Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
- Автор: Энде Михаэль Андреас Гельмут
- Год: 1960
- Язык: немецкий
- Жанр: Сказки народов мира
Электронная книга - «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer». Краткое содержание книги:
Als der Riese sah, wie der Mann und der kleine Junge aus der Lokomotive ausstiegen und winkend auf ihn zukamen, wurde ihm klar, daß er wirklich unbesorgt sein durfte. Sein unglückliches Gesicht hellte sich auf.
„Also, Freunde", rief er mit seiner dünnen Stimme, „dann komme ich jetzt!"
Und damit setzte er sich in Bewegung und schritt auf Jim und Lukas zu. Aber was nun geschah, war so erstaunlich, daß Jim Mund und Nase aufsperrte und Lukas an seiner Pfeife zu ziehen vergaß.
Der Riese kam Schritt für Schritt näher, und bei jedem Schritt wurde er ein Stückchen kleiner. Als er etwa noch hundert Meter entfernt war, schien er nicht mehr viel größer zu sein als ein hoher Kirchturm. Nach weiteren fünfzig Metern hatte er nur noch die Höhe eines Hauses. Und als er schließlich bei Emma anlangte, war er genauso groß wie Lukas der Lokomotivführer. Er war sogar fast einen halben Kopf kleiner. Vor den beiden staunenden Freunden stand ein magerer alter Mann mit einem feinen und gütigen Gesicht.
„Guten Tag!" sagte er und nahm seinen Strohhut ab. „Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll, daß ihr nicht vor mir weggelaufen seid. Seit vielen Jahren schon sehne ich mich danach, daß einmal jemand so viel Mut aufbringen würde. Aber niemand hat mich bis jetzt näherkommen lassen. Dabei sehe ich doch nur von ferne so schrecklich groß aus. Ach, übrigens - ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen: Mein Name ist Tur Tur. Mit Vornamen heiße ich Tur und mit Nachnamen auch Tur."
„Guten Tag, Herr Tur Tur", antwortete Lukas höflich und nahm seine Mütze ab, „mein Name ist Lukas der Lokomotivführer." Er ließ sich seine Verwunderung kein bißchen anmerken und tat, als sei die sonderbare Begegnung ganz selbstverständlich. Lukas war eben wirklich ein Mann, der wußte, was sich gehört!
Nun raffte sich auch Jim auf, der Herrn Tur Tur noch immer mit offenem Mund angestarrt hatte und sagte: „Ich heiße Jim Knopf."
„Ich freue mich wirklich ungemein", sagte Herr Tur Tur, diesmal zu, Jim gewendet. „Vor allem darüber, daß ein so junger Mann wie Sie, mein lieber Herr Knopf, schon so außergewöhnlich beherzt ist. Sie haben mir einen bedeutenden Dienst erwiesen."
„Oh… ach… ich… eigentlich…" stotterte Jim und errötete unter seiner schwarzen Haut bis an beide Ohren. Er schämte sich plötzlich ganz gewaltig, denn in Wahrheit war er ja durchaus nicht mutig gewesen. Und im stillen nahm er sich vor, nie wieder vor irgend etwas oder irgendwem Angst zu haben, bevor er ihn oder es nicht aus der Nähe betrachtet hätte. Man konnte ja nie wissen, ob es nicht so ähnlich war wie mit Herrn Tur Tur. Er gab sich in Gedanken selbst das Ehrenwort, immer daran zu denken.
„Wissen Sie", sagte Herr Tur Tur jetzt wieder zu Lukas, „in Wirklichkeit bin ich nämlich gar kein Riese. Ich bin nur ein Scheinriese. Aber das ist eben das Unglück. Deshalb bin ich so einsam."
„Das müssen Sie uns näher erklären, Herr Tur Tur", entgegnete Lukas. „Sie sind nämlich der erste Scheinriese, dem wir begegnen, müssen Sie wissen."
„Ich will es Ihnen gern erklären, so gut ich kann", versicherte Herr Tur Tur. „Aber nicht hier. Darf ich mir erlauben, meine Herren, Sie in meine bescheidene Hütte zu Gast zu laden?"
„Wohnen Sie denn hier?" fragte Lukas erstaunt. „Mitten in der Wüste?"
„Allerdings", antwortete Herr Tur Tur lächelnd, „ich wohne mitten im ‚Ende der Welt'. Nämlich bei der Oase."
„Was is' eine Oase?" fragte Jim vorsichtig. Er befürchtete schon wieder irgendeine Überraschung.
„Oase", erklärte Herr Tur Tur, „nennt man eine Quelle oder eine andere Wasserstelle in der Wüste. Ich werde Sie hinführen."
Aber Lukas wollte lieber mit Emma fahren. Schon damit Emma bei der Gelegenheit neues Wasser tanken konnte. Es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis Lukas und Jim den ängstlichen Scheinriesen davon überzeugt hatten, daß es ganz ungefährlich sei, mit einer Lokomotive zu fahren. Schließlich stiegen alle drei auf und dampften los.
SIEBZEHNTES KAPITEL
in dem der Scheinriese seine Eigenart erklärt und sich dankbar erweist
Herrn Tur Turs Oase bestand aus einem klaren, kleinen Teich, in dessen Mitte eine Quelle wie ein Springbrunnen plätscherte. Rundherum wuchs frisches saftiges Gras, und mehrere Palmen und Obstbäume hoben ihre Wipfel in den Wüstenhimmel. Unter diesen Bäumen lag ein niedriges blitzsauberes weißes Häuschen mit grünen Fensterläden. In einem kleinen Garten vor der Haustür zog der Scheinriese sogar Blumen und Gemüse.
Lukas, Jim und Herr Tur Tur setzten sich in der Stube um den runden Holztisch und aßen zu Abend. Es gab verschiedene leckere Gemüsesorten und zum Nachtisch einen herrlichen Obstsalat.
Herr Tur Tur war nämlich ein Vegetarier. So nennt man Leute, die niemals Fleisch essen. Herr Tur Tur war ein großer Tierfreund, und deshalb mochte er keine Tiere töten und aufessen. Daß die Tiere trotzdem vor ihm flohen, weil er eben ein Scheinriese war, das stimmte ihn oft sehr traurig.
Während die drei friedlich um den Tisch saßen, stand die alte Emma draußen neben dem Springbrunnen. Lukas hatte die Kuppel hinter ihrem Schornstein aufgeklappt und nun ließ sie behaglich das frische Wasser in ihren Kessel hineinplätschern. Sie war ziemlich durstig von der großen Hitze des Tages.
Nach dem Essen zündete sich Lukas seine Pfeife an, lehnte sich zurück und sagte:
„Danke für die gute Mahlzeit, Herr Tur Tur. Aber nun bin ich gespannt auf Ihre Geschichte."
„Ja", drängte Jim, „erzählen Sie doch bitte!"
„Nun", meinte Herr Tur Tur, „da ist eigentlich nicht viel zu erzählen. Eine Menge Menschen haben doch irgendwelche besonderen Eigenschaften. Herr Knopf zum Beispiel hat eine schwarze Haut. So ist er von Natur aus, und dabei ist weiter nichts Seltsames, nicht wahr? Warum soll man nicht schwarz sein? Aber so denken leider die meisten Leute nicht. Wenn sie selber zum Beispiel weiß sind, dann sind sie überzeugt, nur ihre Farbe wäre richtig, und haben etwas dagegen, wenn jemand schwarz ist. So unvernünftig sind die Menschen bedauerlicherweise oft."
„Und dabei", warf Jim ein,,,is' es doch manchmal sehr praktisch, eine schwarze Haut zu haben, zum Beispiel für Lokomotivführer."
Herr Tur Tur nickte ernst und fuhr fort:
„Sehen Sie, meine Freunde: Wenn einer von Ihnen jetzt aufstände und wegginge, würde er doch immer kleiner und kleiner werden, bis er am Horizont schließlich nur noch wie ein Punkt aussähe. Wenn er dann wieder zurückkäme, würde er langsam immer größer werden, bis er zuletzt in seiner wirklichen Größe vor uns stünde. Sie werden aber zugeben, daß der Betreffende dabei in Wirklichkeit immer gleich groß bleibt. Es scheint nur so, als ob er erst immer kleiner und dann wieder größer würde."
„Richtig!" sagte Lukas.
„Nun", erklärte Herr Tur Tur, „bei mir ist das einfach umgekehrt. Das ist alles. Je weiter ich entfernt bin, desto größer sehe ich aus. Und je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt."
„Sie meinen", fragte Lukas, „Sie werden gar nicht wirklich kleiner, wenn Sie näher kommen? Und Sie sind auch nicht wirklich so riesengroß, wenn Sie weit entfernt sind, sondern es sieht nur so aus?"
„Sehr richtig", antwortete Herr Tur Tur. „Deshalb sagte ich, ich bin ein Scheinriese. Genauso, wie man die anderen Menschen Scheinzwerge nennen könnte, weil sie ja von weitem wie Zwerge aussehen, obwohl sie es gar nicht sind."