Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Pierre wäre gern dort gewesen, wo diese Rauchwolken, diese blitzenden Bajonette, diese Bewegung und diese Töne waren. Er sah sich nach Kutusow und seinem Gefolge um, um seine eigene Empfindung mit der der andern zu vergleichen. Alle blickten sie ganz so wie er und, wie es ihm schien, mit demselben Gefühl vorwärts nach dem Schlachtfeld hin. Auf allen Gesichtern leuchtete jetzt jene »latente Wärme« der Empfindung, die Pierre gestern bemerkt hatte und über die er nach seinem Gespräch mit dem Fürsten Andrei vollständig ins klare gekommen war.
»Reite hin, mein Lieber, reite hin; Christus sei mit dir!« sagte Kutusow, ohne die Augen von dem Schlachtfeld wegzuwenden, zu einem neben ihm stehenden General.
Nachdem er den Befehl gehört hatte, ging dieser General an Pierre vorbei nach der Stelle hin, wo sich der Abstieg von dem Hügel befand.
»Zur Übergangsstelle!« antwortete der General kühl und ernst auf die Frage eines Stabsoffiziers, wohin er sich begebe.
»Da will ich auch hin, da will ich auch hin!« dachte Pierre und ging hinter dem General her.
Der General bestieg das Pferd, das ihm ein Kosak vorführte. Pierre begab sich zu seinem Reitknecht, der seine Pferde hielt. Er befragte diesen, welches das frommste sei, stieg hinauf, hielt sich an der Mähne, drückte die Hacken der auswärts gedrehten Füße gegen den Leib des Pferdes und sprengte so, obgleich er fühlte, daß ihm die Brille herunterrutschte und daß er nicht imstande war, die Hände von der Mähne und den Zügeln wegzunehmen, hinter dem General her, wodurch er bei den Stabsoffizieren, die ihm von dem Hügel aus nachsahen, ein Lächeln hervorrief.
XXXI
Der General, hinter welchem Pierre herjagte, wandte sich, sobald er an den Fuß des Berges gelangt war, scharf nach links, und Pierre, der ihn aus den Augen verloren hatte, sprengte in die Reihen einer vor ihm her marschierenden Infanteriekolonne hinein. Er versuchte, bald nach vorn, bald nach rechts, bald nach links sich wieder hinauszuarbeiten; aber überall waren Soldaten mit gleichmäßig ernsten Gesichtern, denen man es ansah, daß die Gedanken dieser Menschen mit einer nicht unmittelbarm sichtbaren, aber wichtigen Sache beschäftigt waren. Alle blickten sie mit dem gleichen unwillig fragenden Ausdruck nach diesem dicken Menschen mit dem weißen Hut hin, der sie ohne vernünftigen Grund in Gefahr brachte, von seinem Pferd getreten zu werden.
»Warum reiten Sie denn da mitten im Bataillon?« schrie ihn einer an. Ein anderer stieß Pierres Pferd mit dem Kolben, und Pierre, der sich an den Sattelbogen drückte und nur mit Mühe sein scheuendes Pferd zu halten vermochte, jagte nach vorn aus der Truppe hinaus, wo freier Raum war.
Vor ihm war eine Brücke, und an der Brücke standen andere Soldaten und schossen. Pierre ritt zu ihnen heran. So gelangte er, ohne sich selbst darüber klarzuwerden, zu der Kolotscha-Brücke, die zwischen Gorki und Borodino lag und die die Franzosen jetzt in dem ersten Teil der Schlacht (nach der Besetzung von Borodino) angriffen. Pierre sah, daß vor ihm eine Brücke war und daß auf beiden Seiten der Brücke und auf der Wiese, wo das Heu in Schwaden lag, Soldaten irgend etwas taten; aber trotz des keinen Augenblick verstummenden Schießens, das an dieser Stelle stattfand, glaubte er keineswegs, daß dies hier wirklich das Schlachtfeld sei. Er hörte nicht die Töne der auf allen Seiten vorüberpfeifenden Flintenkugeln und der über ihn wegfliegenden Kanonenkugeln; er sah nicht den jenseits des Flusses stehenden Feind und bemerkte lange Zeit die Getöteten und Verwundeten nicht, obgleich viele nicht weit von ihm entfernt fielen. Mit einem Lächeln, das nicht von seinem Gesicht wich, blickte er umher.
»Was hat denn der da vor der Linie umherzureiten?« schrie ihn wieder einer an.
»Nach links reiten! Nach rechts reiten!« wurde ihm zugerufen.
Pierre ritt nach rechts und stieß unvermutet mit einem ihm bekannten Adjutanten des Generals Rajewski zusammen. Dieser Adjutant warf Pierre einen zornigen Blick zu und schickte sich offenbar an, ihn gleichfalls anzuschreien; aber nachdem er ihn erkannt hatte, nickte er ihm freundlich zu.
»Wie kommen Sie denn hierher?« sagte er und ritt weiter.
Pierre, der das Gefühl hatte, daß er hier nicht hingehöre und hier nichts anfangen könne, und wieder jemandem hinderlich zu sein fürchtete, ritt dem Adjutanten nach.
»Was geht denn hier vor? Kann ich mit Ihnen mitreiten?« fragte er.
»Sofort, sofort!« antwortete der Adjutant, sprengte zu einem dicken Obersten hin, der auf der Wiese stand, überbrachte ihm einen Auftrag und wandte sich dann erst zu Pierre.
»Warum sind Sie denn hierhergekommen, Graf?« fragte er ihn lächelnd. »Aus lauter Wißbegierde?«
»Jawohl«, antwortete Pierre.
Aber der Adjutant wendete sein Pferd und ritt weiter.
»Hier steht es ja, Gott sei Dank, gut«, sagte er. »Aber auf dem linken Flügel bei Bagration ist ein schrecklicher Kampf im Gange.«
»Wirklich?« fragte Pierre. »Wo ist denn das?«
»Reiten Sie mit mir dort auf den Hügel. Von uns aus können Sie es sehen. Bei uns in der Batterie ist es noch erträglich«, sagte der Adjutant. »Wie ist’s? Kommen Sie mit?«
»Ja, ich komme mit Ihnen«, antwortete Pierre und sah sich suchend nach seinem Reitknecht um.
Erst jetzt erblickte Pierre zum erstenmal Verwundete, die sich teils zu Fuß fortschleppten, teils auf Bahren getragen wurden. Auf jener selben kleinen Wiese mit den duftenden Heuschwaden, über die er tags zuvor geritten war, lag quer über den Schwaden unbeweglich ein Soldat; der Kopf, von dem der Tschako herabgefallen war, hing in unnatürlicher Haltung herunter.
»Warum ist denn der Mann nicht aufgehoben?« wollte Pierre fragen; aber als er das finstere Gesicht des Adjutanten sah, der nach derselben Seite hinblickte, hielt er inne.
Pierre hatte seinen Reitknecht nicht gefunden und ritt mit dem Adjutanten durch die Niederung in einem Hohlweg nach dem Rajewski-Hügel. Sein Pferd blieb hinter dem des Adjutanten zurück und versetzte ihm in gleichmäßigem Tempo schüttelnde Stöße.
»Sie sind das Reiten wohl nicht gewöhnt, Graf?« fragte der Adjutant.
»Nein, ich bin kein besonderer Reiter; aber das Pferd springt auch so eigentümlich«, antwortete Pierre verwundert.
»Ah, ah! Es ist ja verwundet«, sagte der Adjutant. »Das rechte Vorderbein, über dem Knie. Gewiß von einer Kugel. Ich gratuliere Ihnen, Graf, zur Feuertaufe.«
Nachdem sie in dichtem Pulverrauch durch das sechste Korps geritten waren, hinter der Artillerie, die, nach vorn gezogen, aus ihren Geschützen ein betäubendes Feuer unterhielt, gelangten sie zu einem kleinen Wald. In dem Wald war es kühl und still, und es roch herbstlich. Pierre und der Adjutant stiegen von den Pferden und gingen zu Fuß bergauf.
»Ist der General hier?« fragte der Adjutant, als sie an die oberste Kuppe gelangt waren.
»Eben war er noch hier; er ist dorthin geritten«, antworteten ihm die Soldaten und wiesen dabei nach rechts.
Der Adjutant sah sich nach Pierre um, als wüßte er nicht, was er nun mit ihm anfangen sollte.
»Lassen Sie sich durch mich von nichts abhalten«, sagte Pierre. »Ich werde auf die Kuppe hinaufsteigen; darf ich?«
»Ja, steigen Sie nur hinauf; von da ist alles zu sehen, und es ist nicht besonders gefährlich. Ich hole Sie nachher wieder ab.«
Pierre ging zu der Batterie hinauf, und der Adjutant ritt weiter. Sie sahen einander nicht mehr wieder, und erst lange nachher erfuhr Pierre, daß dem Adjutanten an diesem Tag ein Arm weggerissen worden war.
Die Kuppe, auf die Pierre hinaufstieg, war jene berühmte Schanze, die nachher bei den Russen unter dem Namen »Hügelbatterie« oder »Rajewski-Batterie« und bei den Franzosen unter dem Namen »die große Redoute«, »die verhängnisvolle Redoute«, »die Redoute des Zentrums« bekannt wurde, jener Ort, um den herum sehr bedeutende Truppenmassen aufgestellt waren und den die Franzosen für den wichtigsten Punkt der Position hielten.