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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Diese Redoute bestand aus einer Kuppe, bei der auf drei Seiten Gräben gezogen waren. Auf dem von den Gräben eingeschlossenen Platz standen zehn feuernde Kanonen, die in die Öffnungen der Wälle vorgezogen waren.

In einer Linie mit der Kuppe standen auf beiden Seiten noch andere Kanonen, die ebenfalls unaufhörlich schossen. Ein wenig hinter den Kanonen war Infanterie aufgestellt. Als Pierre diese Kuppe betrat, glaubte er in keiner Weise, daß dieser mit kleinen Gräben umschlossene Raum, auf dem ein paar Kanonen standen und schossen, der wichtigste Punkt des Schlachtfeldes sei.

Im Gegenteil schien es ihm, daß dieser Platz (gerade deshalb, weil er selbst sich dort befand) einer der bedeutungslosesten des Schlachtfeldes sei.

Nachdem Pierre auf die Kuppe gekommen war, setzte er sich am Ende des Grabens nieder, der die Batterie umschloß, und betrachtete mit einem unwillkürlichen frohen Lächeln das, was um ihn herum vorging. Ab und zu stand er, immer mit demselben Lächeln, auf und ging in der Batterie umher, wobei er sich bemühte, den Soldaten nicht hinderlich zu sein, die die Geschütze luden und zurechtschoben und fortwährend mit Kartuschbeuteln und Geschossen an ihm vorbeiliefen. Die Kanonen dieser Batterie schossen unaufhörlich eine nach der andern mit betäubendem Krachen und hüllten alles ringsumher in Pulverdampf.

Im Gegensatz zu der Beklommenheit, die sich bei den Infanteristen der Bedeckung fühlbar machte, herrschte hier auf der Batterie, wo eine kleine Anzahl von Menschen von den andern durch einen Graben abgegrenzt und getrennt und ganz von ihrer Tätigkeit in Anspruch genommen war, eine gleichmäßige, allgemeine Lebhaftigkeit und ein Gefühl, als ob sie alle eine Familie bildeten.

Das Erscheinen der unmilitärischen Gestalt Pierres mit seinem weißen Hut hatte diese Leute anfangs überrascht und ihr Mißfallen erregt. Die Soldaten, die an ihm vorbeikamen, schielten erstaunt und sogar scheu nach seiner Figur hin. Der Artillerieoberst, ein älterer, großer, langbeiniger, pockennarbiger Mann, kam, wie wenn er die Wirkung des am Ende der Reihe stehenden Geschützes beobachten wollte, in Pierres Nähe und musterte ihn neugierig.

Ein blutjunger Offizier mit rundem Gesicht, noch völlig Kind und offenbar eben erst aus dem Kadettenkorps entlassen, der mit großem Eifer bei den beiden ihm überwiesenen Kanonen Anordnungen erteilte, wandte sich mit strenger Miene zu Pierre.

»Mein Herr, gestatten Sie, daß ich Sie ersuche, aus dem Weg zu gehen«, sagte er. »Hier dürfen Sie nicht stehen.«

Auch die Soldaten sahen Pierre mißbilligend an und schüttelten die Köpfe.

Aber als alle sich allmählich überzeugt hatten, daß dieser Mensch mit dem weißen Hut nichts Übles tat, sondern entweder friedlich auf der Böschung des Walles saß oder schüchtern lächelnd und vor den Soldaten höflich zur Seite tretend in der Batterie unter den Schüssen so ruhig umherwanderte wie auf einem Boulevard, da ging nach und nach das Gefühl mißgünstiger Verwunderung über ihn in ein freundliches, scherzhaftes Interesse über, ähnlich dem, das die Soldaten für ihre Tiere hegen: für die Hunde, Hähne, Ziegen und sonstigen Tiere, die bei den Truppen gehalten werden. Diese Soldaten nahmen nun Pierre unverzüglich in ihre Familie auf, betrachteten ihn als den Ihrigen und gaben ihm einen Spitznamen. »Unser gnädiger Herr« nannten sie ihn und lachten vergnügt über ihn untereinander.

Eine Kanonenkugel wühlte zwei Schritte von Pierre entfernt die Erde auf. Er klopfte sich von den Kleidern die Erde ab, die ihm die Kugel daraufgespritzt hatte, und blickte lächelnd um sich.

»Fürchten Sie sich denn gar nicht, gnädiger Herr? Wahrhaftig wunderbar!« wandte sich ein stämmiger Soldat mit rotem Gesicht an Pierre und zeigte, vergnügt grinsend, seine kräftigen, weißen Zähne.

»Nun, fürchtest du dich denn etwa?« fragte Pierre.

»Aber gewiß!« antwortete der Soldat. »So eine Kugel hat kein Mitleid. Wenn die auf einen niederquatscht, drückt sie einem die Därme heraus. Da muß man sich schon fürchten«, sagte er lachend.

Einige Soldaten blieben mit vergnügten, freundlichen Gesichtern bei Pierre stehen. Sie schienen von vornherein erwartet zu haben, daß er anders reden werde wie alle anderen Leute, und die Entdeckung, daß dem wirklich so war, freute sie.

»Wir sind nun einmal Soldaten. Aber so ein vornehmer Herr, das ist erstaunlich! So einen vornehmen Herrn findet man selten!«

»An die Plätze!« rief der junge Offizier den Soldaten zu, die sich um Pierre angesammelt hatten.

Dieser junge Offizier verrichtete seinen Dienst offenbar erst zum ersten- oder zweitenmal und benahm sich deshalb den Soldaten und den Vorgesetzten gegenüber mit besonderer Akkuratesse und Förmlichkeit.

Das stetig rollende Donnern der Kanonenschüsse und das Knattern des Gewehrfeuers verstärkte sich über das ganze Feld hin, und namentlich zur Linken, da, wo sich die Pfeilschanzen Bagrations befanden; aber wegen des Rauches der Schüsse war von Pierres Standplatz aus fast nichts zu sehen. Außerdem nahm die Beobachtung dieses sozusagen Familienkreises, den die von allen andern abgetrennten Leute in der Batterie bildeten, Pierres ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Die erste unwillkürlich freudige Erregung, die der Anblick und die Töne des Schlachtfeldes bei ihm hervorgerufen hatten, war jetzt, namentlich nach dem Anblick des allein auf der Wiese liegenden Soldaten, von einem anderen Gefühl abgelöst worden. Während er jetzt auf der Böschung des Grabens saß, beobachtete er die ihn umgebenden Personen.

Um zehn Uhr waren bereits gegen zwanzig Mann aus der Batterie weggetragen; zwei Geschütze waren zerschossen, und immer häufiger fielen in der Batterie Kanonenkugeln nieder und kamen summend und pfeifend von fernher Flintenkugeln hereingeflogen. Aber die Leute in der Batterie schienen das gar nicht zu bemerken; auf allen Seiten waren heitere Gespräche und Scherze zu hören.

»Eine gefüllte!« schrie ein Soldat mit Bezug auf eine Granate, die pfeifend herbeigeflogen kam.

»Sie kommt nicht hierher! Zur Infanterie!« fügte lachend ein anderer hinzu, als er bemerkte, daß die Granate vorüberflog und in die Reihen der Bedeckungsmannschaft einschlug.

»Das ist wohl eine gute Bekannte von dir, daß du dich so verbeugst?« sagte ein anderer Soldat lachend zu einem Bauern, der sich beim Vorbeifliegen einer Kanonenkugel duckte.

Einige Soldaten sammelten sich am Wall und betrachteten, was da vorn, beim Feind, geschah.

»Auch die Vorpostenkette haben sie zurückgenommen, siehst du wohl; sie sind zurückgegangen«, sagten sie, über den Wall hinüberweisend.

»Kümmert euch um das, was ihr zu tun habt!« schrie sie ein alter Unteroffizier an. »Wenn sie zurückgegangen sind, dann müssen wir ihnen von hinten nachhelfen.«

Der Unteroffizier faßte einen der Soldaten von hinten an den Schultern und stieß ihn mit dem Knie. Die Umstehenden lachten.

»An das fünfte Geschütz! Rückt es vor!« wurde von der einen Seite gerufen.

»Zugleich, alle mit einemmal, wie die Schiffsknechte!« schrien die Soldaten fröhlich, während sie die Kanone vorschoben.

»Ei, sieh mal, die hätte unserm gnädigen Herrn beinah den Hut vom Kopf geschlagen«, rief der Spaßmacher mit dem roten Gesicht, sich über Pierre lustig machend, und zeigte lachend seine Zähne. »Ach, du ungeschicktes Ding!« fügte er vorwurfsvoll für die Kugel hinzu, die auf ein Rad und auf das Bein eines Menschen gefallen war.

»Nun, ihr Füchse? Kommt ihr geschlichen?« redete ein anderer lachend die Landwehrleute an, die in gebückter Haltung in die Batterie kamen, um den Verwundeten zu holen.

»Was macht ihr denn für Gesichter? Euch schmeckt wohl die Grütze nicht? Ach, ihr Maulaffen, ihr steht ja wie die Holzklötze da!« riefen die Soldaten den Landwehrleuten zu, die vor dem Soldaten mit dem abgeschossenen Bein unschlüssig stehenblieben.

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