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Napoleons letzte Schlacht

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Napoleons letzte Schlacht
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„Verzeihung, Sire“, sagte Königsau, „das ist der Maire von La Chêne.“

„Was will er?“

„Ich befahl ihm, sämtliche Recken und Helden des Ortes zu versammeln, um seinem Kaiser zu Hilfe zu kommen; er solle erschossen werden, wenn er binnen einer Viertelstunde nicht auf dem Kampfplatz erschienen sei.“

Da lachte Napoleon laut auf, was bei ihm eine außerordentliche Seltenheit war. Auch die Offiziere stimmten fröhlich ein; doch meinte der Kaiser dann ernst:

„Ich danke Ihnen, Kapitän. Man sieht, wie umsichtig Sie verfahren. Ich bin überzeugt, daß Sie ein ausgezeichneter Offizier sein würden. Diese Helden und Ritter würden uns von großem Nutzen sein, wenn der Kampf nicht bereits glücklich zu Ende wäre.“

„Sie werden uns auch jetzt noch von Vorteil sein, Sire“, meinte Ney.

„Inwiefern?“

„Noch sind unsere Geschirre nicht in Ordnung. Tote und Verwundete liegen hier, ein Gefangener ist zu transportieren –“

„Ach ja; man lasse sie herbeikommen.“

Jetzt waren die Bürger auf Sprachweite herangekommen; sie konnten natürlich den Schein der Wagenlichter sehen. Da ertönte die Stimme des Maire:

„Halt. Im Namen des Gesetzes.“

„Was gibt es?“ antwortete Gourgaud.

„Seid Ihr etwa die Marodeurs?“ fragte der Maire.

„Nein.“

„Sind Sie der Kaiser?“

„Nein.“

„Ah, so sind Sie der Herr Kapitän de Sainte-Marie?“

„Auch nicht. Ich bin der Generaladjutant des Kaisers.“

„Oho! Wie heißen Sie?“

„General Gourgaud.“

„Das stimmt. Ist der Kaiser dort?“

„Ja. Er befiehlt Ihnen, sofort näher zu kommen!“

„Wird noch geschossen?“

„Nein.“

„Garantieren Sie dafür?“

„Ja.“

„Nun gut, so kommen wir. Vorwärts! Marsch! Trab, trab!“

Die Leute setzten ihre Pferde in Trab. Da nicht mehr geschossen wurde, hatte der brave Maire Mut bekommen. Er ritt voran. Er sah im Schein von Königsaus nun bald ausgebrannter Fackel den Kaiser stehen. Er lenkte sein Pferd im Trab auf denselben zu, um seine Meldung in möglichst militärisch exakter Weise zu machen. Die Rechte an dem Mützenschirm und in der Linken das Halfter, rief er:

„Sire, ich melde mich –“

Sein Pferd stolperte über eine gerade hier im Weg liegende Leiche und brach auf die Knie nieder. Da glitt der mutige Vater des Ortes über den Hals des Tieres herab, setzte sich auf den Teil seines Körpers, in welchem gewöhnlich die wenigste Geistesgegenwart zu finden ist, und fuhr in seinem Bericht fort:

„– – – eingetroffen mit zweiundzwanzig Mann.“

Seine Untergebenen hielten seine demütige Bewegung für eine Notwendigkeit der Etikette und machten bereits Anstalt, in der gleichen Weise von den Pferden zu rutschen, obgleich sie im stillen sich fragten, ob sie es so natürlich und exakt fertig bringen würden wie ihr Bataillonschef; da aber winkte der Generaladjutant und rief, das laute Lachen verbeißend:

„Richtig absteigen, Messieurs, richtig absteigen!“

Diesem Befehl folgten sie natürlich lieber als dem Beispiel ihres Zivilvorgesetzten, welcher sich soeben glorreich von der Erde erhob, seine herabgefallene Mütze wieder aufsetzte und dann seine Honneurs wiederholte.

Der Kaiser hielt seine Augen lange auf ihn gerichtet, ohne eine Miene zu verziehen. Wer ihn kannte, der wußte, daß dieser Ernst nur das äußere Gewand war, unter welchem der Schalk lustig kicherte.

„Monsieur, Sie werden ein zweites Protokoll zu schreiben haben“, sagte er endlich.

„Ich stehe untertänigst zu Diensten“, sagte der Maire.

„Sehen Sie, was hier geschehen ist?“

„Ich sehe es, Sire.“

Bei diesen Worten trat er einen Schritt zur Seite, denn ein Toter, dessen Gesicht nach oben gekehrt war, schien ihn drohend anzugrinsen.

„Man hat mich, den Kaiser, überfallen.“

„Ein totwürdiges Verbrechen, Majestät.“

„Die Leute sind getötet worden. Nur einer lebt. Dort bei meinem Kutscher liegt er gebunden. Man wird ihn verhören.“

„Ich lege ihn auf die Folter, Sire.“

„Es ist bereits heute beschlossen worden, meine Marschälle zu überfallen. Die Untersuchung muß erweisen, ob eine einfache Räuberei oder vielleicht ein tiefergehendes Komplott zugrunde liegt.“

„Ich werde das Komplott entdecken, Sire.“

„Sie? Sie werden nichts entdecken. Sie sind weder ein Held des Geistes, noch des Schwertes. Ich werde die Untersuchung in andere Hände legen. Doch haben Sie morgen vormittag acht Uhr auf dem Meierhof Jeannette bei mir zu erscheinen, um das Protokoll in die Feder zu nehmen.“

„Ich werde bereits drei Viertel vor acht dort sein, Sire.“

„Übrigens danke ich Ihnen, daß Sie so schnell auf dem Kampfplatz erschienen sind. Jeder Ihrer Leute hat eine Laterne mit – ah! Wer hat das angeordnet?“

„Ich selbst, Sire.“

Bei diesen Worten warf sich der Gefragte ganz gewaltig in die Brust.

„Weshalb?“

„Weil man da besser sieht, wohin man haut.“

„Ein sehr triftiger Grund, mein Guter.“

„Ja, Sire. Und weil man auch besser sieht, ob er wirklich tot ist.“

„Wer?“

„Der, mit dem man kämpft.“

Die Marschälle wandten sich ab. Sie mußten sich alle Mühe geben, um das Lachen zu verbeißen. Der Kaiser aber blieb ernst und sagte in freundlichem Ton:

„So recht! Ein Vorgesetzter muß seinen Untergebenen alle Pflichten erleichtern, besonders wenn sie so schwer und blutig sind wie diejenige, welche heute von ihnen erfüllt werden sollte. Verstehen Sie mit Wagen umzugehen?“

„Ausgezeichnet.“

„So setzen Sie vor allen Dingen unsere Wagen und Geschirre instand. Dann säubern Sie die Straße von den Leichen und nehmen den Gefangenen scharf in Obhut, den Sie mir morgen früh bringen müssen.“

Jetzt wendete sich der Kaiser ab. Er sah Königsau in der Nähe, bei dem die Offiziere standen, um ihm abermals Worte des Dankes zu sagen.

„Sind Sie verwundet, Kapitän?“ fragte Napoleon.

„Nein, Majestät“, lautete die Antwort.

„Wunderbar! Ich glaube, daß keiner von uns nur geritzt worden ist.“

„Keiner!“ bestätigte Grouchy.

„So haben wir von einem großen Glück zu sagen. Lassen Sie uns vor allen Dingen nach unseren Damen sehen.“

Er trat zu seinem Wagen. Wie gern wäre Königsau an seine Stelle getreten! Dies ging aber nicht an. Und da die beiden Marschälle auch zu ihren Wagen zurückkehrten, so beschäftigte er sich damit, seine in der Hitze des Kampfes fortgeworfenen Pistolen wieder zu suchen.

DRITTES KAPITEL 

Napoleons letzte Liebe

Ney traf die Baronin in ganz gefaßter Stimmung. Sie war zwar anfangs tödlich erschrocken, hatte aber dann die Augen geschlossen und in Ergebenheit den Erfolg abgewartet, der glücklicherweise ein guter war.

Ebenso war es mit Frau Richemonte. Ihr Schreck war kein geringer gewesen; als Grouchy den Wagen verlassen hatte, war sie ihn Ohnmacht gesunken, aber das Getöse des Kampfes hatte sie wieder aufgeweckt. Königsau war ihr dann wie ein rettender Engel erschienen. Jetzt, da der Marschall sie nach ihrem Befinden fragte, gab sie nur den Wunsch zu erkennen, zu wissen, wie ihre Tochter die Gefahr überstanden habe.

Bei dieser war es anders. Als der Kaiser an den Wagen trat, sagte er: „Mademoiselle, ich bedaure diesen Vorfall außerordentlich. Darf ich fragen, wie Sie sich befinden?“

„Oh, ich bin sehr schwach, Sire!“ hauchte sie.

„Ah! Jan Hoorn, frage die Damen nach einem Flakon!“

„Das wird nicht genügen, Majestät!“ sagte Margot leise.

„Nicht? Warum, Mademoiselle?“

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