Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Als sie berichtete, daß dies alles sich am Tag nach der Beerdigung ihres Vaters zugetragen habe, fing ihre Stimme an zu beben. Sie wandte sich ab; dann aber schien sie zu fürchten, Rostow könne ihre Worte als einen Versuch, ihn zu rühren, auffassen, und blickte ihn ängstlich an. Rostow hatte Tränen in den Augen. Prinzessin Marja bemerkte dies und sah ihn dankbar mit jenem ihr eigenen leuchtenden Blick an, der einen jeden die Unschönheit ihres Gesichtes vergessen ließ.
»Ich kann gar nicht sagen, Prinzessin, wie glücklich es mich macht, daß ich zufällig hierhergekommen bin und imstande sein werde, Ihnen meine Dienstwilligkeit zu beweisen«, sagte Rostow, sich erhebend. »Bitte, fahren Sie ab, und ich stehe Ihnen mit meiner Ehre dafür, daß niemand wagen wird, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, wenn Sie mir nur erlauben wollen, Sie zu geleiten.« Er verbeugte sich so ehrerbietig, wie man es vor Damen aus kaiserlichem Blut zu tun pflegt, und ging zur Tür.
Durch seinen besonders ehrerbietigen Ton schien Rostow andeuten zu wollen, daß, obwohl er es für ein hohes Glück halte, die Bekanntschaft der Prinzessin gemacht zu haben, er doch ihr Unglück nicht dazu benutzen wolle, um ihr in aufdringlicher Weise näherzutreten.
Prinzessin Marja verstand diese Absicht seines Tones und wußte sie zu würdigen.
»Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar«, sagte sie zu ihm auf französisch. »Aber ich hoffe, daß dies alles nur ein Mißverständnis gewesen ist und niemand dabei eine Schuld trifft.« Plötzlich brach sie in Tränen aus. »Entschuldigen Sie mich«, sagte sie.
Rostow verbeugte sich mit finsterem Gesicht noch einmal tief vor ihr und verließ das Zimmer.
XIV
»Nun, wie steht’s? Ist deine Prinzessin nett? Nein, Bruder, meine im rosa Kleid ist ein entzückendes Wesen; sie heißt Dunjascha …«
Aber hier warf Iljin einen Blick auf Rostows Gesicht und verstummte. Er sah, daß sein Held und Vorgesetzter sich in einer ganz anderen Gemütsverfassung befand.
Rostow sah sich grimmig nach Iljin um und ging, ohne ihm zu antworten, mit schnellen Schritten in der Richtung nach dem Dorf weiter.
»Ich werde es ihnen zeigen, ich werde es ihnen gehörig geben, diesen Räubern!« sagte er vor sich hin.
Alpatytsch konnte mit einer Art von schleifendem Schritt, um nicht geradezu Trab zu laufen, Rostow nur mit Mühe einholen.
»Was haben Sie für einen Entschluß gefaßt?« fragte er, als er ihn erreicht hatte.
Rostow blieb stehen und trat auf einmal mit geballten Fäusten drohend auf Alpatytsch zu.
»Entschluß? Was für einen Entschluß? Alter Dummkopf!« schrie er ihn an. »Warum hast du denn ruhig zugesehen? He? Die Bauern revoltieren, und du verstehst nicht mit ihnen fertigzuwerden? Du bist selbst so ein Verräter! Ich kenne euch; das Fell werde ich euch allen abziehen …« Und wie wenn er seinen Vorrat an Heftigkeit vorzeitig zu verschwenden fürchtete, ließ er Alpatytsch stehen und ging schnell vorwärts.
Alpatytsch unterdrückte seine Empfindlichkeit über die ihm zugefügte Beleidigung, eilte mit seinem schleifenden Gang hinter Rostow her und begann ihm seine Auffassung der Sachlage auseinanderzusetzen. Er sagte, die Bauern seien so hartnäckig und verstockt, daß es im jetzigen Augenblick unvernünftig sein würde, ihnen schroff entgegenzutreten, wenn man nicht ein Kommando Soldaten zur Verfügung habe; es würde vielleicht das beste sein, vorher ein solches Kommando holen zu lassen.
»Ich werde ihnen ein Kommando Soldaten zeigen! Bin selbst ein Kommando Soldaten! Ich werde ihnen schon schroff entgegentreten!« rief Nikolai wie ein Unsinniger; er konnte kaum atmen vor sinnloser, tierischer Wut und vor dem Verlangen, diese Wut an jemand auszulassen.
Ohne darüber nachzudenken, was er eigentlich tun wollte, ging er ohne weiteres mit schnellem, entschlossenem Schritt auf den Menschenhaufen los. Und je näher er demselben kam, um so stärker wurde bei Alpatytsch das Gefühl, daß dieses unvernünftige Verfahren doch am Ende zu einem guten Resultat führen könne. Dieselbe Empfindung hatten auch die Bauern, als sie Rostows schnellen, festen Gang und entschlossenen, finsteren Gesichtsausdruck wahrnahmen.
Nachdem die Husaren in das Dorf gekommen waren und Rostow sich zu der Prinzessin begeben hatte, war in der Menge Verlegenheit und Zwiespalt entstanden. Einige Bauern hatten gesagt, die Angekommenen seien Russen, und es sei zu befürchten, daß sie sich der Prinzessin annehmen würden, wenn man ihr hinderlich wäre abzureisen. Derselben Ansicht war auch Dron gewesen; aber sowie er sie ausgesprochen hatte, waren Karp und andere Bauern heftig über den bisherigen Dorfschulzen hergefallen.
»So viele Jahre lang hast du die Bauernschaft geschunden und ausgesogen!« hatte ihn Karp angeschrien. »Dir ist ja natürlich alles gleich. Du gräbst deinen Geldkasten aus und nimmst ihn mit weg; was kümmert es dich, ob unsere Häuser zerstört werden oder nicht!«
»Es ist doch Befehl gekommen, es soll alles in Ordnung bleiben, und niemand soll seinen Wohnsitz verlassen; nicht das geringste darf weggeschafft werden. Danach muß es gehen!« hatte ein anderer gerufen.
»Dein Sohn war an der Reihe, Soldat zu werden«, hatte auf einmal ein kleiner Alter, hastig redend, den früheren Dorfschulzen angegriffen. »Aber dein dicker Junge hat dir wohl leid getan, und du hast statt seiner meinem Iwan den Kopf scheren lassen. Na, warte nur, wir werden dich noch einmal vor Gott verklagen!«
»Ja, ja, wir werden dich vor Gott verklagen!«
»Ich habe nie etwas zum Schaden der Bauernschaft getan«, hatte Dron gesagt.
»Nie etwas zum Schaden der Bauernschaft getan! Einen Bauch hast du dir angemästet!«
Auch die beiden betrunkenen langen Bauern hatten in ihrer Weise mit hineingeredet.
Sobald sich Rostow, von Iljin, Lawrenti und Alpatytsch begleitet, der Menge näherte, trat Karp heraus und ihm entgegen; er hatte die Finger in seinen Gurt gesteckt und lächelte leise. Dron dagegen zog sich in die hinteren Reihen zurück, und der Haufe schloß sich dichter zusammen.
»He! Wer ist hier bei euch der Dorfschulze?« rief Rostow, schnellen Schrittes auf die Menge zugehend.
»Der Dorfschulze? Was wollen Sie von dem …?« fragte Karp.
Aber er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als ihm die Mütze auf die Erde flog und ihm der Kopf infolge des starken Schlages zur Seite hing.
»Die Mützen herunter, ihr Verräter!« schrie Rostow mit kräftiger Stimme. »Wo ist der Dorfschulze?« schrie er wütend noch einmal.
»Den Dorfschulzen ruft er; er ruft nach dem Dorfschulzen … Dron Sacharytsch, Sie ruft er!« hörte man hier und dort eilig und kleinlaut sagen, und die Mützen verschwanden von den Köpfen.
»Wir dürfen uns doch nicht gegen den hohen Befehl, der gekommen ist, auflehnen; wir müssen auf Ordnung halten«, sagte Karp, und im gleichen Augenblick ließen sich einige Stimmen aus dem Hintergrund vernehmen:
»Was die Alten beschlossen haben, das tun wir. Was haben wir mit euch Offizieren zu schaffen?«
»Räsonieren wollt ihr? Rebellion! Ihr Räuber, ihr Verräter!« brüllte Rostow wütend mit entstellter Stimme und packte Karp am Kragen. »Bindet ihn, bindet ihn!« schrie er, obgleich niemand da war, der ihn hätte binden können, als Lawrenti und Alpatytsch.
Lawrenti indessen lief zu Karp hin und faßte ihn von hinten bei den Armen.
»Befehlen Sie, unsere Leute vom Berg herzurufen?« rief er.
Alpatytsch wandte sich an die Bauern und rief zwei von ihnen mit Namen auf, mit dem Auftrag, Karp zu binden. Die Bauern traten gehorsam aus dem Haufen heraus und banden ihre Gürtel ab.
»Wo ist der Dorfschulze?« rief Rostow.
Dron trat mit finsterem, blassem Gesicht aus dem Haufen heraus.
»Du bist der Dorfschulze? Binde ihn, Lawrenti!« rief Rostow, als ob auch dieser Befehl auf kein Hindernis stoßen könnte.