Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Sie trat zu einem Sessel und ließ sich darin nieder, so dass sich ihr Bauch unter ihrem Morgenmantel aufwölbte. Sie schob ihren Ärmel hoch und streckte mir träge den Arm hin. »In der linken oberen Schublade sind eine Aderlassklinge und eine Schale, Mrs. Fraser. Wenn Ihr so freundlich wärt?«
Der bloße Gedanke, so kurz nach dem Aufstehen jemanden zur Ader zu lassen, reichte aus, um bei mir Brechreiz auszulösen. Und was Dr. Sibelius’ Schwarztinktur anging, das war Laudanum – eine alkoholische Opiumtinktur und nicht mein Mittel der Wahl bei Schwangeren.
Die folgende heftige Diskussion der Vorzüge des Aderlasses – das erwartungsfrohe Glänzen in ihren Augen brachte mich auf den Gedanken, dass sie in Wirklichkeit auf den Nervenkitzel aus war, sich von einer Mörderin die Ader öffnen zu lassen – wurde durch Mr. Webbs unangemeldetes Eintreten unterbrochen.
»Störe ich Euch, Ma’am? Bitte um Verzeihung.« Er verbeugte sich oberflächlich vor Mrs. Martin, dann wandte er sich mir zu. »Ihr da – setzt Eure Haube auf und kommt mit mir.«
Ich folgte seiner Anweisung, ohne zu protestieren, und ließ Mrs. Martin zu ihrer großen Empörung unperforiert zurück.
Diesmal führte mich Webb die auf Hochglanz polierte Vordertreppe hinunter und brachte mich in ein großes, elegantes, mit Büchern gesäumtes Zimmer. Der Gouverneur, der jetzt standesgemäß seine Perücke trug und gepudert und elegant gekleidet war, saß hinter einem Tisch, der mit Papieren, Zetteln, verstreuten Gänsekielen, Löschpapier, Sandstreuern, Siegelwachs und dem restlichen Handwerkszeug eines Bürokraten aus dem achtzehnten Jahrhundert übersät war. Er sah erhitzt, gereizt und genauso indigniert aus wie seine Frau.
»Was denn, Webb?«, sagte er und warf mir einen finsteren Blick zu. »Ich brauche einen Sekretär, und Ihr bringt mir eine Hebamme?«
»Sie ist eine Urkundenfälscherin«, sagte Webb unverblümt. Das ließ jede weitere Beschwerde des Gouverneurs verstummen. Er hielt mit leicht geöffnetem Mund inne und sah mich stirnrunzelnd an.
»Oh«, sagte er in ganz anderem Ton. »Wirklich.«
»Der Urkundenfälschung angeklagt«, vollendete ich höflich. »Man hat mir nämlich noch keinen Prozess gemacht, geschweige denn, mich verurteilt.«
Beim Klang meines gepflegten Akzents zog der Gouverneur die Augenbrauen hoch.
»Wirklich«, wiederholte er langsamer. Er musterte mich von oben bis unten und blinzelte skeptisch. »Woher in aller Welt habt Ihr sie, Webb?«
»Aus dem Gefängnis.« Webb warf mir einen gleichgültigen Blick zu, als sei ich ein nicht besonders hübscher, aber nützlicher Haushaltsgegenstand wie zum Beispiel ein Nachttopf. »Als ich mich nach einer Hebamme umgehört habe, hat man mir erzählt, dass diese Frau ein Wunder an einer Sklavin vollbracht hatte, einer Mitgefangenen, die eine schwierige Geburt hatte. Und da die Angelegenheit dringend war und keine andere Kräuterfrau zu finden war …« Er zuckte mit den Achseln und verzog schwach das Gesicht.
»Hmmmm.« Der Gouverneur zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und tupfte nachdenklich an der Schwabbelhaut unter seinem Kinn herum. »Könnt Ihr leserlich schreiben?«
Ich war der Meinung, dass jemand, der das nicht konnte, wohl einen schlechten Urkundenfälscher abgeben würde, begnügte mich aber mit einem »Ja«. Glücklicherweise entsprach dies der Wahrheit; in meiner eigenen Zeit hatte ich mit Kuli Rezepte gekritzelt wie ein Weltmeister, doch jetzt hatte ich mir angewöhnt, sauber mit einem Federkiel zu schreiben, so dass meine Behandlungsprotokolle und Notizen lesbar waren, für denjenigen, der sie möglicherweise nach mir las. Wieder spürte ich einen Stich bei dem Gedanken an Malva – doch ich hatte jetzt keine Zeit, an sie zu denken.
Der Gouverneur, der mich immer noch spekulierend betrachtete, wies kopfnickend auf einen Stuhl und einen kleineren Schreibtisch an der Wand des Zimmers.
»Setzt Euch.« Er erhob sich, wühlte in den Papieren auf seinem Tisch und legte eines davon vor mich hin. »Lasst mich bitte sehen, wie Ihr eine Kopie hiervon anfertigt.«
Es war ein kurzer Brief an den Königlichen Rat, der die Sorge des Gouverneurs über die jüngsten Drohungen gegenüber dieser Einrichtung zum Ausdruck brachte und seine nächste Zusammenkunft aufschob. Ich wählte einen Federkiel aus dem Kristallbehälter auf dem Schreibtisch, fand ein silbernes Taschenmesser, stutzte mir den Kiel zurecht, zog den Korken aus dem Tintenfass und machte mich an die Arbeit. Dabei war mir bewusst, dass mich die beiden Männer genau beobachteten.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange meine Tarnung halten würde – Frau Gouverneurin konnte mich jederzeit auffliegen lassen –, doch vorerst glaubte ich, dass meine Chancen zur Flucht besser standen, solange man mich der Urkundenfälschung bezichtigte und nicht des Mordes.
Der Gouverneur ergriff die fertige Kopie, betrachtete sie und legte sie mit einem leisen, zufriedenen Grunzen auf den Tisch.
»Nicht schlecht«, sagte er. »Fertigt acht weitere Kopien davon an, und dann könnt Ihr hiermit fortfahren.« Er wandte sich wieder seinem eigenen Schreibtisch zu und schob seine Korrespondenz zu einem großen Berg zusammen, den er vor mir deponierte.
Die beiden Männer – ich hatte keine Ahnung, welche Funktion Webb versah, doch er war offenbar ein enger Freund des Gouverneurs – setzten ihre Amtsgespräche fort, ohne mich weiter zu beachten.
Ich ging mechanisch meiner Aufgabe nach und ließ mich vom Kratzen der Feder und dem darauffolgenden Ritual einlullen: Sand streuen, löschen, schütteln. Zum Abschreiben benötigte ich nur einen kleinen Teil meines Verstandes; dem Rest stand es frei, sich um Jamie zu sorgen und darüber nachzudenken, wie sich am besten eine Flucht bewerkstelligen ließ.
Ich konnte mich nach einer Weile entschuldigen – und tat dies wohl auch besser –, um nach Mrs. Martin zu sehen. Wenn ich dies ohne Begleitung fertigbrachte, würden mir ein paar Momente unbeobachteter Freiheit bleiben, in denen ich unauffällig zum nächsten Ausgang huschen konnte. Doch bis jetzt war jede Tür, die ich gesehen hatte, bewacht gewesen. Der Gouverneurspalast hatte leider eine gut bestückte Kräuterkammer; es würde schwierig sein, ein Bedürfnis nach einem Mittel aus der Apotheke zu erfinden – und selbst dann war es unwahrscheinlich, dass sie es mich allein holen gehen lassen würden.
Am besten schien es zu sein, auf die Nacht zu warten; wenn es mir gelang, den Palast zu verlassen, würde es dann wenigstens einige Stunden dauern, bis man meine Abwesenheit bemerkte.
Doch wenn sie mich wieder einsperrten …
Ich kritzelte fleißig vor mich hin, während ich eine Reihe wenig zufriedenstellender Pläne durchdachte und mir alle Mühe gab, mir nicht auszumalen, wie sich Jamies Leiche, die in einem einsamen Tal an einem Baum hing, langsam im Wind drehte. Christie hatte mir sein Wort gegeben; ich klammerte mich daran, da ich sonst nichts zum Anklammern hatte.
Webb und der Gouverneur unterhielten sich murmelnd, doch sie sprachen über Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte, und ihre Worte spülten zum Großteil über mich hinweg wie der Klang der See, bedeutungslos und beruhigend. Nach einer Weile jedoch kam Webb zu mir, um mir Anweisungen zu geben, wie ich diese Briefe versiegeln und adressieren sollte. Ich dachte daran, ihn zu fragen, warum er nicht selbst in dieser Notlage aushalf, doch dann sah ich seine Hände – die beide durch starke Arthritis entstellt waren.
»Eure Handschrift ist wirklich ordentlich, Mrs. Fraser«, überwand er sich an einem Punkt anzumerken und schenkte mir ein kurzes, winterkühles Lächeln. »Was für ein Pech, dass Ihr die Urkundenfälscherin seid, nicht die Mörderin.«
»Warum?«, fragte ich ausgesprochen erstaunt.
»Nun, Ihr seid eindeutig gebildet«, sagte er, seinerseits überrascht über mein Erstaunen. »Wenn man Euch wegen Mordes verurteilt, könnt Ihr Berufung einlegen und mit einer öffentlichen Auspeitschung und einem Brand davonkommen. Urkundenfälschung dagegen –« Er schüttelte den Kopf und spitzte die Lippen. »Kapitalverbrechen, keine Begnadigung möglich. Wenn Ihr wegen Urkundenfälschung verurteilt werdet, Mrs. Fraser, muss man Euch, fürchte ich, hängen.«