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Der Weltensammler

Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.
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Upanitsche legte sich schlafen. In der Entfernung schlugen Becken aneinander mit einem hellen Klang. Die Bhajan würden die Nacht durchwachen. Burton schlummerte ein. Er wußte nicht, was ihn geweckt hatte. Er richtete sich auf. Blickte um sich. Dicht nebeneinander lagen die Leiber, der gesamte Vorraum bedeckt von leichtem Schlaf. Er war einer dieser Leiber. Eine Hebung im Atem des Universums. Fast ein Nichts. Um wieviel tröstlicher zu glauben, daß er alles war und alles in ihm war. Diese Menschen waren stets in der Masse aufgehoben, sie schliefen jede Nacht unter vielen anderen, sie waren es gewohnt, einer von vielen Leibern auf unebenem Boden zu sein. Er horchte auf. Der Ton eines neuen Bhajan erklang. Weitere Stimmen schlossen sich dem Gesang an, begleitet von Ausrufen des Entzückens und von Händen, die nach vorne stießen. In die Pause, in den neunten Schlag der Tabla. Derweil Gott gekühlt wurde von einem feinen Wasserstrahl. So leise, er konnte ihn nur hören in dem stummen Schlag. Stundenlang hatten sie neben dem Strahl gesessen. Wiederholen Sie die Namen Gottes, hatte Guruji geraten, damit Ihnen nicht kalt wird im Kopf, mein Shishia. Burton verstand nicht genug Sanskrit, die Litaneien ermüdeten ihn. Seine Aufmerksamkeit nahm die Umgebung unter die Lupe. Die Lieblingsblume der Gottheit, verstreut auf dem Boden, eine dreiblättrige Wandlung. Die Schwielen an den Füßen des Pujari. Ein Härchen, das noch nicht weiß geworden war, auf dem Haupt von Guruji. Als es vorbei war, nach sechs Stunden, übertrug der Priester den Gläubigen die Verdienste, die er durch die Puja erworben hatte. Das Pragmatische im Glauben, umfassender als jedes anderes Gesetzbuch. In der Nacht von Shiva, in der vorhergehenden Nacht und an dem Tag zuvor, er gehörte so sehr dazu, ihn reizte die Vorstellung, für den Rest seines Lebens Teil dieser Familie, dieses Ortes, dieser Rituale zu sein. Er erschrak über diese Lust. Betörend im ersten Augenblick, bedrohlich, sobald er in ihr verweilte. Er stand auf, umrundete den Tempel und setzte sich zu den Wachenden. Er sang einen Bhajan mit, seine Stimme die tiefste unter dem Vordach des Tempels. Zum Sonnenaufgang, als er sich am Fluß wusch, hörte er, wie einer der jungen Männer seinen Freund fragte: Woher kommt dieser Firengi? Wer weiß, was er zu Hause über uns erzählen wird. Was ist denn seine Gotra? fragte der Freund schlau.

Als Burton zu Hause in den Spiegel blickte, erkannte er sich selbst nicht wieder. Nicht wegen irgendeiner äußeren Veränderung, sondern weil er sich verwandelt fühlte.

49.

NAUKARAM

II Aum Ishaanaputraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II

— Ich habe dir schon klargemacht, daß die Leute im Sindh Miya sind. Die meisten von ihnen. Unsere Schreine wirkten fehl am Platz. Weil sie so selten waren. Ich muß dir sagen, die Ausnahme beschämt. Sie wirken so selbstverständlich bei uns. Dort nicht. Die übriggebliebenen Tempel waren in Grotten und Höhlen, die Girlanden vertrocknet. Die Göttin, Singhuvani hieß sie, sie sah aus wie Durga, sie war auf ihrem Löwen zu weit nach Westen geritten. Ich weiß, es ist unsinnig, was ich sage, aber so kam es mir vor. Es drängte mich, die Schreine einzupacken und nach Hause zu tragen. Ein verrückter Gedanke, ich weiß. In den Makli-Hügeln, die zerfressen sind von Grabmälern. Die Beschnittenen behaupten, dort läge eine Million ihrer Heiligen begraben. Sie übertreiben natürlich. Eine Million heilige Sulla? Wie kann das sein!

— Als ob wir nicht übertreiben würden.

— Wir übertreiben bei den Göttern, die übertreiben bei den Menschen.

— Ist dem so? Vielleicht liegt es daran, daß sich die Moslems nicht einen ganzen Zoo von Göttern halten.

— Auf wessen Seite stehst du eigentlich?

— Es gibt mehr als nur zwei Seiten. Wir sollten dieses Gestrüpp verlassen. Was wollten Sie mir über diese Hügel sagen?

– Überall waren Zeichen unserer Santano Dharma zu sehen. Nach so vielen Jahrhunderten der Unterdrückung. Zwischen den Grabmälern. Aufgerichtete Steine. Als ich näher kam, waren eindeutig die Shivlinga zu erkennen, zinnoberrot bestreut, genau wie bei uns. Und die Wasserbecken hatten die Form von Yonni. Daß die Gebeine dieser Beschnittenen inmitten von Shivlinga und Yonni liegen, das hat mich getröstet. Ich habe Schadenfreude empfunden.

— Wenn die Miya so schlimm sind, wie Sie behaupten, wieso haben sie die Shivlinga und Yonni nicht zerstört? Wer läßt so etwas schon gerne auf seinem Friedhof liegen?

— Was weiß ich. Die haben eine Million Gräber auf diesen Hügeln angelegt, und wir sollen uns darüber freuen, daß sie einige Shivas übriggelassen haben.

— Diese Heiligen, was waren das für Menschen, wie haben sie gewirkt, womit haben sie diese Verehrung verdient?

Naukaram rollte eine weitere Beschreibung aus, routiniert wie ein Stoffhändler, der das Muster in- und auswendig kennt und sich keiner Illusion hingibt, den Kunden sofort ködern zu können. In seiner Erzählung schwang etwas mit, das die Schöpferkraft des Lahiya anregte. Bis zum späten Nachmittag war die Anregung zu einer Idee ausgewachsen. Er zog sich nicht einmal um, seine Frau war glücklicherweise nicht zu Hause, er legte sich gleich ein frisches Blatt zurecht und tupfte seine Feder in die Tinte. Das Wunder, schrieb er, auf einem neuen Blatt, beginnt mit einer Gefahr, mit der Überwindung einer Gefahr. Mit einer unverstandenen Segnung. Einer einseitig verstandenen Segnung. Fischersleute auf einem Boot, die in einen Sturm geraten. Den Gewalten ausgeliefert, besinnen sie sich auf das Gebet. Zu wem beten sie, wen flehen sie um Hilfe an? Den heiligen Mann ihres Dorfes, den einzigen ihnen vertrauten Menschen, der von diesen Gewalten nicht eingeschüchtert ist. Sie werfen dem Sturm seinen Namen zu. Wie eine Empfehlung. Wie eine Losung. Sie werden gerettet. Der Sturm zieht sich zurück. Sie sind am Leben, dem heiligen Mann sei Dank. Wie sollten sie vermuten, Gott habe sich ihrer erbarmt, da sie Seiner so selten gedenken. Sie kehren in ihr Dorf zurück. Was haben sie zu erzählen? Von einem Sturm, der nicht zu ihrem Untergang führte. Von einem Wunder. Die Wellen warfen das kleine Boot umher, der Wind zerfetzte die Segel, sie wären verloren gewesen, hätten sie nicht den Namen des heiligen Mannes ausgerufen. Und sie schwören, seine Gestalt erschien vor ihnen, seine Stimme sprach ihnen Mut zu, seine Gegenwart linderte ihre Angst, besänftigte die Wut des Sturmes. Sie glauben an seine Erscheinung. Welche andere Erklärung könnte es geben für das Wunder ihres Überlebens. Und der heilige Mann? Wie reagiert er, wenn er von der Kraft hört, die ihm nachgesagt wird? Senkt er die Augen und lächelt entrückt? Läßt er seinen Schüler sagen, er habe die panischen Rufe der Fischer gehört und seinen Geist nach ihnen ausgestreckt? Werden die Fischer sich nicht dankbar erweisen? Auch mit Gaben. Werden sie nicht beim nächsten Auslaufen vorbeugend den heiligen Mann beschwören? Werden es ihnen Fischer anderer Dörfer nicht nachmachen, mit der Zeit? Wenn sie hören, daß die Fischer stets heil zurückkehren und mit gutem Fang. Der heilige Mann hat sich als Wundertäter bewährt. Habt ihr nicht gehört, das Boot ist gesunken, die Fischer waren verloren, doch der Heilige hat sie aus den Tiefen hochgeholt mit der kräftigen Hand seines Geistes. Habt ihr nicht gehört, er hat die Delphine ausgesandt, auf deren Rücken die Geretteten ans Land getragen wurden? Wer könnte solchen Wundern widersprechen? Was für einen Grund könnte es geben, diesen Wundern zu widersprechen?

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