Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
Von da an erschien er nicht mehr bei Gericht. Er verbrachte seine Tage an belebten Kreuzungen und predigte eine Wahrheit, die keiner verstand. Die Einheimischen ließen ihn in Ruhe, sie hießen ihn mit einer gehörigen Portion Respekt Qalander. Ein von Gott geküßter Narr. Eines frühen Morgens, an dem wichtigsten Markttag des Monats, kletterte er auf einen Baum an der Straße, die von Osten in die Stadt hineinführte, und schrie mit aller Kraft: Duniya chordo, Jesu Christo, pakro. Har har Mahadev. Entsagt der Welt und greift nach dem Heiland. Es lebe der Allmächtige. Alle Berichte sprachen ungläubig von der Ausdauer seiner Stimme. Er schrie diese Sätze noch immer, als die Händler am Nachmittag in die umliegenden Dörfer zurückkehrten. Niemand würde es wagen, das Verhalten eines Qalander vorherzusehen, und so überraschte es nur die Briten, daß der Bastard von Baroda eines Tages in einem Anzug herumlief, dessen Ärmel seine Hände schluckten und dessen Hosenenden über den Boden schleiften. Das Muster des Anzugs sah dem Union Jack bedenklich ähnlich. Eingehüllt in der Flagge Ihrer Majestät, stolzierte der Bastard einen Tag lang durch Baroda, er lungerte zum ersten Mal seit den Prügeln, die er am Geburtstag der Königin bezogen hatte, vor der Regimentsmesse, bis er verscheucht wurde. Nicht ohne zuvor ausgerufen zu haben, keiner könnte ihn schlagen, das wäre ein Affront gegen die Heiligkeit der Flagge, gegen die Werte, die mit dieser Flagge flatterten. Die Verwunderung wandelte sich in heftige Empörung, als eine Meldung aus Surat die Lösung des Rätsels herbeitrug. Mitten in der Nacht sei vor einigen Tagen der Union Jack von dem Mast am Eingang des Cantonment gestohlen worden. Es dauerte nicht lange, bis die ausgesandten Sepoys — die Entrüstung war nicht so heftig, daß es die Offiziere aus dem Schatten herausgetrieben hätte — den Bastard fanden. Keinen Augenblick zu spät, denn er war gerade damit beschäftigt, einen Fetzen der Flagge einem Straßenköter anzulegen, den er regelmäßig fütterte. Der Bastard wurde ins Gefängnis geworfen, und es gab nicht wenige, die der Ansicht waren, dort wäre er bestens aufgehoben, bis er das Antlitz der Welt von seiner Anwesenheit befreite. Burton war der einzige, der sich für ihn einsetzte, zur Verwunderung aller. Der Bastard solle freigelassen werden, argumentierte er, er sei nicht schuld an seinem Verderben, das hätten seine Eltern ihm in die Wiege gelegt, und anstatt über die arme Kreatur zu schimpfen, sollten sie alle lieber die Lehre aus diesem unappetitlichen Fall ziehen, daß nämlich das Blut des Westens sich nicht mit dem Blut des Ostens vermischen sollte, eine Mischung, die beide Seiten zerfetzt, meine Herren, wie unser Union Jack schmerzhaft erfahren mußte.
47.
NAUKARAM
II Aum Dvaimaturaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
Er mußte nur noch eine letzte Blöße bedecken. Nicht der Rede wert. Man konnte sagen, er war soweit. Der erste Teil seiner Dichtung war so gut wie vollendet. War es nicht an der Zeit, sich ein wenig Genugtuung zu gönnen? Hatte er Kundalini nicht zu einer wunderbaren Figur geformt? Sie mußte den Vergleich mit Shakuntala nicht scheuen, und er nicht mit … Nein. Das ging zu weit. Ihm war schwindlig. Er war solche Gedanken nicht gewohnt. Sie war betörend frisch, die Einsicht, was er geleistet hatte. Worüber mußte er sich noch klarwerden? Eigentlich nur über die Frage, wieso Kundalini dem Tempel übergeben wurde. Es muß sich um ein Versprechen gehandelt haben. Wann geben die Menschen solch maßlose Versprechen ab? Wenn sie sich ein Kind ersehnen. Ja, das war es, die einfachste, die eleganteste Lösung. Die Mutter von Kundalini war unfruchtbar, sie krallte sich an ihren Gebeten fest, und sie schwor, nicht einmal, nein, solche Schwüre werden tausendfach wiederholt, als sei Gott taub oder von schwachem Gedächtnis, wenn sie Kinder kriegen könnte, sie würde ihre erste Tochter Gott zur Braut geben. Der Gott, der ihre Gebete erhörte, erwies sich als bedingt großzügig. Er gab nur so viel, wie er später zurückerhalten würde. Er schenkte ihr ein einziges Kind, es war eine Tochter, und mit diesem Kind bezahlte die Mutter von Kundalini für das Geschenk ihres Kindes. Was für ein Gottesdienst! Was für ein Einfall! Ihm wurde noch schwindliger. Er war überaus zufrieden.
— Alle fragen nach dir, wo du bist, wie es dir geht. Was soll ich ihnen sagen?
— Hast du mich nicht verstanden?
— Ich habe kein Gesicht mehr, den Nachbarn entgegenzutreten.
— Schweig doch endlich.
— Die ganze Zeit sitzt du hier, mit den Blättern und der Feder, wenn ein Gast uns besucht, wieso kommst du nie heraus.
— Weil ich besseres zu tun habe.
— Verflucht sei dein Schreiben. Du hast keine Zeit mehr für irgend etwas anderes. Du hast deine Familie gegen diese Buchstaben eingetauscht. Ist das die großartige Erfindung, die aus Männern Einsiedler macht, einsam inmitten von Menschen?
— Du verstehst nicht, Eselin du. Immer mußte ich aufschreiben, was mir andere diktiert haben. Es waren immer trockene Briefe, trostlose Briefe. Bittgesuche, Eigentumsübertragungen. Ich formulierte, so geschickt ich konnte, manchmal schmückte ich die Schreiben ein wenig aus, aber stets blieb ich der Sklave fremder Absichten. Obwohl ich klüger war als diese Kunden, mußte ich ihren Blödsinn niederschreiben. Das ändert sich jetzt. Das hat sich schon geändert. Verstehst du nicht, wie wichtig das ist?
48.
SOHN DES SHIVA
Upanitsche wartete, bis es fast zu spät war, bevor er seinem Shishia das Wichtigste beibrachte, was er einem Fremden beibringen konnte. Er wartete damit bis zur Nacht des Shiva, bis der Geist von Burton vor lauter Schlaflosigkeit zu einer Ellipse verbogen war. Er wartete, bis die Huldigung Gottes fast vorbei war. Sie waren zum Tempel zurückgekehrt, nachdem sie Shiva über drei Hügel getragen und um Spenden gebeten hatten, jedesmal, wenn sie den Palankin absetzten. Die Menge war sich in ihren Gefühlen nicht einig gewesen. Die Träger umklammerten resolut die Pfähle, die Jungen verwandelten ihre Hingabe in einen kreisenden Tanz, der Spendeneintreiber bediente sich aller Mittel, um die Geldbeutel zu lockern, sogar eines derben Humors. Er schwitzte wie ein Conférencier, der seine Aufgabe genoß, obwohl er überfordert war; die restlichen Gläubigen rotierten um die Trage in verdichteter Ekstase. Guruji war zum Schlaf bereit. In einem weißen Unterhemd und Pajama. Haben Sie schon einmal von Adavaita gehört, mein Shishia? So wie er es sagte, sah sich Burton einem Mithaiwallah gegenüber, der ihm eine neue Süßigkeit offerierte. Der Tonfall täuschte, das wußte er inzwischen, der Ernst würde auf Zungenspitzen folgen. Adavaita bedeutet ganz einfach ›ohne Zweites‹. Hören Sie mir zu, mein Shishia, und sagen Sie mir dann, ob Sie jemals einen strengeren Gedanken gehört haben. Laut Adavaita existiert nichts außer einer einzigen Realität, deren Name unerheblich ist — Gott, das Unendliche, das Absolute, Brahman, Atman, wie wir es auch immer nennen möchten. Diese Realität verfügt über kein einziges Attribut, das sie definieren könnte. Auf jeden Versuch, sie zu beschreiben, müssen wir antworten: Nein! Wir können sagen, was es nicht ist, aber nicht, was es ist. Alles, was wie Existenz erscheint, die Welt unseres Geistes und unserer Sinne, ist nichts anderes als das Absolute unter einer falschen Konzeption. Das einzige, das unter dieser Flut von Phantomen des Egos existiert, ist das wahre Selbst, das Eine. Tat tvam asi, sagt Adavaita, du bist das! Deswegen, mein Shishia, und das ist das letzte, was ich Ihnen sagen werde, bevor wir uns schlafen legen, ist jeder Gedanke, der entzweit, ein Verstoß gegen die höchste Ordnung. Deswegen gilt es schon als Gewalt, wenn wir uns als Fremde ansehen, wenn wir uns als andere betrachten.