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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Der Graf runzelte die Stirn und räusperte sich.

»Wenden Sie sich mit Ihrer Bitte an die Gräfin; ich habe hier nichts anzuordnen.«

»Wenn es irgendwie Umstände macht, so ist es ja nicht nötig«, sagte Berg. »Es wäre mir nur um Wjeras willen sehr lieb gewesen.«

»Ach, schert euch alle zum Teufel, jawohl zum Teufel!« schrie der alte Graf. »Mir ist der Kopf ganz wirbelig.«

Mit diesen Worten ging er aus dem Zimmer. Die Gräfin brach in Tränen aus.

»Ja, ja, Mama, es sind recht schwere Zeiten!« sagte Berg.

Natascha war mit dem Vater zugleich hinausgegangen; anfangs ging sie wie in schwerem Nachdenken hinter ihm her, aber dann lief sie nach unten.

Auf der Freitreppe stand Petja, der damit beschäftigt war, die Leute, die aus Moskau wegfahren sollten, zu bewaffnen. Auf dem Hof standen immer noch wie vorher die beladenen, bespannten Fuhrwerke. Nur zwei Fuhrwerke waren leer gemacht, und auf eines von ihnen stieg, von seinem Burschen unterstützt, ein Offizier hinauf.

»Weißt du, warum?« fragte Petja seine Schwester.

Natascha verstand, was er meinte: ob sie wüßte, warum der Vater und die Mutter sich gestritten hätten. Sie gab ihm keine Antwort.

»Weil Papa alle Fuhrwerke für die Verwundeten hergeben wollte«, sagte Petja. »Wasiljewitsch hat es mir gesagt. Meiner Ansicht nach …«

»Meiner Ansicht nach«, rief Natascha auf einmal fast schreiend, indem sie ihr zorniges Gesicht zu Petja hinwandte, »meiner Ansicht nach ist das eine Schändlichkeit, eine Gemeinheit, eine … ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll. Sind wir denn etwa Deutsche?«

Die Kehle zitterte ihr von krampfhaftem Schluchzen; aus Furcht, sie werde sich nicht halten können und die ganze Ladung ihres Ingrimms nutzlos verpuffen, drehte sie sich um und lief eilig die Treppe hinauf.

Berg saß bei der Gräfin und tröstete sie in der respektvollen Weise eines jüngeren Familienmitgliedes. Der Graf ging mit der Pfeife in der Hand im Zimmer auf und ab, als plötzlich Natascha mit einem Gesicht, das von zorniger Erregung ganz entstellt aussah, wie ein Sturmwind ins Zimmer hereinstürzte und mit schnellen Schritten auf die Mutter zutrat.

»Das ist eine Schändlichkeit, eine Gemeinheit!« rief sie. »Es ist unmöglich, daß Sie das befohlen haben.«

Berg und die Gräfin blickten sie verständnislos und erschrocken an. Der Graf blieb auf seiner Wanderung am Fenster stehen und horchte auf.

»Mama, das darf nicht sein!« rief sie. »Sehen Sie nur einmal auf den Hof; sie sollen hierbleiben!«

»Was hast du? Von wem redest du? Was willst du denn?«

»Von den Verwundeten rede ich! Das darf nicht sein, liebe Mama; das wäre ja unerhört … Nein, liebe, beste Mama, das ist nicht das Richtige; verzeihen Sie mir, bitte, liebe Mama … Liebe Mama, was haben wir von den Sachen, die wir mitnehmen könnten! Sehen Sie nur einmal auf den Hof … Liebe Mama …! Das kann nicht sein …!«

Der Graf stand am Fenster und horchte, ohne das Gesicht umzuwenden, auf Nataschas Worte hin. Plötzlich schnob er hörbar durch die Nase und hielt sein Gesicht dicht an das Fenster.

Die Gräfin blickte ihre Tochter an, sah, wie deren Gesicht von Scham über das Verhalten ihrer Mutter übergossen war, sah Nataschas Aufregung, begriff, weshalb ihr Mann sich jetzt nicht nach ihr umsehen mochte, und schaute mit verlegener Miene rings um sich.

»Ach, tut meinetwegen, was ihr wollt! Als ob ich jemanden hinderte!« sagte sie in einem Ton, als wolle sie sich doch nicht gleich mit einemmal völlig ergeben.

»Liebe Mama, beste Mama, verzeihen Sie mir!«

Aber die Gräfin schob die Tochter von sich und trat an den Grafen heran.

»Mein Lieber, ordne du nur alles an, wie du es für nötig hältst; ich verstehe ja nichts davon«, sagte sie, schuldbewußt die Augen niederschlagend.

»Hier ist einmal wirklich das Ei klüger gewesen als die Henne«, sagte der Graf unter Tränen glückseliger Freude und umarmte seine Frau, die froh war, ihr von Scham übergossenes Gesicht an seiner Brust verbergen zu können.

»Lieber Papa, liebe Mama, darf ich es anordnen? Darf ich?« fragte Natascha. »Das Notwendigste werden wir trotzdem mitnehmen können.«

Der Graf nickte ihr bejahend zu, und Natascha lief mit solcher Geschwindigkeit wie früher beim »Greifen«-Spielen durch den Saal ins Vorzimmer und die Treppe hinunter auf den Hof.

Die Leute versammelten sich um Natascha und vermochten an den seltsamen Befehl, den sie ihnen überbrachte, nicht eher zu glauben, als bis der Graf selbst, zugleich im Namen seiner Frau, den Befehl bestätigte, daß alle Fuhrwerke den Verwundeten eingeräumt, die Kisten aber in die Vorratsräume gebracht werden sollten. Als sie den Befehl richtig erfaßt hatten, machten sich die Leute mit sichtlicher Freude und emsiger Geschäftigkeit an die neue Arbeit. Der Dienerschaft erschien dies jetzt ganz und gar nicht seltsam, ja, sie hatte im Gegenteil das Gefühl, es könne gar nicht anders sein, gerade wie es eine Viertelstunde vorher keinem von ihnen seltsam erschienen war, daß die Verwundeten zurückgelassen und die Sachen mitgenommen werden sollten, sondern sie dies für selbstverständlich gehalten hatten.

Alle Hausgenossen nahmen mit großem Eifer, wie wenn sie es wiedergutmachen wollten, daß sie dies nicht früher getan hatten, die neue Aufgabe in Angriff, die Verwundeten auf den Fuhrwerken unterzubringen. Die Verwundeten kamen aus ihren Zimmern herausgekrochen und umringten mit blassen, aber freudigen Gesichtern die Fuhrwerke. Auch nach den Nachbarhäusern war das Gerücht gedrungen, daß hier Fuhrwerke zu haben seien, und so begannen auch aus anderen Häusern Verwundete zu Rostows auf den Hof zu kommen. Viele der Verwundeten baten, die Sachen nicht herunterzunehmen, sondern sie nur obendrauf zu setzen. Aber das einmal begonnene Werk des Abladens der Sachen ließ sich nicht mehr hemmen; auch war es ganz gleich, ob alles dagelassen wurde oder nur die Hälfte. Auf dem Hof standen die noch nicht weggeräumten Kisten mit Bronzen, Gemälden, Spiegeln und Geschirr umher, die am vorhergehenden Abend bis in die Nacht hinein so eifrig gepackt waren, und immer suchte und fand man noch eine Möglichkeit, auch dies und das noch abzuladen und immer noch einen Wagen nach dem andern für die Verwundeten zu bestimmen.

»Vier können wir noch mitnehmen; ich will gern mein Fuhrwerk dazu hergeben«, sagte der Verwalter. »Aber wohin mit den letzten?«

»Nehmt nur den Wagen mit meiner Garderobe«, sagte die Gräfin. »Dunjascha kann sich zu mir in die Kutsche setzen.«

Auch der Garderobewagen wurde noch dazugenommen, und da noch Platz blieb, wurde er nach einem der Nachbarhäuser geschickt, um auch von dort noch Verwundete zu holen. Alle Familienmitglieder und die Dienerschaft waren in heiterer Erregung. Natascha befand sich in einer so lebhaften, feierlich-glückseligen Gemütsstimmung, wie sie sie seit langer Zeit nicht mehr gekannt hatte.

»Wo sollen wir die denn festbinden?« fragten die Leute, die vergebens eine Kiste an das schmale Hinterbrett eines der Kutschwagen heranpaßten. »Wenigstens einen Bauernwagen müßten wir doch für die Sachen behalten.«

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