Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Aber warum hast du das denn nicht schon früher gesagt, Dronuschka? Kann man ihnen denn nicht helfen? Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht …«
Es war der Prinzessin Marja ein seltsamer Gedanke, daß es jetzt, in diesem Augenblick, wo ein solches Leid ihre Seele erfüllte, reiche und arme Menschen geben konnte, die Reichen aber den Armen nicht sollten helfen können. Sie hatte einmal gehört und wußte unklar, daß es herrschaftliches Getreide gibt und daß den Bauern unter Umständen davon etwas gegeben wird. Sie wußte auch, daß weder ihr Bruder noch ihr Vater den Bauern in der Not eine derartige Bitte abgeschlagen haben würden; sie fürchtete nur, hinsichtlich dieser Getreideverteilung an die Bauern, die sie anordnen wollte, nicht die richtigen Worte zu treffen. Sie freute sich, daß sich ihr ein Anlaß zu einer ernsten Tätigkeit darbot, zu einer Tätigkeit von der Art, daß sie sich keinen Vorwurf zu machen brauchte, wenn sie um ihretwillen ihr Leid zeitweilig vergaß. Sie fing an, den Dorfschulzen eingehend über die Not der Bauern zu befragen, und ob herrschaftliches Getreide in Bogutscharowo vorhanden sei.
»Wir haben doch wohl herrschaftliches Getreide, das meinem Bruder gehört?« fragte sie.
»Das herrschaftliche Getreide ist noch vollständig unangerührt«, sagte Dron mit einem gewissen Stolz. »Unser Fürst hat befohlen, nichts zu verkaufen.«
»Gib es den Bauern; gib ihnen, soviel sie nötig haben; ich erlaube es dir im Namen meines Bruders«, sagte Prinzessin Marja.
Dron antwortete nicht, sondern stieß nur einen tiefen Seufzer aus.
»Verteile dieses Getreide unter sie, wenn es für sie ausreicht. Verteile alles. Ich befehle es dir, im Namen meines Bruders; sage ihnen: was uns gehört, das gehört auch ihnen. Es ist uns für sie kein Opfer zu groß. Das sage ihnen.«
Dron blickte die Prinzessin, während sie sprach, unverwandt an.
»Entlaß mich aus meinem Amt, Mütterchen, ich bitte dich um Gottes willen; befiehl, daß mir die Schlüssel genommen werden«, sagte er. »Dreiundzwanzig Jahre lang habe ich das Amt verwaltet und nichts Unrechtes getan; entlaß mich, um Gottes willen!«
Prinzessin Marja verstand nicht, was er von ihr wollte und warum er um seine Entlassung bat. Sie antwortete ihm, sie habe nie an seiner Ergebenheit gezweifelt und sei bereit, für ihn und für die Bauern alles zu tun, was in ihren Kräften stehe.
XI
Eine Stunde darauf kam Dunjascha zu der Prinzessin mit der Nachricht, Dron sei gekommen, und alle Bauern hätten sich, wie die Prinzessin befohlen habe, beim Speicher versammelt und wünschten mit der Herrin zu reden.
»Aber ich habe sie ja gar nicht herbestellt«, erwiderte Prinzessin Marja. »Ich habe nur zu Dron gesagt, er möchte Getreide an sie verteilen.«
»Befehlen Sie nur um Gottes willen, die Leute fortzujagen, liebste, beste Prinzessin, und gehen Sie nicht zu ihnen hin. Es ist alles nur Hinterlist«, sagte Dunjascha. »Sobald Jakow Alpatytsch zurückkommt, können wir abfahren … Aber lassen Sie sich nicht mit diesen Leuten ein …«
»Wieso denn Hinterlist?« fragte die Prinzessin erstaunt.
»Ja, das weiß ich; hören Sie nur auf mich, ich bitte Sie herzlich. Hier, Sie können ja auch die Kinderfrau fragen. Es heißt, die Bauern wollen nicht von hier wegziehen, wie Sie es befohlen haben.«
»Was du da redest, stimmt nicht. Ich habe gar nicht befohlen, daß sie wegziehen sollen …«, erwiderte Prinzessin Marja. »Ruf mir doch einmal Dron her.«
Dron kam und bestätigte Dunjaschas Worte: die Bauern seien gekommen, wie die Prinzessin befohlen habe.
»Aber ich habe sie doch gar nicht herbestellt«, sagte die Prinzessin. »Du hast gewiß meinen Auftrag nicht richtig an sie ausgerichtet. Ich habe nur gesagt, du solltest ihnen Getreide geben.«
Dron gab keine Antwort, sondern seufzte nur.
»Wenn Sie befehlen, werden die Bauern wieder fortgehen«, sagte er endlich.
»Nein, nein, ich werde zu ihnen hingehen«, erwiderte Prinzessin Marja.
Obwohl Dunjascha und die Kinderfrau ihr sehr davon abrieten, ging Prinzessin Marja vor die Haustür hinaus. Dron, Dunjascha, die Kinderfrau und Michail Iwanowitsch folgten ihr.
»Die Bauern denken wahrscheinlich, daß ich sie durch das Angebot von Getreide zum Hierbleiben veranlassen will, selbst aber fortfahre und sie der Willkür der Franzosen preisgebe«, dachte Prinzessin Marja. »Ich will ihnen Wohnungen auf dem Gut bei Moskau und monatliche Unterstützungen versprechen; ich bin überzeugt, daß Andrei an meiner Stelle noch mehr für sie tun würde«, dachte sie, während sie in der Dämmerung zu der Menge hinging, die auf dem Anger beim Speicher stand.
Die Menge geriet in Bewegung und drängte sich zusammen; die Mützen wurden schnell abgenommen. Mit niedergeschlagenen Augen und sich mit den Füßen in ihr Kleid verwickelnd, trat Prinzessin Marja nahe an sie heran. Es waren so viele verschiedenartige alte und junge Augen auf sie gerichtet, und es waren so viele verschiedene Gesichter da, daß Prinzessin Marja kein einziges Gesicht klar sah; sie fühlte die Notwendigkeit, zu allen zugleich zu sprechen, wußte aber nicht, wie sie das anstellen sollte. Aber das Bewußtsein, daß sie die Vertreterin ihres Vaters und ihres Bruders sei, verlieh ihr auch jetzt wieder Kraft, und kühn begann sie ihre Rede.
»Ich freue mich sehr, daß ihr gekommen seid«, sagte Prinzessin Marja, ohne die Augen aufzuschlagen, und fühlte dabei, wie schnell und stark ihr das Herz schlug. »Dron hat mir gesagt, der Krieg habe euch zugrunde gerichtet. Das ist unser gemeinsames Leid, und es wird mir kein Opfer zu groß sein, um euch zu helfen. Ich selbst werde wegfahren, weil es hier gefährlich ist … und der Feind nahe ist … und weil … Ich gebe euch alles, meine Freunde, und bitte euch, alles zu nehmen, unser ganzes Getreide, damit ihr keinen Mangel leidet. Und wenn euch gesagt sein sollte, daß ich euch das Getreide gebe, um euch zum Hierbleiben zu bewegen, so ist das unrichtig. Im Gegenteil bitte ich euch, mit euer ganzen Habe nach unserem Gut bei Moskau zu ziehen, und ich nehme es auf mich und verspreche euch, daß ihr dort keine Not leiden sollt. Es wird euch Unterkommen und Getreide gegeben werden.«
Die Prinzessin hielt inne; aus der Menge waren nur Seufzer zu hören.
»Ich tue das nicht von mir aus«, fuhr die Prinzessin fort, »ich tue es im Namen meines seligen Vaters, der euch ein guter Herr gewesen ist, sowie an Stelle meines Bruders und seines Sohnes.«
Sie hielt wieder inne. Niemand unterbrach das Schweigen.
»Das Leid ist uns allen gemeinsam, und wir wollen alles, was wir haben, miteinander teilen. Alles, was mein ist, gehört euch«, sagte sie und ließ ihren Blick über die Gesichter der vor ihr Stehenden hinschweifen.
Alle blickten sie mit dem gleichen Ausdruck an, dessen Bedeutung ihr unverständlich blieb. War es nun Neugier oder Ergebenheit und Dankbarkeit, oder Angst und Mißtrauen, aber der Ausdruck auf allen Gesichtern war ein und derselbe.
»Wir danken bestens für Ihre Güte; aber das herrschaftliche Getreide nehmen, das dürfen wir nicht«, sagte eine Stimme aus dem Hintergrund.
»Aber warum denn nicht?« fragte die Prinzessin.
Niemand antwortete, und als Prinzessin Marja die Menge anschaute, bemerkte sie, daß jetzt alle Augen, denen sie begegnete, sich sofort zu Boden richteten.
»Aber warum wollt ihr denn das nicht?« fragte sie noch einmal.
Es erfolgte wieder keine Antwort.
Der Prinzessin wurde dieses Schweigen peinlich; sie versuchte den Blick irgendeines der Bauern aufzufangen.
»Warum redet ihr nicht?« wandte sie sich an einen alten Mann, der auf seinen Stock gestützt vor ihr stand. »Sprich doch, wenn du glaubst, daß ihr sonst noch etwas nötig habt. Ich werde alles tun«, sagte sie.
Sie hatte seinen Blick aufgefangen; er aber, wie wenn er darüber ärgerlich wäre, ließ nun den Kopf ganz sinken und murmelte:
»Damit sind wir nicht einverstanden. Getreide brauchen wir nicht.«