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Taran und der Zauberkessel

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Taran und der Zauberkessel
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Taran versuchte, die Fesseln zu sprengen, er schaffte es nicht. Mutlos ließ er den Kopf zurückfallen. Fflewddur seufzte bekümmert auf und erklärte: „Das hätte ich in den Marschen von Morva wissen sollen! Orddu hätte mich auf der Stelle in eine Kröte verwandeln müssen – das wäre auf jeden Fall besser gewesen als dies hier.“

„Noch sind wir am Leben“, sagte der Junge. „Irgendwie müssen wir einen Ausweg finden. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben!“

„Ganz deiner Meinung“, pflichtete ihm der Barde bei. „Nur schade, daß es auf unsere Hoffnung nicht ankommt. Na, wenn schon! Ein echter Fflam läßt den Mut nie sinken! Bevor ich nicht im Crochan stecke, werde ich weiterhoffen.“

Gurgi und Ellidyr lagen ohne Besinnung da. Eilonwy hatte nicht aufgehört, wütend an ihrem Knebel zu kauen. Endlich glückte es ihr, ihn auszuspucken. „Dieser Morgant!“ keuchte sie. „Wenn ich auch am Ersticken war und nicht mitreden konnte: zugehört habe ich trotzdem. Hoffentlich macht er den Fehler und läßt mich als erste in den Crochan werfen – dann erlebt er was! Ich verspreche euch, daß es ihn reuen soll, jemals daran gedacht zu haben, sich eigene Kesselkrieger zu sieden!“ Taran blickte sie traurig an. „Bevor man uns in den Kessel wirft, wird man uns töten. Deshalb gibt es nur einen Ausweg. Niemand von euch soll um meinetwillen das Leben lassen.“ „Wie sollen wir das verstehen?“ fragte das Mädchen.

„Ganz einfach“, erklärte Taran. „Ich werde auf Morgants Angebot eingehen.“

„Das kann nicht dein Ernst sein!“ rief Eilonwy. „Willst du, daß ich mich für dich schämen muß? Sag, daß es nicht dein Ernst ist!“

„Ich werde ihm schwören, was er verlangt“, sagte Taran finster. „Mein Wort kann er haben; aber ich werde es brechen, sobald wir in Freiheit sind. Niemand braucht einen Schwur zu halten, zu dem man ihn um den Preis seines Lebens gezwungen hat.“

„O Taran!“ entgegnete Eilonwy heftig. „Hat man dir bei der Gefangennahme eins auf den Kopf gehauen? Du glaubst doch nicht etwa, daß Morgant dich wieder freigibt! Wenn du dich mit ihm einläßt, bist du verloren. Dann sorgt er dafür, daß du nie mehr loskommst von ihm – und ich fürchte, dann wird zwischen deinem Los und dem Los eines Kesselkriegers kein großer Unterschied sein!“

Taran blieb eine Weile still.

„Du magst recht haben“, sagte er schließlich. „Aber was könnten wir sonst tun?“

„Zuerst einmal müssen wir hier heraus“, meinte Eilonwy. „Ob wir es schaffen, uns gegenseitig die Fesseln zu lösen? Laß uns wenigstens den Versuch machen!“ Taran und Eilonwy schoben sich aufeinander zu, bis sie Rücken an Rücken lagen. Die Riemen an ihren Händen und Füßen ließen sich weder lockern noch aufknoten. Trotzdem setzten sie ihre Versuche fort, bis die Nacht hereinbrach. Der Schlaf übermannte sie; aber sie wurden von quälenden Träumen heimgesucht, aus denen sie alle Augenblicke emporschreckten. Draußen im Lager herrschte die ganze Nacht hindurch Unruhe. Waffen klirrten und Rosse stampften. Dann und wann ließ sich Morgant vernehmen, wenn er mit schneidender Stimme seine Befehle gab. Als der Morgen graute, kroch Taran zum Eingang des Zeltes. Sich auf die Seite wälzend, versuchte er, unter dem Vorhang hinauszuspähen.

Nebel war auf die Lichtung herabgesunken. Schattenhafte Gestalten eilten im Zwielicht umher: Morgants Krieger, die sich zum Aufbruch rüsteten. Irgendwo hin ter den Zelten begann ein Pferd zu wiehern, einsam und klagend. „Islimach?“ dachte Taran. Dann tauchte, mit gierig geöffnetem Maul, der Crochan aus dem Nebel auf. Taran wandte sich den Gefährten zu. Fflewddur war bleich im Gesicht. Schmerz und Erschöpfung schienen ihn halb betäubt zu haben.

„Was denn?“ fragte er ächzend. „Schon Zeit zum Abschied?“

„Noch nicht“, sagte Taran. „Aber ich fürchte, daß Morgant bald kommen wird. Geht es Gurgi ein wenig besser?“ Eilonwy hob den Kopf. „Der arme Kerl ist noch ohne Bewußtsein. Vielleicht ist es so am besten für ihn.“ Nun bewegte sich Ellidyr, langsam schlug er die Augen auf, kehrte das blutverschmierte Gesicht dem Jungen zu, musterte ihn eine Weile wie einen Fremden. Dann schien er ihn zu erkennen und rang sich ein bitteres Grinsen ab.

„Du bist es, Taran von Caer Dallben? Ich muß sagen, das Wiedersehen mit dir überrascht mich.“ „Es wird nicht von Dauer sein“, meinte Taran. Ellidyr zuckte die Achseln. „Ich wünschte, ich könnte das Böse, das ihr durch mich erlitten habt, wiedergutmachen!“

„Dächtest du ebenso, wenn der Crochan noch in deiner Hand wäre?“ fragte Taran. Ellidyr zögerte einen Augenblick. „Um die Wahrheit zu sagen – ich weiß es nicht. Aber du darfst gewiß sein: Ich habe den Kessel aus Stolz geraubt – und nicht, um ihn zu mißbrauchen. Ich wollte ihn Gwydion übergeben; das war meine feste Absicht, auch wenn du es mir nicht glauben wirst.“

Taran nickte. „Ich glaube dir, Sohn des Pen-Llarcau – mehr vielleicht, als du dir selber glaubst.“ Ein Windstoß fuhr über die Lichtung und rüttelte an den Zelten. Der Vorhang bauschte sich wie ein Segel, er gab den Blick auf das Lager frei:

Draußen hatten sich Morgants Krieger in weitem Halbrund um den Crochan geschart.

Die Entscheidung

„Ellidyr?“ fragte Taran. „Hast du die Kraft, deine Fesseln zu sprengen und uns zu befreien?“ Ellidyr rollte sich auf die Seite. Er krümmte und streckte sich, daß die Riemen knirschten – aber sie rissen nicht. „Die Kräfte verlassen mich“, stieß er ächzend hervor. „Ich fürchte, ich bin auf den Tod verwundet, ich kann nicht mehr.“

Der Vorhang bauschte sich abermals. Gleich darauf spürte Taran, daß jemand ihn packte und unsanft herumdrehte. Unwillkürlich suchte er sich zu wehren. „Hör auf, dich zu sträuben, Dummkopf!“ zischte ihm jemand ins Ohr. Taran glaubte, nicht recht zu hören. „Doli! Bist du es?“

„Wer sonst?“ knurrte Doli. „Du sollst dich nicht sträuben, hörst du! Wie kann man nur solche festen Knoten machen? Wer sie geknüpft hat, dem wünschte ich, daß er sie um den Hals hätte!“

Taran merkte, wie Doli an seinen Fesseln zog. „Woher kommst du?“ wollte er wissen.

„Spar dir die überflüssigen Fragen!“ raunzte der Zwerg. Er stemmte dem Jungen das Knie in den Rücken, um besser zupacken zu können. „Zu dumm, daß ich meine Axt nicht mehr habe, dann wäre dies alles ein Kinderspiel. Oh, meine Ohren! Ich glaube, in meinem Schädel schwirrt es nur so von Hornissen!“ Plötzlich fielen die Fesseln von Tarans Handgelenken. Der Junge setzte sich auf; unverzüglich begann er, die Riemen an seinen Beinen aufzuknoten. Doli wandte nun seine Hilfe dem Barden zu, wobei er sich wieder sichtbar machte. Es zeigte sich, daß er über und über mit Lehm verkrustet war. Seine Ohren hatten sich tiefblau verfärbt.

„Mir reicht es!“ rief er. „Ich habe vom Unsichtbarsein die Nase voll! Diese Hummeln in meinem armen Kopf, diese Wespenschwärme!“

„Ein Glück, daß du uns gefunden hast“, meinte Eilonwy, während der Zwerg ihr die Fesseln abnahm. „Ich habe nicht euch gefunden“, erwiderte Doli. „Ellidyr war es, auf den ich zuerst gestoßen bin. Ich hatte die Häscher abgeschüttelt und wollte nach Caer Cadarn, um bei Gwydion Hilfe zu holen: Da sah ich, wie Ellidyr über die Heide kam. Er führte den Kessel und eure Pferde mit. das gab mir zu denken. Ich machte mich unsichtbar und beschloß, ihm zu folgen. Da fiel er in Morgants Hände. Sobald ich das schmutzige Spiel durchschaut hatte, zog ich los. um nach euch zu suchen. Wäre mein Pony, das elende Biest, mir nicht weggelaufen – ich hätte euch rechtzeitig warnen und euch außer Gefahr bringen können!“

Er kniete nieder und band nun auch Gurgi los, der allmählich wieder zu sich kam. Aber als Ellidyr an der Reihe war, zögerte Doli und meinte: „Den sollten wir lieber gefesselt lassen, finde ich. Sicher ist sicher. Bedenkt, was er auf dem Kerbholz hat.“

Ellidyr hob den Kopf. Taran verstand seinen Blick und forderte Doli auf, auch ihn zu befreien. Doli schien wenig erbaut davon. Taran mußte die Aufforderung wiederholen, dann erst machte der Zwerg sich ans Werk.

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