Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
Er ließ sich seine Überraschung nicht anmerken.
»Sechshundert Dukaten«, meinte er, »das ist nicht eben viel für eine Sache, in der man, wie es scheint, dem Teufel ein Meßlicht anzünden muß, damit sie gelingt.«
Wie der Leitnizer den Waldstein sagen hörte, daß man dem Teufel ein Meßlicht anzünden müsse, da wußte er, daß der Waldstein für die Sache, obwohl er sie für eine üble hielt, schon so gut wie gewonnen war, und daß es jetzt nur noch darum ging, sich mit ihm über die Höhe der Summe, die er empfangen sollte, einig zu werden.
»Sechshundert Dukaten, sagt Ihr, sei nicht viel?« erwiderte er. »Nun, man muß sich bisweilen auch mit einem guten Anfang zu begnügen wissen. Aber um den Teufel braucht Ihr Euch nicht zu scheren, die Sache steht unter höherer Protection. In zwei Tagen regiert Euer Stern, der Mars, im Bereich des Wagens, hab' ich mir sagen lassen, und da kann's Euch nicht mißlingen.«
»Soll die Sache in zwei Tagen vonstatten gehen?« fragte der Waldstein. »Und wer ist der Mann... «
»Davon später«, sagte der Leitnizer, sehr zufrieden mit dem, was er erreicht hatte. »Jetzt muß ich gehen, der Patron erwartet mich.«
Er kam noch ein zweites und ein drittes Mal. Beim drittenmal gab es kein »davon später« mehr, er war mit dem Waldstein in allen Stücken zu einem Einverständnis gelangt.
»Der Patron«, sagte er, bevor er ihn verließ, »will heute abend selbst mit Euch sprechen. Und das ist eine Ehre, die er nicht jedermann erweist. Geht, wenn es dunkel zu werden beginnt, vor Eurem Hause ein Weilchen auf und nieder. Man wird Euch holen. Aber wundert Euch nicht, wenn es etliche Zeremonien dabei geben wird. Denn der Patron läßt keinen gerne sein Gesicht sehen, auch will er nicht, daß man erfährt, wo er sein Quartier hat. Darin ist er eigen.«
Lang bevor es zu dunkeln begann, ging der Waldstein vor seinem Hause auf und nieder. Eine Stunde vorher hatte er vom Johannes Kepler erfahren, daß in der Nacht des Anschlags nicht der Mars, sondern die Venus im Bereich des Wagens der Regent war. Das beunruhigte ihn und machte ihn unsicher, aber es war zu spät, sich von der Sache zurückzuziehen.
Wie er nun so auf und nieder ging und schon ungeduldig zu werden begann, da kam ein Wagen die holperige Gasse hinuntergefahren. Vor dem Hause hielt er. Der Kutscher stieg vom Bock herab und öffnete den Wagenschlag. Er hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen.
»Wenn's dem Herrn beliebt«, sagte er, »der Herr wird erwartet.«
Der junge Waldstein stieg in den Wagen. Und wie die Tür hinter im zufiel und er sich niederließ, hörte er neben sich aus dem Dunkel eine Stimme:
»Ich bitt' den Herrn, sich's gefallen zu lassen, daß ich ihm die Augen verbind'. Es ist so anbefohlen.«
Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt.
Es wurde eine lange Fahrt.
Bald, schon nach einer Viertelstunde etwa, merkte der Waldstein mit Verwunderung, daß er nicht mehr auf den Pflastersteinen Prags dahinfuhr, sondern auf der vom Regen durchweichten Heerstraße durch offenes Land. Der Mann, der schweigend neben ihm saß, öffnete jetzt eines der Kutschenfenster. Ein herbstlichkalter Luftzug war zu verspüren und der Geruch der feuchten Ackererde. Von einem nahen Wald kam das Sausen des Winds und der Ruf eines Käuzchens. Jetzt schien man sich einem Dorf oder einem Gutshof zu nähern, denn man vernahm Hundegebell und das Brüllen der Binder. Es war ein Dorf, denn wie sie vorüberkamen, war ländliche Wirtshausmusik zu hören, eine Geige und ein Dudelsack.
»Das ist Vlasic«, sagte der Mann neben ihm und schloß das Fenster wieder. »Wir fahren durch Vlasic. Von hier kommen Blaubeeren und Pilze nach Prag auf die Märkte.«
»Ist es noch weit bis zu dem Quartier des Patrons«, erkundigte sich der Waldstein.
»Bis wohin?« fragte der Mann neben ihm.
»Zum Patron«, wiederholte der Waldstein. »Ich dachte, er hätte sein Quartier in der Stadt.«
»Wir haben noch etliche Meilen zu fahren, vier oder fünf«, gab ihm der Mann Bescheid.
»Das ist sonderbar. Ich kann's nicht recht verstehen«, sagte der Waldstein halb zu sich selbst.
Dann war wiederum Schweigen. Der Waldstcin hüllte sich fester in seinen Mantel. Der Begen schlug mit großer Heftigkeit an das Dach der Kutsche, und unter den Rädern und den Pferdehufen sprang das Wasser aus den Pfützen in Kaskaden hoch. Als eine halbe Stunde unter dem Trommeln des Regens vergangen war, wandte sich der Mann von neuem an den Waldstein:
»Jetzt sind wir in Hochauz«, berichtete er. »Hier auf dem Schlickschen Gut wird ein starkes Bier gebraut, jedermann rühmt es. Der Herr hat jetzt die halbe Reise hinter sich.«
Der Waldstein hörte ihn nicht. Er hatte den Kopf auf seinen Arm gesenkt und schlief.
Er fuhr auf, als der Wagen hielt, wollt' sich die Augen reiben und spürte die Binde, da kam ihm die Erinnerung wieder. Er stieg aus dem Wagen. Es regnete nicht mehr. Kies knirschte unter seinen Füßen und eine Hand ergriff die seine.
»Geh der Herr nur geradeaus. Er wird erwartet«, sagte eine Stimme, die nicht dem Manne angehörte, der mit ihm im Wagen gefahren war.
Er ging auf einem Kiesweg. Es roch herbstlich nach späten Rosen und vergilbtem Laub.
»Stufen!« warnte die Stimme.
Er stieg eine Treppe hinauf und dann ging es, wie die Hand ihn führte, auf Steinfließen nach rechts, nach links, geradeaus und wiederum nach rechts. Jetzt ließ die Hand des Führers die seine los. Er blieb stehen. Trotz der Binde vor seinen Augen wußte er, daß er sich in einem hell erleuchteten Raum befand. Hinter ihm flüsterte es:
»Die Herrschaft.«
Und im gleichen Augenblick hörte er ein verhaltenes Lachen und eine helle Stimme:
»Seh der Herr doch nicht so streng darein wie die Themis selbst. Nehm der Herr doch endlich die Binde von den Augen und tret er näher, er ist willkommen.«
Der Waldstein streifte die Binde ab. Der Raum, in dem er sich befand, war nicht so hell beleuchtet, wie er vermutet hatte. Nur das Kaminfeuer erhellte ihn und das Licht zweier Wachskerzen, die in einem silbernen Leuchter auf einem Tisch standen, der für zwei Personen gedeckt war. Am Kaminfeuer saß eine Dame in einem Kleid von dunkelviolettem Samt, das gar nicht nach der Mode war, dafür aber auf anmutige Art den Fluß ihrer Körperlinien erraten ließ. Ihr Haar hatte einen Stich ins Rötliche, ihre Hände waren schmal, ihre Knöchel zart, aber das war auch alles, was der Waldstein zu erkennen vermochte, denn ihr Gesicht war hinter einer schwarzseidenen Maske verborgen.
»Da seh einer! Das ist also der Patron. Eine Weibsperson«, sagte der Waldstein zu sich, während er sich verbeugte.
»Ich find's charmant, daß der Herr gekommen ist, hab's zu hoffen nicht gewagt«, erklang hinter der Maske die Stimme der Dame. »Der Herr hat um meinetwillen in schlechtem Wetter und auf grundlosen Wegen eine beschwerliche Fahrt gehabt.«
»Im geringsten nicht«, versicherte der junge Waldstein. »Bin das Beisen gewohnt, sitz' freilich lieber zu Pferd als in einer Kutsche.«
»Ich weiß, daß der Herr bei den Dragonern ein Hauptmann war«, sagte die Dame.
»Der Demoiselle zu dienen«, bestätigte der Waldstein mit einer neuen Verbeugung.
Indessen waren zwei Diener, beide maskiert wie ihre Herrin, eingetreten, die trugen den ersten Gang des Abendessens auf: Weinsuppe, gefüllte Lammsbrust, Spanferkel, Rotkohl, Hühnerflügel, Hühnerleber und Wildschweinschinken, und die Dame lud den Waldstein ein, sich mit ihr zu Tisch zu setzen.