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Der Weltensammler

Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.
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— Du hast mir nichts davon erzählt. Ich hätte Lust, dich auszupeitschen.

— Wie hätte ich annehmen sollen, Saheb, daß Sie nichts davon wußten. Sie waren doch viel besser mit ihr vertraut als ich. Ich kannte sie nur von den gemeinsamen Stunden in der Küche. Wir aßen manchmal zusammen. Manchmal saßen wir auf der Veranda, wenn Sie verreist waren. Sie wissen selber, wie selten das war. Wie hätte ich es mir anmaßen können, mit Ihnen über Geheimnisse zu sprechen, denen Sie näherstanden als ich.

45.

NAUKARAM

II Aum Devavrataaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II

— Du hast alle Grenzen überschritten. Es ist unverzeihlich, was du getan hast. Wie konntest du meine Geheimnisse weitererzählen? Es war nur für deine Ohren bestimmt. Dürfen die Lahiya alles weitertragen? Dürfen sie auf dem Markt mit der Münze des Anvertrauten zahlen? Ich habe mich in dir getäuscht, du bist kein ehrenvoller Mann. Und als wäre das nicht schlimm genug, hast du auch noch Lügen über mich erzählt, Lügen, die mich in dieser Stadt vernichten werden.

— Was denn, was denn? Ich lüge nicht!

— Ich konnte es nicht glauben.

— Jemand hat mich verleumdet.

— Du lügst schon wieder. Ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Der Sänger, er hat zuerst Bhajan gespielt. Doch dann hat er seine eigenen Verse gesungen, die waren alles andere als heilig, sie waren vulgär, sie sollten das Publikum belustigen. Er spottete über die Angrezi und die Sardarji, er spottete über einen lüsternen alten Mann, der in Liebe zu einer Wäscherin entbrannt ist und daher täglich seine Kleidung zum Waschen gibt. Es war dümmliches Zeug. Dann spottete er über einen Diener, der seinem Herrn verfallen ist. Über seine Liebe zu der Bubu des Herrn, einer Devadasi, die beide Männer ausgenutzt habe. Ich erstarrte. Zuerst dachte ich an einen Zufall, bis diese Erklärung nicht mehr möglich war. Ich erwartete, die Zuschauer würden sich gleich umdrehen und mich anstarren. Es war mir peinlich. Es tat mir weh. Aber es war nicht annähernd so peinlich und so schmerzhaft wie das, was dann folgte. Die Bubu, sang er vergnügt, er hatte so eine widerlich selbstverliebte Stimme, sie habe ein Kind bekommen, als der Herr unterwegs war für einige Monate. Sie habe das Neugeborene getötet, und der Diener habe ihr geholfen, es im Wald zu begraben.

— So etwas habe ich ihm nie erzählt.

— Du gestehst also, was er wußte, wußte er von dir.

— Er ist ein Freund, ich habe seinen Rat gesucht. Ich war mir nicht sicher, wie ich Ihre Geschichte weiterschreiben sollte. Es ist nicht so leicht, wie Sie es sich denken. Manchmal bin ich überfordert. Niemals habe ich etwas von einem toten Kind erwähnt. Nein, warte warte, mir fällt ein, der tote Affe, wissen Sie, den Burton Saheb selber begraben hat im Garten, das haben Sie mir erzählt. Vielleicht habe ich von dem Begräbnis des Affen gesprochen, Sie müssen zugeben, es ist das verrückte Ende eines großen Wahns, und als Vergleich, verstehen Sie, habe ich gesagt, er habe ihn begraben, so als sei er sein eigenes Kind. Ein harmloser Vergleich nur.

— Und dann, was noch für harmlose Vergleiche? Wer ist dafür verantwortlich. Wer?

— Wofür?

— Die Verse dieses Schakals, den du deinen Freund schimpfst. Sie endeten, ich habe nie in meinem Leben so eine Scham gespürt, sie endeten damit, der Diener habe die Bubu vergiftet. Weil sie seine Liebe nicht erwiderte, weil er sich vor Eifersucht verzehrte. Er hat ihr Leben genommen, weil er es nicht aushalten konnte, sie in den Armen seines Herrn zu sehen.

— Nein, nie würde ich so etwas sagen. Nicht einmal vermuten. Sie verwechseln etwas. Diese Geschichte, die mein Freund vorgetragen hat, es war gar nicht Ihre Geschichte. Vielleicht wurde er angeregt von dem, was ich ihm erzählt habe, das kann ich nicht leugnen, bestimmt wurde er davon angeregt, aber er hat sie zu seiner eigenen Geschichte gemacht.

— Auf meine Kosten.

— Was schadet es Ihnen, das Geschwätz eines Manbhatt?

— Wer kann die zwei Geschichten auseinanderhalten? Jeder, der ein wenig weiß von mir, wird dieses Wissen vermengen mit dem Gift der Verleumdung.

46.

SOHN ZWEIER MÜTTER

Als Burton das erste Mal von ihm hörte, war der Mann unter seinem Namen begraben, unter dem Namen, der alle Beschimpfungen zusammenfaßte, die sie in der Stadt über ihn häuften. Er hieß der Bastard von Baroda. Er war nur unter diesem Namen bekannt. Es war schwer vorstellbar, daß er jemals einen anderen Namen getragen hatte. Er war ein Aussätziger, mit dem keiner, der etwas auf sich hielt, Berührung gehabt hätte, wäre er nicht gelegentlich, wenn die amtlichen Übersetzer verreist waren, zu Gericht bestellt worden. Diese Aufgabe erledigte der Bastard mit Bravour. Er schien die Angeklagten, die unwillig an dieser Darbietung teilnahmen, zu beruhigen. Er wußte den Wünschen des Richters mit erstaunlichem Feingefühl zu entsprechen. Die einheimischen Dialekte flossen aus ihm heraus, sein grammatikalisch korrektes Englisch hingegen klang, als habe er es zu lange in sich unter Quarantäne gehalten. Denn der Bastard von Baroda hatte ansonsten keinen Umgang mit Briten. Nur vor Gericht verwendete er das Englisch, das ihm sein irischer Vater beigebracht hatte, der desertiert war und ihn irgendwo hinter der nordwestlichen Grenze mit einer einheimischen Frau gezeugt hatte. Die Verachtung, mit der einst sein Vater bedacht worden war, war auf ihn übergegangen. Mit einem nicht unerheblichen Unterschied. Während sein Vater sich den Verdammungen entzogen und alles in allem ein beglücktes Leben geführt hatte, war sein Sohn ihnen hilflos ausgeliefert. Burton begegnete dem Bastard von Baroda zufällig auf der Straße. Er erkannte ihn an seiner Kleidung, an dem wilden Durcheinander, von dem er schon gehört hatte. Kein anderer würde eine abgenutzte Armeejacke tragen, die Löcher gestopft mit Fetzen in allen Farben, über einem langen Pathani aus rauhem Stoff, auf dem Kopf eine zerlöcherte Melone. Um sein Hirn zu kühlen, lautete einer der Scherze. Burton zwang sein Pferd zu einem langsamen Trott, der die Schritte des Mannes einholte, und er sprach ihn an, auf Hindustani. Ohne aufzublicken, erwiderte der Fußgänger etwas auf englisch. Burton beharrte auf Hindustani. Sprechen Sie englisch mit mir, sagte der Mann barsch. Wieso? Weil ich Brite bin. Du? Burton war erstaunt über die Unverfrorenheit. Wer sich hierzulande alles Brite zu nennen traut. Du bist ein Bastard, sagte Burton, bevor er seinem Pferd wieder die Sporen gab, nicht unfreundlich, unter Ausschluß jeglicher Widerrede. Und wie alle Bastarde, dachte er sich, vereinst du in dir das Schlimmste von beiden Seiten. So ist das Gesetz der Natur, das Negative setzt sich durch.

Der Bastard schien entschlossen, Burtons Einschätzung durch sein Verhalten zu bestätigten. Zum Geburtstag der Königin tauchte er vor der Regimentsmesse auf und verlangte Einlaß. Alle ihre Bürger sollten das Recht haben, diesen festlichen Anlaß mit ihr zu feiern. Er konnte sich glücklich schätzen, daß er nur am Kragen gepackt und auf die Straße gesetzt wurde. Er gab nicht leicht auf, dieser Bastard. Kurz darauf hörte man in der Regimentsmesse einen Ausruf, und eine zweite Stimme bestätigte die laute Verwunderung. Meine Güte, das ist doch nicht zu fassen! Sie scharten sich um die Späher am Fenster und starrten auf eine geradezu diabolische Unverschämtheit. Der Bastard saß am Rande der Straße, wo der ausgeblichene Rasen begann. Er hatte ein weißes Tischtuch ausgebreitet, und er legte Geschirr aus, aus Keramik, mit Efeublättern gemustert.

Gott weiß, wo er das aufgegabelt hatte. Er schenkte sich aus einer Kanne mit Schwanenhals ein wenig Tee ein, sie sahen die dunkle Farbe, es war nicht der hellbraune Tschai, den diese Kerle ansonsten tranken. Er nahm den Henkel zwischen Daumen und Mittelfinger, mein Gott, er spreizte sogar den kleinen Finger, er beachtete nicht die Wachen, die um ihn herumstanden, die ihn anschrien, er schlürfte einen ersten Schluck. Die Teetasse wurde ihm aus der Hand geschlagen, der heiße Tee — ob aus Absicht oder unverschuldet — platschte einer der Wachen ins Gesicht. Die Tasse fiel zu Boden, sie brach nicht zugleich, sie wurde zerdrückt unter den Stiefeln der Wachen, die sich auf den schmächtigen Mann stürzten. Burton mußte mit einigen Kameraden hinauseilen, um zu verhindern, daß der Bastard totgeschlagen wurde. Er lag blutig inmitten der Scherben. Keiner wußte, wo der Bastard lebte, und es war undenkbar, ihn in die Messe hineinzutragen. Die Offiziere, die hinausgeeilt waren, standen eine Weile um ihn herum, dann machten sie kehrt, einer nach dem anderen, und zogen sich zur Feier des Tages zurück. Burton schielte immer wieder aus dem Fenster. Er konnte den Mann nicht dort draußen liegenlassen. Naukaram und einige der anderen Diener waren schnell gerufen. Sie trugen den Bastard zum Bungalow von Burton und legten ihn auf das Bett im Bubukhanna. Die Gegenwart der Affen würde den Ohnmächtigen nicht stören. Das Versprechen einer alten Flasche Port überzeugte den alten Huntington zu prüfen, ob nicht irgendwelche Knochen gebrochen waren, und einige Verbände anzulegen. Am nächsten Morgen war der Bastard verschwunden.

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