Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Ihm fiel ein Hocker ins Auge, der unter das Regal geschoben war, und er zog ihn hervor und setzte sich darauf. Er spürte, wie ihm die Erschöpfung durch die zitternden Beinmuskeln pulste, und ignorierte das Durcheinander der Fragen und Erklärungen, wie Joanie den unter der Tür hindurchgeschobenen Zettel gefunden hatte – anonyme Beiträge für die Zeitung trafen oft auf diese Weise ein, und die Kinder wussten, dass sie ihren Vater darauf aufmerksam machen mussten …
Fergus las den Brief, und seine dunklen Augen nahmen jenen Ausdruck gebannten Interesses an, den er stets an den Tag legte, wenn er darüber nachdachte, wie er etwas Schwieriges und Kostbares entwenden konnte.
»Nun, das ist gut«, sagte er. »Dann gehen wir sie holen. Aber ich glaube, erst müsst Ihr etwas essen, Milord.«
Er hätte am liebsten abgelehnt; gesagt, dass er keine Sekunde zu verlieren hatte, dass er sowieso nichts essen konnte; sein Magen war so verkrampft, dass es schmerzte.
Doch Marsali scheuchte die Mädchen bereits zurück in die Küche und rief irgendetwas von heißem Kaffee und Brot, und Ian folgte ihr, Henri-Christian immer noch liebevoll um die Ohren gewickelt, während ihm Germain japsend an den Fersen klebte. Und er wusste, dass er, falls es zum Kampf kam, nichts mehr hatte, womit er kämpfen konnte. Dann drangen das köstliche Brutzeln und der Duft in Butter gebratener Eier zu ihm, und er war auf den Beinen und bewegte sich zur Rückseite des Hauses wie ein Stück Eisen, das von einem Magneten angezogen wird.
Während ihrer hastigen Mahlzeit wurden verschiedene Pläne vorgeschlagen und verworfen. Schließlich akzeptierte er widerstrebend Fergus’ Vorschlag, dass entweder Fergus oder Ian sich offen zum Palast begeben und darum bitten sollten, Claire sehen zu dürfen. Er sollte sagen, er sei ein Verwandter und wolle sich vergewissern, dass es ihr gutgehe.
»Sie haben schließlich keinen Grund zu leugnen, dass sie dort ist«, sagte Fergus achselzuckend. »Wenn wir sie sehen können, umso besser, doch selbst wenn nicht, werden wir erfahren, ob sie noch dort ist und wo im Palast sie sich möglicherweise aufhält.«
Es war nicht zu übersehen, dass Fergus diesen Gang gern übernommen hätte, doch er gab nach, als Ian ihn darauf hinwies, dass Fergus in New Bern gut bekannt war und man argwöhnen könnte, dass er nur auf der Jagd nach einem Skandal für seine Zeitung war.
»Denn es schmerzt mich zu sagen, Milord«, sagte Fergus entschuldigend, »dass die Angelegenheit – das Verbrechen – hier bereits bekannt ist. Es gibt Flugblätter – der übliche Unsinn. L’Oignon war natürlich gezwungen, diesbezüglich etwas zu drucken, um das Gesicht zu wahren. Wir haben es selbstverständlich zurückhaltend getan und nur die nackten Fakten erwähnt.« Sein breiter, agiler Mund presste sich kurz zusammen, um die nüchtern-knappe Natur seines Artikels zu verdeutlichen, und Jamie lächelte schwach.
»Aye, ich verstehe«, sagte er. Er stieß sich vom Tisch ab, erfreut, wieder einigermaßen bei Kräften zu sein, nachdem ihm das Essen, der Kaffee und das Wissen um Claires Aufenthaltsort neuen Mut geschenkt hatten. »Nun denn, Ian, kämm dir die Haare. Wir wollen doch nicht, dass dich der Gouverneur für einen Wilden hält.«
Jamie bestand darauf, Ian zu begleiten, obwohl die Gefahr bestand, dass man ihn erkannte.
»Du wirst aber doch keine Dummheiten machen, Onkel Jamie?«
»Wann habe ich denn deines Wissens das letzte Mal eine Dummheit gemacht?«
Ian warf ihm einen ironischen Blick zu, hielt eine Hand hoch und begann, die Finger nacheinander umzuklappen.
»Oh, lass mich überlegen … Simms, der Drucker? Forbes zu teeren? Roger Mac hat mir erzählt, was du in Mecklenburg getan hast. Und dann war da noch –«
»Du hättest sie den armen Fogarty umbringen lassen?«, erkundigte sich Jamie. »Und wo wir gerade von Dummheiten sprechen, wer musste sich denn in den Hintern stechen lassen, weil er sich im Sündenpfuhl gewälzt hat mit –«
»Was ich meine, ist Folgendes«, unterbrach Ian ihn streng. »Du wirst nicht in den Gouverneurspalast spazieren und versuchen, sie gewaltsam herauszuholen, ganz gleich, was geschieht. Du wirst deinen Hut aufbehalten und still und leise warten, bis ich zurückkomme, und dann sehen wir weiter, aye?«
Jamie zog sich die Hutkrempe tiefer ins Gesicht – es war ein wettergegerbter Filzschlapphut, wie ihn die Schweinebauern trugen und unter dem er gut seine Haare verstecken konnte.
»Wie kommst du denn darauf, dass ich das nicht vorhabe?«, fragte er genauso sehr aus Neugier wie aus angeborener Streitlust.
»Deine Miene«, erwiderte Ian knapp. »Ich wünsche sie mir genauso sehr zurück wie du, Onkel Jamie – nun ja«, verbesserte er sich mit einem leisen Auflachen, »vielleicht nicht ganz so sehr – aber ich habe trotzdem vor, sie zurückzuholen. Du –«, er stieß seinen Onkel mit Nachdruck vor die Brust, »wartest gefälligst ab.«
Damit ließ er Jamie unter einer hitzegeplagten Ulme stehen und schritt zielsicher auf die Tore des Palastes zu.
Jamie holte ein paarmal tief Luft, um seine Verärgerung über Ian wachzuhalten, als Mittel gegen die Angst, die sich wie eine Schlange um seine Brust wand. Da diese Verärgerung jedoch von Anfang an nur gespielt gewesen war, löste sie sich in Luft auf wie der Wasserdampf über einem Kessel, und er wand sich vor Nervosität.
Ian hatte das Tor erreicht und diskutierte mit dem Wachtposten, der dort mit gezogener Muskete stand. Jamie konnte sehen, wie der Mann heftig den Kopf schüttelte.
Das hier war Unsinn, dachte er. Er spürte geradezu, wie es seinen Körper nach ihr drängte wie einen durstigen Matrosen nach Wochen der Flaute auf See. Er hatte dieses Bedürfnis schon oft gespürt, oft, in den Jahren ihrer Trennung. Doch warum jetzt? Sie war in Sicherheit; er wusste, wo sie war – war es nur die Erschöpfung der vergangenen Wochen und Tage, oder war es vielleicht die Schwäche des schleichenden Alters, die seine Knochen schmerzen ließ, als hätte man sie körperlich von ihm gerissen wie Adams Rippe, die Gott zu Eva machte?
Ian redete mit beschwörenden Gesten auf den Wachtposten ein. Das Knirschen von Rädern auf dem Kies lenkte ihn ab; eine Kutsche kam die Auffahrt entlang, ein kleines offenes Gefährt mit zwei Passagieren und einem Kutscher, das von zwei hübschen Dunkelbraunen gezogen wurde.
Der Posten hatte Ian mit dem Lauf seiner Muskete zurückgeschoben und wies ihn an, Abstand zu halten, während er und sein Kamerad die Tore öffneten. Die Kutsche ratterte, ohne anzuhalten, hindurch, bog in die Straße ein und kam an ihm vorbei.
Er war Josiah Martin noch nie begegnet, glaubte aber, der untersetzte, wichtigtuerisch aussehende Herr müsse gewiss der – sein Blick fiel für den Bruchteil einer Sekunde auf die Frau, und sein Herz ballte sich zusammen wie eine Faust. Ohne jedes Nachdenken rannte er hinter der Kutsche her, so schnell er konnte.
Zu seinen besten Zeiten hätte er nicht mit einem Pferdegespann mithalten können. Doch bis auf wenige Meter kam er an die Kutsche heran, und er hätte gerne gerufen, doch er bekam keine Luft, sah nichts, und dann stieß sein Fuß gegen einen deplazierten Pflasterstein, und er fiel der Länge nach hin.
Er blieb betäubt und atemlos liegen; ihm war schwarz vor Augen, seine Lungen standen in Flammen, und er hörte nichts als das schwächer werdende Klappern der Hufe und Wagenräder, bis ihn eine kräftige Hand am Arm packte und daran riss.
»Wir werden jedes Aufsehen vermeiden, sagte er«, knurrte Ian und bückte sich, um Jamie die Schulter unter den Arm zu schieben. »Du hast deinen Hut verloren, ist dir das aufgefallen? Nein, natürlich nicht, und auch nicht, dass dich die ganze Straße angestarrt hat, du hirnkranker Trottel. Gott, du wiegst ja so viel wie ein dreijähriger Bulle!«
»Ian«, sagte er und hielt dann inne, um nach Luft zu schnappen.
»Aye?«
»Du klingst wie deine Mutter. Hör auf damit.« Mehr Luft. »Und lass meinen Arm los. Ich kann selber laufen.«
Ians Prusten ließ ihn noch mehr wie Jenny klingen, doch er hörte auf, und er ließ los. Jamie hob seinen Hut auf und humpelte zur Druckerei zurück, während ihm Ian unter angespanntem Schweigen durch die Straßen voller Gaffer folgte.