Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Hör mal, Dronuschka«, sagte er, »mach mir da keinen Wind vor. Seine Durchlaucht Fürst Andrei Nikolajewitsch selbst hat mir befohlen, die ganze Einwohnerschaft wegzuschicken und sie mit dem Feind nicht in Berührung kommen zu lassen; auch besteht darüber ein Befehl des Zaren. Wer hierbleibt, ist ein Verräter am Zaren. Hörst du wohl?«
»Ich höre«, erwiderte Dron, ohne die Augen aufzuschlagen.
Alpatytsch begnügte sich mit dieser Antwort nicht.
»Ei, ei, Dron, das wird euch schlimm bekommen!« sagte er, den Kopf hin und her wiegend.
»Es steht in Euren Händen!« antwortete Dron traurig.
»Na, Dron, nun hör aber mal auf!« sagte Alpatytsch, nahm die Hand heraus, die er vorn in den Rock gesteckt hatte, und wies mit feierlicher Gebärde auf den Boden unter Drons Füßen. »Ich sehe nicht nur quer durch dich hindurch, sondern auch unter dir drei Ellen tief in die Erde hinein.« Dabei blickte er nach dem Boden unter Drons Füßen.
Dron wurde ängstlich, warf einen verstohlenen Blick nach Alpatytsch hin und schlug die Augen wieder nieder.
»Hör nun auf, Unsinn zu reden, und sage den Leuten, sie sollen sich fertigmachen, ihre Wohnungen zu verlassen und nach Moskau zu gehen, und sie sollen morgen früh die Fuhren für das Gepäck der Prinzessin stellen; du selbst aber geh nicht in die Gemeindeversammlung. Hast du gehört?«
Dron warf sich auf einmal Alpatytsch zu Füßen.
»Jakow Alpatytsch, entlaß mich aus meinem Amt! Nimm mir die Schlüssel ab; entlaß mich, um Christi willen!«
»Hör auf!« sagte Alpatytsch in strengem Ton. »Ich sehe unter dir drei Ellen tief in die Erde«, wiederholte er, weil er wußte, daß seine Meisterschaft in der Bienenzucht, seine ausgezeichnete Kenntnis der besten Saatzeit für den Hafer und die Kunst, mit der er es verstanden hatte, zwanzig Jahre lang es dem alten Fürsten zu Dank zu machen, ihm schon längst den Ruf eines Zauberers eingetragen hatten, und daß den Zauberern die Fähigkeit zugeschrieben wird, drei Ellen tief unter einem Menschen in die Erde hineinzusehen.
Dron stand auf und wollte etwas sagen; aber Alpatytsch unterbrach ihn:
»Was ist euch denn in den Kopf gefahren? He? Was denkt ihr euch eigentlich? He?«
»Was soll ich mit diesem Volk anfangen?« erwiderte Dron. »Sie sind ganz außer Rand und Band. Ich habe ihnen schon gesagt …«
»Das scheint mir allerdings«, sagte Alpatytsch. »Trinken sie?« fragte er kurz.
»Ganz außer Rand und Band sind sie, Jakow Alpatytsch; schon das zweite Faß Branntwein haben sie herangeschleppt.«
»Also höre nun: ich fahre zum Bezirkshauptmann, und du mach den Leuten bekannt, sie sollen ihre Torheiten lassen und die Fuhren stellen.«
»Zu Befehl«, antwortete Dron.
Weiter setzte ihm Jakow Alpatytsch nicht zu. Er war lange genug bei diesem Volk Verwalter gewesen, um zu wissen, daß das wichtigste Mittel zur Erzielung des Gehorsams darin besteht, die Leute nicht merken zu lassen, daß man einen Ungehorsam von ihrer Seite für möglich hält. Nachdem Jakow Alpatytsch von Dron dieses gehorsame »Zu Befehl« erreicht hatte, begnügte er sich damit, obwohl er nicht nur an dem Gehorsam zweifelte, sondern beinahe überzeugt war, daß ohne Hilfe einer Abteilung Militär die Lieferung der Fuhren nicht durchzusetzen sein werde.
Und wirklich waren am Abend die Fuhren nicht zur Stelle. Im Dorf hatte wieder beim Krug eine Gemeindeversammlung stattgefunden, und in dieser war beschlossen worden, die Pferde in den Wald zu treiben und keine Wagen herauszugeben. Ohne der Prinzessin hiervon etwas zu sagen, befahl Alpatytsch, von den aus Lysyje-Gory gekommenen Wagen seine eigenen Sachen abzuladen und diese Pferde für die Equipagen der Prinzessin bereitzuhalten; er selbst aber fuhr zur Obrigkeit.
X
Nach dem Begräbnis ihres Vaters schloß sich Prinzessin Marja in ihrem Zimmer ein und ließ niemand zu sich. Das Stubenmädchen kam an die Tür und sagte, Alpatytsch sei gekommen, um sich von ihr Befehle in betreff der Abreise zu erbitten. (Dies war noch vor Alpatytschs Gespräch mit Dron.) Prinzessin Marja richtete sich ein wenig vom Sofa auf, auf dem sie lag, und sagte durch die verschlossene Tür hindurch, sie werde nie wegfahren und nirgendshin und bitte, man möge sie in Ruhe lassen.
Die Fenster des Zimmers, in welchem Prinzessin Marja lag, gingen nach Westen hinaus. Sie lag auf dem Sofa mit dem Gesicht nach der Wand zu und fingerte an den Knöpfen des ledernen Kissens herum; sie sah nichts als dieses Kissen, und ihre unklaren Gedanken waren immer nur auf einen Punkt gerichtet: sie dachte an die Unwiederbringlichkeit dessen, was ihr der Tod geraubt hatte, und an die Schlechtigkeit ihres eigenen Herzens, die sie bis jetzt nicht gekannt hatte und die erst während der Krankheit ihres Vaters zutage getreten war. Sie wollte beten, aber sie wagte es nicht; sie wagte nicht in der seelischen Verfassung, in der sie sich befand, sich an Gott zu wenden. In diesem Zustand lag sie lange da.
Die Sonne war nach dieser Seite des Hauses herumgegangen und beleuchtete nun mit ihren schrägfallenden abendlichen Strahlen durch die geöffneten Fenster hindurch das Zimmer und einen Teil des Saffiankissens, auf das Prinzessin Marja hinblickte. Dadurch wurde der Gang ihrer Gedanken auf einmal gehemmt. Ohne sich dessen selbst recht bewußt zu werden, richtete sie sich in die Höhe, strich sich das Haar zurecht, stand auf und trat zum Fenster; unwillkürlich zog sie die frische, kühle Luft des klaren, aber windigen Abends tief ein.
»Ja, jetzt kannst du dich gemächlich des Abends freuen! Er ist nicht mehr auf der Welt, niemand stört dich«, sagte sie zu sich selbst; sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und legte den Kopf auf das Fensterbrett. Vom Garten her rief jemand sie mit zärtlicher, leiser Stimme und küßte sie auf den Kopf. Sie blickte auf. Es war Mademoiselle Bourienne in einem schwarzen Kleid mit Trauerbesatz. Sie war leise an Prinzessin Marja herangetreten, hatte sie seufzend geküßt und war dann sogleich in Tränen ausgebrochen. Prinzessin Marja sah sie an. Alle die früheren heftigen Szenen mit ihr und ihre Eifersucht gegen sie kamen ihr ins Gedächtnis; aber sie erinnerte sich auch, wie ihr Vater in der letzten Zeit sein Verhalten gegen Mademoiselle Bourienne geändert hatte, sie nicht mehr hatte sehen mögen, und wie ungerecht also die Vorwürfe gewesen waren, die sie der Französin in ihrem Herzen gemacht hatte. »Und steht es etwa mir, mir, die ich seinen Tod gewünscht habe, zu, jemand zu verurteilen?« dachte sie.
Prinzessin Marja stellte sich lebhaft die Lage der Französin vor, die in der letzten Zeit von dem Verkehr mit ihr ausgeschlossen war und dabei doch von ihr abhing und in einem fremden Haus lebte. Und sie bemitleidete sie, blickte sie freundlich fragend an und streckte ihr die Hand hin. Laut weinend begann Mademoiselle Bourienne sogleich diese Hand zu küssen und von dem Leid zu sprechen, das die Prinzessin betroffen habe, wobei sie sich selbst als Teilnehmerin an diesem Leid darstellte. Sie sagte, ihr einziger Trost in diesem Leid sei, daß die Prinzessin ihr erlaube, es mit ihr zu teilen; alle früheren Mißverständnisse müßten angesichts dieses großen Leides in ein Nichts verschwinden; sie fühle sich allen gegenüber rein, und »er« sehe von dort oben ihre Liebe und Dankbarkeit. Die Prinzessin hörte ihr zu, ohne den Sinn ihrer Worte zu verstehen; aber sie blickte sie manchmal an und lauschte auf den Ton ihrer Stimme.
»Ihre Lage ist doppelt schrecklich, liebe Prinzessin«, fuhr Mademoiselle Bourienne nach einem kurzen Stillschweigen fort. »Ich verstehe es, daß Sie nicht imstande gewesen sind, an sich selbst zu denken, und auch jetzt noch nicht dazu imstande sind; aber ich fühle mich durch meine Liebe zu Ihnen verpflichtet, dies zu tun … Ist Alpatytsch bei Ihnen gewesen? Hat er mit Ihnen über die Abreise gesprochen?« fragte sie.