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Napoleons letzte Schlacht

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Napoleons letzte Schlacht
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„Nein, das befürchte ich nicht. Übrigens wird sie von einer ganz tüchtigen Pflegerin begleitet.“

„Ach, wer wäre das?“ fragte der Baron ahnungslos.

„Ein einfaches Mädchen, nämlich die Tochter der Witwe Marmont, welche im Wald die kleine Schenke besitzt.“

Der Baron wechselte jäh die Farbe.

„Was?“ rief er. „Berta Marmont?“

„Ja, Berta, wurde sie, glaube ich, genannt.“

„Das ist ein Wunder, ein großes, großes Wunder! Wie ist das gekommen?“

„Wir mußten dort einkehren, um einen Verband anzulegen, und da hat sich die junge Dame jedenfalls so brauchbar erwiesen, daß die gnädige Frau es vorgezogen hat, sie nach Jeannette einzuladen.“

„Das ist eine Neuigkeit, welche mich fast mehr als überrascht, welche mich verblüfft. Aber ich verschwatze hier meine und Ihre Zeit. Sie kennen die Verhältnisse und werden mir nicht zürnen, wenn ich Sie bitte, Ihnen meine Aufwartung später machen zu dürfen. Adieu, Herr Kapitän.“

„Adieu, Herr Baron.“

Was den jungen Mann so verblüffte, war Königsau sehr leicht begreiflich. Es hatte kein anderes Mittel gegeben, den Kaiser von Margot fern zu halten, als ihr diese Pflegerin an die Seite zu geben. Darum allein hatte sie Zutritt zu dem Meierhof gefunden; aus keinem anderen Grund.

Florian ließ seinen Herrn zum Stall hinaus, verschloß hinter demselben die Tür und kehrte dann zu Königsau zurück. Er brannte ein Laternchen an und bat dann den Lieutenant, ihm zu folgen.

Sie traten in die Treppenöffnung. Die Stufen führten steil und eng empor. Oben betrat man einen kleinen Bodenraum, welcher da über dem Stall lag, wo dieser an das Hauptgebäude stieß. Aus diesem Bodenraum führte eine Tür in das letztere.

„Sie haben den Schlüssel“, bemerkte Florian.

Er nahm ihn aus der Hand des Lieutenants und öffnete die Tür. Als sie eintraten, kamen sie in ein mittelgroßes Zimmer, welches zwei Fenster hatte. Gegenüber dem jetzigen Eingang gab es eine Tür.

„So, das ist Ihr Wohnzimmer, Herr Kapitän“, sagte Florian.

Der Lieutenant blickte sich um. Ein Sofa, vier Stühle, ein Tisch, ein Schreibtisch, Spiegel mit Toilette, das war das ganze Meublement. Es war kein feines Zimmer, aber es war recht wohnlich und behaglich. Jetzt schob er den breiten Vorhang im Hintergrund zurück, und Königsau gewahrte da ein schwellendes Bett. Am Fußende desselben führte eine Wendeltreppe empor.

„Ah, das ist der Weg zum Dache?“ fragte er.

„Ja, der andere Schlüssel schließt.“

„Und dort jene Tür?“

„Kommen Sie, Herr Kapitän.“

Er öffnete die Tür und ließ ihn eintreten. Es war ein Schlaf- und Ankleidezimmer, jedenfalls einer Dame gehörig, denn es war hier jenes feine, nervenprickelnde Parfüm zu bemerken, welches der stete Begleiter des schönen Geschlechts zu sein pflegt.

„Wer wohnt hier?“ fragte er.

„Wollen Sie nicht raten?“ fragte der Kutscher lächelnd.

„Ah! Ist's möglich? Rate ich recht?“

„Nun, wie raten Sie?“

„Margot?“

„Margot, Mademoiselle Margot, ja, sie schläft hier, und nebenan hat sie den Wohnraum. Sie sehen, Herr Kapitän, daß Ihr Zimmer Ihnen nur unter gewissen Voraussetzungen gegeben werden konnte. Es ist kein Zimmer für einen Offizier. Sie sind jedenfalls ganz anderen Komfort gewöhnt; aber wenn Sie an die Vorteile denken, welche Ihnen die Wendeltreppe bietet, so werden Sie der Frau Baronin verzeihen, daß sie für dieses Mal ihren Geschmack so wenig berücksichtigen konnte. Und mir bitte ich auch nicht bös zu sein.“

Der alte Kutscher stand da, mit einem Gesicht so treu und gut, so pfiffig und schlau, so selbstbewußt und überlegen, daß Königsau sagte:

„Aber Florian!“

„Was, Herr Kapitän?“

„Der Teufel werde aus Ihnen klug.“

„Der nun nicht, wenn nur Sie in mir klug werden; das ist die Hauptsache.“

„Oh, ich beginne wahrhaftig, nun bald gescheiter zu werden! Wer Sie vorher hörte, wer Sie so dummfeig auf dem Bock sitzen sah und Sie jetzt reden hört, der kennt Sie ja gar nicht mehr! Der Hofmeister des feinsten Haufens kann sich ja gar nicht besser ausdrücken als Sie! Und nun das jetzige Gesicht gegen ihr früheres! Florian, Florian, Sie sind ein ganz verfluchter Schlauberger.“

Da nickte der Alte mit dem Kopf und antwortete:

„Monsieur, es wird auch häufig gebraucht! Durchschnittlich ist es besser, man wird für dümmer gehalten, als man ist. Es schmeichelt zwar der Selbstliebe nicht, aber es bringt reichliche Zinsen. So, nun wollen wir die Tür von Mademoiselle Margot verschließen und einmal nach dem Dach gehen.“

Er riegelte zu und wollte sich dann nach der Wendeltreppe wenden, aber Königsau faßte ihn beim Arm und sagte in bittendem Ton:

„Florian, wollen Sie es mir wohl gestehen?“

„Was?“ schmunzelte der Alte.

„Daß ich dieses Zimmer, diese herrliche Nachbarschaft und die unbezahlbaren Chancen da droben auf dem Dach nur Ihnen zu verdanken habe?“

„Nur mir?“ sagte der Alte, das erste Wort betonend. „Nein, da raten Sie falsch, Herr Kapitän. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Ich gelte in diesem Haus etwas; der alte Kutscher hat oft mehr zu sagen als der junge Herr. Man erfüllt gern meine Wünsche, wenn es irgend möglich ist. Ich hatte den Narren an Ihnen gefressen und an unserer Margot noch mehr, Sie sind ein Paar, wie die lieben Engel im Himmel es nicht besser zusammensuchen können, und darum habe ich alter Kerl mich zu Ihrem Beschützer aufgeworfen. Auch die Baronin hat sehr schnell Respekt vor Ihnen bekommen. Wie Sie heute unter den Vagabunden aufgeräumt haben, das tut Ihnen so leicht keiner nach, und noch kühner muß, den Reden der Baronin nach, das gewesen sein, was Sie dann mit dem Kaiser gehabt haben. Sie ist ganz starr und steif vor Angst gewesen; aber ihr Respekt ist gewachsen. Zu alledem sind wir gut Deutsch gesinnt und da wir Ihnen gern dienlich sein wollen und den Lauschapparat nun einmal besitzen, so bat ich die Gnädige für Sie um dieses Zimmer. Sie willigte auch sofort mit Freuden ein. Das höchste aber, was sie getan hat, Ihnen zuliebe getan hat, nämlich ist, daß sie die Berta Marmont mitbringt. Anders war das Ding ja nicht zu machen, sonst hätte sich der Kaiser auf alle Fälle zu Margot in den Wagen gesetzt.“

„Ist sie denn gar so schlimm auf diese Berta Marmont zu sprechen?“

„Ja, weil der junge Herr seinen Narren an dem Mädchen gefressen hat. Das ist aber nun wohl vorüber, seit Margot sich hier befindet.“

„Ah, wirklich?“

„Ja, jetzt ist er nämlich bis über den Kopf in Ihre Margot verliebt. Er hat gar keine Ahnung davon, daß Sie ihr Verlobter sind. Er hat eingewilligt, Ihnen dieses Zimmer zu geben, weil er überzeugt ist, daß die Tür stets fest verschlossen bleibt, daß Sie nur auf Politik sinnen und gar nicht an das Mädchen denken.“

„So wird er ein wenig brausen und sich dann lachend darein ergeben, wenn er doch die Wahrheit erfährt. Er ist keine böse, sondern im Gegenteil eine gutmütige, ziemlich oberflächliche Natur. Sie brauchen also keine Sorge zu haben, wenigstens keine allzu große. Jetzt aber wollen wir auf das Dach steigen.“

Die Wendeltreppe war oben mit einer gußeisernen Platte verschlossen, welche genau in die Fugen paßte und mit dem Schlüssel zu öffnen war, den Königsau von dem Baron erhalten hatte.

Das Dach war eben und mit einer ungefähr vier Fuß hohen, steinernen Balustrade versehen. Als sie oben standen, meinte der Kutscher:

„Nehmen Sie sich in acht, daß Sie sich an den Erhöhungen, in denen sich die Ventilationslöcher befinden, nicht stoßen. Ich werde sie Ihnen zeigen.“

Er ergriff ihn bei der Hand und führte ihn nun von einem dieser Löcher, welche jetzt allerdings verschlossen waren, zum anderen. Er zeigte ihm, wie die Öffnung derselben zu bewerkstelligen sei, und sagte dann:

„Ich kann Ihnen jetzt gar nicht genau mitteilen, in welche Zimmer die Gäste verteilt werden; aber wenn Sie die Plattform später betreten und durch die Löcher hinabblicken, werden Sie ja selbst sehen, wo sich die Herren befinden. Nur ersuche ich Sie, dabei recht vorsichtig zu verfahren.“

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