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Napoleons letzte Schlacht

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Napoleons letzte Schlacht
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Es lag etwas in der Art und Weise des Deutschen, was selbst Napoleon imponierte. Er trat einen Schritt zurück und antwortete:

„Monsieur, Sie sprechen sehr verwegen!“

„Genau so, wie ich handelte, als es galt, Ihr Leben zu verteidigen.“

„Ah!“

Es lag in diesem knirschend hervorgestoßenen Laut eine ganze Welt von gewaltsam zurückgedrängten Empfindungen. Das war ganz der Korse, der am liebsten zum Dolch gegriffen hätte.

„Monsieur“, sagte er. „Sie haben mir Ihre Tat vorgeworfen und vorgerechnet, wir sind also quitt. Sie können gehen.“

„Ich werde gehen, sobald es hier niemanden mehr gibt, der meiner Hilfe bedarf.“

„Ich befehle es Ihnen!“ stampfte der Kaiser.

Der Deutsche sah ihn ruhig vom Kopf bis zu den Füßen an und sagte lächelnd:

„Majestät, haben Sie über dieses Leben zu gebieten? Ist Mademoiselle Richemonte Ihr Weib oder Ihre Braut? Selbst in diesen beiden Fällen dürften Sie es nicht wagen, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Sie sind hier Mensch, und ich bin Arzt; selbst wenn Sie hier Kaiser wären, würde ich als Arzt zu befehlen haben.“

Da warf ihm Napoleon einen vernichtenden Blick zu und sagte:

„Ich werde Sie hinausbringen lassen.“

Da schüttelte Königsau den Kopf so stolz und verächtlich, wie ein Löwe seine Mähne. Dann sagte er:

„Und ich werde einen jeden niederschießen, der es wagt, mich zu entfernen, bevor ich freiwillig gehe.“

„Ah! Auch mich?“

„Jeden, ohne Ausnahme.“

Da trat der Kaiser mit zwei Schritten an das Bett, faßte Margots Hand und sagte:

„Margot, sagen Sie ihm, daß er gehen soll.“

Da überflog ein leichtes Lächeln ihre Engelszüge, und leise klang es:

„Er wird nicht gehen; er ist zu stolz!“

Da nahte Berta, die Tochter der Wirtin, der Verwundeten, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr leise zu. Margot nickte. Dann sagte Berta laut:

„Ich bin im Kloster der Barmherzigen gewesen; ich verstehe es, Wunden zu verbinden und habe einen Balsam, der sehr schnell heilt.“

Da fragte Frau Richemonte:

„Kind, soll sie dich verbinden?“

Alle waren gespannt auf die Antwort, welche sie geben würde.

„Wenn es der Herr Kapitän erlaubt“, flüsterte sie mit halblauter Stimme.

Da sagte Königsau:

„Mademoiselle weiß, was sie dem Arzt schuldig ist. Ich gehe, da ich glaube, sie befindet sich in guten Händen und unter diskreten Augen.“

Er wendete sich um, machte dem Kaiser eine sehr tiefe und sehr zeremonielle Verbeugung und schritt zur Tür hinaus. Es blieb nun Napoleon nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Draußen sprach er einige Worte mit Jan Hoorn, die niemand hörte, und dieser trat sodann zu Königsau.

„Majestät läßt Ihnen sagen, Herr Kapitän“, sagte er, „daß kein Platz in den drei Wagen mehr vorhanden ist.“

Königsau gab keine Antwort. Er nickte bloß.

Napoleon ging seinem Untergang entgegen, und nicht nur seinem politischen und militärischen, das hatte er heute bei diesem außerordentlichen Vorgang bewiesen, in dem seine eigene Leidenschaft, sein eigener Wille hatte Gesetz sein sollen.

Der Deutsche ging seitwärts am Haus hin. Dort stand Florian, der Kutscher.

„Kommen Sie mir heimlich nach!“ sagte Königsau.

Er schritt noch eine Strecke weiter und blieb dann stehen. Bald stand der treue Mann vor ihm.

„Was gibt es?“ fragte er.

„Etwas Unglaubliches“, antwortete Hugo.

„Was?“

„Der Kaiser ist in Margot verliebt.“

„Das sieht ein jeder.“

„Er wollte beim Verband zugegen sein.“

„Ah! Sind Kaiser auch neugierig?“

„Wie es scheint! Ich wollte es nicht dulden, und so gerieten wir zusammen.“

„Donnerwetter! Ein deutscher Lieutenant und der französische Kaiser! Das wirft kein schlechtes Licht auf unser Vaterland.“

„Ja. Deutschland kann mit mir zufrieden sein.“

„Nachdem Sie ihm das Leben gerettet haben.“

„Pah, der ganz gewöhnliche Dank, beim Kaiser gerade so wie beim Feldhüter! Ich hatte übrigens auf ganz und gar nichts gerechnet.“

„Aber nun können Sie rechnen.“

„Gewiß.“

„Auf allerhöchste Ungnade und so weiter.“

„Sie ist bereits eingetroffen.“

„Inwiefern?“

„Ich darf nicht weiter mitfahren.“

„Donnerwetter! Ist das möglich?“

„Er hat es mir durch Jan Hoorn sagen lassen.“

„So fahre ich auch nicht weiter mit. Wir finden Jeannette mit den Beinen.“

„Gewiß. Aber ich möchte auch keinen Schritt ohne Vorwissen der Baronin tun. Wollen Sie mir einen kleinen Gefallen erweisen?“

„Oh, gar zu gern, Monsieur.“

„Der Kaiser wird den Eingang mit Argusaugen bewachen. Schleichen Sie sich einmal hinter dem Haus herum, und versuchen Sie, durch die hintere Tür eintreten zu können. Sie sagen der Baronin oder Madame Richemonte einfach, daß ich nicht weiter mitfahren darf. Man wird Ihnen dann schon einen Auftrag an mich erteilen.“

„Schön. Das ist alles?“

„Ja.“

„Sonst wirklich nichts?“

„Nein, lieber Florian.“

„O weh! Ich dachte, ich solle den Kaiser auf Fausthandschuhe fordern. Das wäre mir ein wahres Gaudium gewesen. Ich gehe also. Wo treffe ich Sie?“

„Hier.“

„Gut. Warten Sie.“

Er verschwand im Dunkel der Nacht. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er wiederkam. Endlich hörte Königsau leise Schritte, und die feste Gestalt des Boten tauchte vor ihm auf.

„Nun?“ fragte er.

„Getroffen.“

„Wen?“

„Erst Frau Richemonte und dann die Frau Baronin selbst.“

„Was lassen sie mir sagen?“

„Kommen Sie.“

„Wohin?“

„Nach Jeannette.“

„Fällt mir gar nicht ein.“

„Warum nicht?“

„Ich weiche diesem Franzmann keinen Schritt, wo es sich um Margot handelt.“

„Aber es handelt sich doch gar nicht um sie.“

„Um wen sonst?“

„Sie denken, der Kaiser setzt sich zu ihr in den Wagen?“ fragte der Kutscher.

„Ja. Lachen Sie nicht, Florian! Ich bin nicht im geringsten eifersüchtig. Selbst wenn er ganz allein mit ihr im dunklen Fond des Wagens säße, würde sie doch lieber sterben, als sich beleidigen lassen; aber ich will ihn nicht meinen lassen, daß sich seine Herrschaft auch über dieses Mädchen erstreckt.“

„Nun, ich habe Ihnen zu sagen, daß er sich nicht zu ihr in den Wagen setzen wird.“

„Ah, wirklich?“

„Ja.“

„Wie wollen Sie das anfangen?“

„Sie werden Berta Marmont mitnehmen.“

„Geht das?“

„Warum nicht? Das Mädchen versteht ganz ausgezeichnet, mit Kräutern und Säften umzugehen. Sie werden sie mit nach Jeannette nehmen, wo sie scheinbar als Krankenpflegerin bleiben wird, bis der Kaiser abgereist ist.“

„Gut. Und ich?“

„Sie habe ich zum jungen Herrn Baron zu führen, der Ihnen ein Zimmer anweisen soll, welches ich ihm zu bezeichnen habe.“

„Was ist es für ein Zimmer?“

„Ein Eck-, Erker- und Wendeltreppenzimmer, ein ganz verfluchtes Zimmer, von wo aus man allüberall hinkommen kann.“

„Ah, das ist mir lieb.“

„Mir auch.“

„Warum?“

„Weil ich sie da leicht besuchen kann. Überhaupt scheint die gnädige Frau dieses Zimmer Ihnen nicht ohne alle Absicht gegeben zu haben.“

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