Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Einen Moment später trat der Gouverneur wieder an seinen Schreibtisch, rief mich zu sich und reichte mir einen Stapel offizieller Korrespondenz zum Kopieren und noch einen zum Einsortieren. Er ließ das Fenster offen; er wollte wohl hören, falls irgendetwas geschah.
Ich fragte mich, wo der allgegenwärtige Webb geblieben war. Nirgendwo im Palast war ein Geräusch zu hören; wahrscheinlich hatte Mrs. Martin allein zu Ende gepackt und war zu Bett gegangen.
Wir arbeiteten weiter; in regelmäßigen Abständen schlug die Uhr, und hin und wieder erhob sich der Gouverneur, um einen weiteren Papierstapel ins Feuer zu werfen, meine Kopien an sich zu nehmen und sie gebündelt in große Ledermappen zu legen, die er mit Bändern verschloss und auf seinem Tisch stapelte. Er hatte seine Perücke abgelegt; sein Haar war braun, kurz, aber lockig – ähnlich wie das meine nach dem Fieber. Dann und wann hielt er inne und wandte lauschend den Kopf.
Ich wusste, wie es war, einem Pöbel gegenüberzustehen, und daher wusste ich auch, worauf er horchte. Ich wusste nicht mehr, worauf ich hoffen oder was ich fürchten sollte. Und so arbeitete ich weiter und begrüßte die Arbeit als betäubende Abwechslung, auch wenn ich einen Krampf in der Hand hatte und alle paar Minuten eine Pause einlegen musste, um sie zu massieren.
Der Gouverneur hatte jetzt ebenfalls zur Feder gegriffen; er rutschte auf seinem Stuhl herum und verzog trotz des Kissens schmerzhaft das Gesicht. Mrs. Martin hatte mir erzählt, dass er an einer Fistel litt. Ich bezweifelte sehr, dass er sich von mir behandeln lassen würde.
Er ließ sich auf einer Gesäßhälfte nieder und rieb sich das Gesicht. Es war spät, und es war nicht zu übersehen, dass er müde war. Ich war ebenfalls müde, verkniff mir ständig das Gähnen, das mir den Kiefer auszurenken drohte und mir das Wasser in die Augen steigen ließ. Doch er arbeitete hartnäckig weiter und warf hin und wieder einen Blick zur Tür. Wen erwartete er?
Das Fenster in meinem Rücken war nach wie vor offen, und die sanfte Luft liebkoste mich. Sie war so warm wie Blut, bewegte sich aber genug, um mir die Nackenhaare zu heben und die Kerzenflamme wild schwanken zu lassen. Sie legte sich schief und flackerte, als wollte sie ausgehen, und der Gouverneur streckte rasch die Hand aus, um sie zu schützen.
Der Windstoß ging vorbei, und die Luft wurde wieder ruhig, bis auf das Zirpen der Grillen im Freien. Der Gouverneur schien seine ganze Aufmerksamkeit auf das Papier vor sich gerichtet zu haben, doch plötzlich wandte er scharf den Kopf, als hätte er etwas an der offenen Tür vorbeihuschen sehen.
Er sah einen Moment hin, dann blinzelte er, rieb sich die Augen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Papier. Doch er konnte sich nicht darauf konzentrieren. Wieder sah er zur leeren Tür – und ich musste seiner Blickrichtung einfach folgen –, dann wieder zurück und blinzelte.
»Habt Ihr … jemanden vorbeigehen sehen, Mrs. Fraser?«, fragte er.
»Nein, Sir«, sagte ich und schluckte tapfer ein Gähnen herunter.
»Ah.« Er machte einen irgendwie enttäuschten Eindruck und griff nach seinem Gänsekiel, schrieb aber nichts, sondern hielt ihn nur in den Fingern, als hätte er seine Existenz vergessen.
»Habt Ihr denn jemanden erwartet, Eure Exzellenz?«, fragte ich höflich, und er fuhr mit dem Kopf auf, überrascht, weil er direkt angesprochen wurde.
»Oh. Nein. Das heißt …« Seine Stimme erstarb, und er sah noch einmal zu der Tür, die zur Rückseite des Hauses führte.
»Mein Sohn«, sagte er. »Unser lieber Sam. Er – ist hier gestorben, wisst Ihr – Ende letzten Jahres. Er war erst acht. Manchmal … manchmal glaube ich, ich sehe ihn«, schloss er leise und beugte den Kopf mit zusammengepressten Lippen wieder über sein Papier.
Ich machte eine impulsive Bewegung, um seine Hand zu berühren, doch seine verkniffene Miene hielt mich davon ab.
»Das tut mir leid«, sagte ich stattdessen leise. Er schwieg, aber nickte kurz zur Bestätigung, ohne den Kopf zu heben. Er presste die Lippen noch fester aufeinander und befasste sich erneut mit seiner Schreibarbeit. Ich folgte seinem Beispiel.
Ein wenig später schlug die Uhr erst die volle Stunde, dann zwei. Es war ein sanftes, liebliches Klingeln, und der Gouverneur hielt inne, um zuzuhören, den Blick in die Ferne gerichtet.
»So spät«, sagte er, als der letzte Glockenschlag verebbte. »Ich habe Euch unerträglich lange wach gehalten, Mrs. Fraser. Verzeiht mir.« Er wies mich mit einer Geste an, die Papiere, an denen ich arbeitete, liegen zu lassen, und ich erhob mich schmerzhaft steif vom langen Sitzen.
Ich schüttelte meine Röcke einigermaßen zurecht und wandte mich zum Gehen. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass er keine Anstalten gemacht hatte, seine eigenen Schreibwerkzeuge beiseitezulegen.
»Ihr solltet besser auch zu Bett gehen«, sagte ich zu ihm, als ich mich an der Tür umwandte und stehen blieb.
Der Palast war still. Selbst die Grillen waren verstummt, und nur das leise Schnarchen eines Soldaten in der Eingangshalle störte das Schweigen.
»Ja«, sagte er und lächelte mich müde an. »Bald.« Er verlagerte das Gewicht auf die andere Pobacke, hob seinen Federkiel und beugte den Kopf weiter über die Papiere.
Am Morgen weckte mich niemand, und die Sonne stand schon hoch, als ich mich von selbst regte. Während ich der Stille lauschte, bekam ich im ersten Moment Angst, alle Bewohner hätten sich in der Nacht davongemacht, mich eingesperrt und dem Hungertod überlassen. Ich erhob mich hastig und sah aus dem Fenster. Die rotberockten Soldaten patrouillierten wie üblich auf dem Gelände. Außerhalb konnte ich kleine Gruppen von Städtern sehen, die zu zweit und dritt vorbeischlenderten, manchmal aber auch stehen blieben, um den Palast anzustarren.
Dann begann ich, eine Etage tiefer leises Rumpeln und andere Haushaltsgeräusche zu hören, und fühlte mich erleichtert; ich war nicht von allen verlassen. Allerdings hatte ich extremen Hunger, als endlich der Butler kam, um mich hinauszulassen.
Er brachte mich in Mrs. Martins Schlafzimmer, das jedoch zu meiner Überraschung leer war. Dort ließ er mich allein, und kurz darauf trat Merilee ein, eine der Küchensklavinnen, die es sehr nervös zu machen schien, sich in diesem unvertrauten Teil des Hauses aufzuhalten.
»Was geht denn hier vor?«, fragte ich. »Weißt du vielleicht, wo Mrs. Martin ist?«
»Nun, das weiß ich«, sagte sie in einem skeptischen Ton, der andeutete, dass dies aber auch das Einzige war, was sie mit Sicherheit wusste. »Sie ist heute Morgen kurz vor Tagesanbruch los. Dieser Mr. Webb, er hat sie fortgebracht, ganz geheim, in einem Wagen mit ihrem Gepäck.«
Ich nickte perplex. Es war vernünftig, dass sie in aller Stille aufgebrochen war; ich konnte mir vorstellen, dass sich der Gouverneur nicht anmerken lassen wollte, dass er sich bedroht fühlte, um nicht genau jenen Gewaltausbruch zu provozieren, den er fürchtete.
»Aber wenn Mrs. Martin nicht mehr hier ist«, sagte ich, »warum bin ich noch hier? Warum bist du hier?«
»Oh. Nun, das weiß ich auch«, sagte Merilee und wurde jetzt etwas selbstsicherer. »Ich soll Euch beim Ankleiden helfen, Ma’am.«
»Aber ich brauche doch keine …«, begann ich, und dann sah ich die Kleidungsstücke, die ausgebreitet auf dem Bett lagen: eines von Mrs. Martins Tageskleidern, ein hübscher Blümchenstoff im gerade in Mode gekommenen »Polonaise«-Schnitt, komplett mit bauschigen Unterröcken, Seidenstrümpfen und einem großen Strohhut, um das Gesicht zu verbergen.
Offenbar sollte ich in die Rolle der Gouverneursgattin schlüpfen. Es war zwecklos zu protestieren; ich konnte den Gouverneur und den Butler hören, die sich im Flur unterhielten – und wenn ich so aus dem Palast herauskam, war es schließlich umso besser.
Ich war über fünf Zentimeter größer als Mrs. Martin, und da ich nicht schwanger war, hing das Kleid zumindest länger herunter. Es war hoffnungslos, ihre Schuhe anzuprobieren. Glücklicherweise waren meine eigenen Schuhe trotz der abenteuerlichen Reise nicht komplett heruntergekommen. Merilee putzte sie und rieb sie mit etwas Fett ein, um das Leder zum Glänzen zu bringen; immerhin sahen sie nicht so übel aus, dass man sofort auf sie aufmerksam wurde.