Sie sein, diese geheimnisvolle?
— Um Kundalini, Saheb.
— Was flüsterst du da, mein lieber Mann. Ich meinte fast, Kundalini zu hören. Das kann nicht sein. Du? Wieso du? Für dich war sie doch nur eine, wie können wir das in Gegenwart dieser Damen apart formulieren, laß mich überlegen, eine Hure! Wie wäre es damit, eine Hure, die du mir andrehen konntest.
— Ich habe sie ins Haus geführt, weil sie mich beeindruckt hat.
— Sie hat ihn beeindruckt. Was sind wir gerührt.
— Sie hat mir gefallen.
— Als Frau, Naukaram? Als Frau?
— Ja, das hat sie. Und dieses Gefallen, es wurde stärker. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich glücklich, und wenn sie wegging, war ich traurig und freute mich auf ihre Rückkehr. Sie wissen doch, wie sie war.
— Ich weiß es, ich weiß, wie sie war, ich weiß es besser als du. Du hast sie nur angeschaut, du hast ihre Stimme gehört, und sieh mal einer an, was sie für eine Wirkung auf dich hatte. Meine höchstverehrten Gäste, ich stelle Ihnen vor: einen verliebten Mann.
— Was wußten Sie über Kundalini, Saheb?
— Alles zu wissen ist kein Maß, ist kein Ziel. Wenn du so fragst, ich wußte genug über sie.
— Wissen Sie, wo sie hinging, wenn sie uns verließ?
— An den Festtagen, meinst du? Natürlich, zu ihrer Familie.
— Sie hatte keine Familie. Ihre Mutter hat sie als Mädchen an einen Tempel übergeben und nie wiedergesehen.
— Du täuschst dich, du hast etwas falsch verstanden. Das hätte sie mir erzählt.
— Das hätte sie? Wieso? Wieso sollte sie es Ihnen erzählen? Sie hatte Angst, Sie würden alles mißverstehen. Sie hatte Angst vor Ihnen.
— Du lügst. Mißverstehen? Was sollte ich mißverstehen? Sie hätte mein Mitgefühl gehabt.
— Vielleicht. Vielleicht aber auch Ihre Verachtung. Wer weiß das schon so genau im voraus?
— Wo war sie denn?
— Das sage ich Ihnen besser nicht.
— Naukaram! Ich werde dich noch heute abend aus dem Haus werfen. Das schwöre ich dir, vor all diesen Affen hier. Wo ist sie hingegangen?
— Sie hat den Tempel besucht, in dem sie aufgewachsen ist.
— Sie ist in einem Tempel aufgewachsen?
— Ja, bevor sie nach Baroda kam.
— Sie hat in dem Tempel gelebt?
— In einer Kammer, hinter dem Tempel.
— Und was hat sie dort getan?
— Gott gedient, Saheb. Sie war eine Dienerin Gottes.
— Und was sollte ich daran verachten?
— Ich kann nicht mehr sagen.
— Im Gegenteil. Du wirst mir alles sagen. Mach dir keine Sorgen, ich bin fast wieder nüchtern.
— Ich habe mehr Angst vor Ihnen, wenn Sie nüchtern sind.
— Was war da, im Tempel?
— Sie hat nicht nur Gott gedient. Sie hat auch dem Priester gedient.
— Was denn? Geputzt, gekocht?
— Nein, anders gedient.
— Du meinst als Frau? Willst du das sagen, wie ein Nautsch-Mädchen?
— So ähnlich.
— Das soll ich dir glauben?
— Es ist die Wahrheit, Saheb.
— Wie lange?
— Ich weiß es nicht.
— Als sie zurückging, hat sie mit dem Priester wieder …?
— Nein, das glaube ich nicht. Bestimmt nicht. Sie ist vor ihm weggelaufen, er hat sie schlecht behandelt. Deswegen kam sie nach Baroda.
— Du hast mir all das verschwiegen?
— Sie mußte zurück. Es war der einzige Ort, an dem sie sich geborgen fühlte, trotz des Priesters. Sie vermißte die Räume des Tempels, sie vermißte es, vor Gott zu sitzen, ihm Luft zuzufächeln. Es ist merkwürdig. Sie fühlte sich nur dort geborgen. Obwohl er sie so schlecht behandelt hat.