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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ja, ja, Kinderchen!« neckte man die Bauern. »Das will euch nicht gefallen!«

Pierre bemerkte, daß nach jeder einschlagenden Kanonenkugel, nach jedem Verlust die allgemeine Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit immer mehr aufflammte.

Wie aus einer heranziehenden Gewitterwolke, so zuckten auf den Gesichtern aller dieser Menschen (gleichsam dem, was sich da vollzog, zum Trotz) immer häufiger und immer heller die Blitze eines verborgen brennenden Feuers auf.

Pierre blickte nicht mehr nach vorn auf das Schlachtfeld und hatte kein Interesse mehr daran, zu erfahren, was dort geschah; er war ganz in die Beobachtung dieses immer mehr und mehr auflodernden Feuers vertieft, das, wie er fühlte, ganz ebenso auch in seiner eigenen Seele brannte.

Um zehn Uhr zog sich die feindliche Infanterie, die der Batterie gegenüber in den Büschen und an dem Flüßchen Kamenka gestanden hatte, zurück. Man konnte von der Batterie aus sehen, wie sie an ihm entlang zurückliefen und dabei ihre Verwundeten auf den Flinten trugen. Ein General mit seiner Suite kam auf die Kuppe, redete ein paar Worte mit dem Obersten, warf Pierre einen ärgerlichen Blick zu und stieg dann wieder hinunter, nachdem er noch der Infanterie, die als Bedeckung hinter der Batterie stand, befohlen hatte, sich hinzulegen, um den Kugeln weniger ausgesetzt zu sein. Bald darauf hörte man bei der Infanterie rechts von der Batterie Trommeln und Kommandorufe und konnte von der Batterie aus sehen, wie die Reihen der Infanterie sich vorwärts in Marsch setzten.

Pierre blickte über den Wall. Ein einzelnes Gesicht fiel ihm besonders in die Augen. Es war dies ein Offizier, der mit seinem blassen, jugendlichen Gesicht, den Degen gesenkt haltend, vor seinen Leuten rückwärts ging und sich dabei unruhig umblickte.

Die Reihen der Infanteristen verschwanden im Pulverdampf; man hörte ihr langgezogenes Geschrei und häufiges Gewehrfeuer. Einige Minuten darauf kam eine Menge von Verwundeten, zu Fuß oder auf Tragbahren, von dort zurück. In die Batterie schlugen die Kanonenkugeln noch häufiger ein. Einige Soldaten, die getroffen waren, lagen da, ohne weggeschafft zu werden. Die Mannschaft bewegte sich in noch lebhafterer Geschäftigkeit um die Kanonen. Niemand kümmerte sich mehr um Pierre. Ein paarmal wurde er zornig angeschrien, weil er im Weg wäre. Der Oberst, der ein sehr finsteres Gesicht machte, ging mit großen, schnellen Schritten von einem Geschütz zum andern. Der junge Offizier, dessen Gesicht sich noch mehr gerötet hatte, erteilte den Soldaten seine Befehle mit noch größerem Eifer. Die Soldaten tummelten sich hurtig, reichten die Geschosse hin, luden und erfüllten ihre Aufgabe mit stolzem Selbstbewußtsein. Sie gingen so elastisch wie auf Sprungfedern.

Die Gewitterwolke war herangerückt, und hell brannte auf allen Gesichtern jenes Feuer, dessen Aufflammen Pierre verfolgt hatte. Er stand neben dem Obersten. Der junge Offizier kam zu dem Obersten herangelaufen, die Hand am Tschako.

»Ich habe die Ehre zu melden, Herr Oberst, daß nur noch acht Ladungen vorhanden sind. Befehlen Sie, das Feuer fortzusetzen?«

»Kartätschen!« schrie der Oberst nach einem Blick über den Wall, ohne auf die Frage zu antworten.

Plötzlich begab sich etwas: der junge Offizier stöhnte auf, krümmte sich zusammen und setzte sich auf die Erde wie ein im Flug geschossener Vogel. Pierre hatte die Empfindung, daß sich vor seinen Augen alles in seltsamer Weise verwandle, undeutlich und trübe werde.

In rascher Folge kamen Kanonenkugeln pfeifend geflogen und schlugen in die Brustwehr, in die Mannschaft und in die Geschütze ein. Pierre, der früher nicht auf diese Töne hingehört hatte, hörte jetzt weiter nichts als sie. Seitwärts von der Batterie, zur Rechten, liefen Soldaten mit Hurrageschrei nicht vorwärts, sondern zurück, wie es Pierre vorkam.

Eine Kanonenkugel schlug gerade in den Rand des Walles, bei dem Pierre stand, schüttete eine Menge Erde herunter, huschte vor seinen Augen wie ein schwarzer Ball vorbei und klatschte in demselben Augenblick in etwas hinein. Die Landwehrleute, die gerade in die Batterie hereinkommen wollten, liefen wieder zurück.

»Alle mit Kartätschen!« schrie der Oberst.

Ein Unteroffizier kam zu ihm gelaufen und flüsterte ihm ängstlich zu (in der Art, wie bei einem Diner der Haushofmeister dem Hausherrn meldet, daß von der gewünschten Sorte Wein nichts mehr da ist), es sei keine Munition mehr vorhanden.

»Die Halunken, was machen sie mir für Geschichten!« schrie der Oberst, sich zu Pierre umwendend.

Das Gesicht des Obersten war rot und von Schweiß bedeckt; seine finster blickenden Augen blitzten.

»Lauf zur Reserve und hole die Munitionskasten!« schrie er, indem er zornig mit seinem Blick Pierre vermied und sich an seinen Untergebenen wandte.

»Ich werde hingehen«, sagte Pierre.

Ohne ihm zu antworten, ging der Oberst mit großen Schritten nach der andern Seite.

»Nicht schießen! Warten!« rief er.

Der Unteroffizier, dem befohlen war Munition zu holen, stieß mit Pierre zusammen.

»Ach, gnädiger Herr, das ist für dich hier nicht der richtige Platz«, sagte er und lief bergab.

Pierre lief ihm nach, indem er im Bogen die Stelle umging, wo der junge Offizier saß.

Eine Kugel, eine zweite, eine dritte flogen über ihn hin und schlugen vor ihm, neben ihm, hinter ihm ein. Pierre lief hinunter. »Wohin laufe ich eigentlich?« fragte er sich auf einmal, als er schon zu den grünen Munitionskasten gekommen war. Er blieb stehen, unschlüssig, ob er zurück- oder vorwärtsgehen solle. Plötzlich warf ihn ein furchtbarer Stoß rückwärts auf die Erde. In demselben Augenblick beleuchtete ihn der Glanz eines großen Feuers, und gleichzeitig erscholl ein betäubendes, in den Ohren dröhnendes Donnern, Krachen und Pfeifen.

Als Pierre wieder zu sich kam, saß er auf der Erde, auf die er sich mit den Händen stützte; der Munitionskasten, neben dem er gestanden hatte, war nicht mehr da; nur angekohlte grüne Bretter und Lappen lagen auf dem versengten Gras umher, und das eine Pferd jagte, mit den Trümmern der Gabeldeichsel um sich schlagend, von ihm weg, das andere lag, ebenso wie Pierre selbst, auf der Erde und stieß ein durchdringendes, langgezogenes Kreischen aus.

XXXII

Pierre, der vor Angst nicht wußte, was er tat, sprang auf und lief auf die Batterie zurück, als nach dem einzigen Zufluchtsort vor all den Schrecken, die ihn umgaben.

In dem Augenblick, als Pierre in die Verschanzung hineintrat, bemerkte er, daß in der Batterie kein Schießen mehr zu hören war, daß aber irgendwelche Leute da irgend etwas taten. Pierre begriff nicht sogleich, was das für Leute waren. Er erblickte den alten Obersten, der, ihm die Rückseite zuwendend, auf dem Wall lag, als ob er da unten etwas betrachtete, und sah, wie ein Soldat, dessen er sich von vorhin erinnerte, sich von Leuten, die ihn am Arm hielten, loszureißen suchte und dabei schrie: »Brüder …!« Und so sah er noch manches Seltsame.

Aber er hatte es sich in seinen Gedanken noch nicht zurechtgelegt, daß der Oberst tot war und daß der Soldat, der da »Brüder!« rief, gefangengenommen wurde, und daß vor seinen Augen ein anderer Soldat mit dem Bajonett von hinten erstochen wurde, als, unmittelbar nachdem er in die Verschanzung hereingelaufen war, ein hagerer, gelblicher Mann mit schweißbedecktem Gesicht, in blauer Uniform, mit dem Degen in der Hand, auf ihn zugelaufen kam und ihm etwas zuschrie. Pierre, der sich instinktiv gegen den Stoß wehrte, da sie unversehens gegeneinanderrannten, streckte die Hände vor und packte diesen Menschen (es war ein französischer Offizier) mit der einen Hand an der Schulter, mit der andern an der Kehle. Der Offizier ließ seinen Degen fallen und ergriff Pierre am Kragen.

Ein paar Sekunden lang starrten sie beide mit erschrockenen Augen ein jeder das ihm fremde Gesicht des andern an, und beide waren in Zweifel darüber, was sie taten und was sie nun tun sollten. »Hat er mich gefangengenommen oder ich ihn?« dachte jeder von ihnen. Aber offenbar neigte der französische Offizier mehr zu der Auffassung, daß er gefangengenommen sei, da Pierres starke Hand unter der Einwirkung der unwillkürlichen Furcht ihm immer fester und fester die Kehle zusammendrückte. Der Franzose wollte etwas sagen, als plötzlich ganz niedrig, unmittelbar über ihren Köpfen, mit furchtbarem Pfeifen eine Kanonenkugel hinflog; es schien Pierre, als sei dem französischen Offizier der Kopf abgerissen: so schnell hatte dieser den Kopf niedergebeugt.

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