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Percy Jackson 05 - Die Letzte Gottin

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Percy Jackson 05 - Die Letzte Gottin
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Ich stellte mir ein Seil vor, ein Bungeeseil, das die Stelle an meinem Rücken mit der Welt verband. Und dann stieg ich in den Fluss.

Stellt euch vor, ihr springt in einen See voller kochender Säure und multipliziert diesen Schmerz mit fünfzig. Dann habt ihr noch immer nur eine ganz vage Vorstellung davon, wie sich so ein Bad im Styx anfühlt. Ich wollte langsam und mutig hineinschreiten, wie ein wahrer Held. Aber sowie das Wasser meine Beine berührte, wurden meine Muskeln zu Wackelpudding und ich fiel kopfüber in die Strömung.

Ich tauchte ganz und gar unter. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich unter Wasser nicht schwimmen. Endlich begriff ich die Panik, die beim Ertrinken ausgelöst wird. Jeder Nerv in meinem Körper brannte. Ich sah Gesichter – Rachel, Grover, Tyson, meine Mutter –, aber sie verschwanden wieder, kaum dass sie aufgetaucht waren.

»Percy«, sagte meine Mom. »Ich gebe dir meinen Segen.«

»Pass auf dich auf, Bruder!«, bat Tyson.

»Enchiladas«, sagte Grover. Ich war nicht sicher, was das heißen sollte, aber eine große Hilfe schien es nicht zu sein.

Ich hatte den Kampf schon fast verloren. Es tat einfach zu weh. Meine Hände und meine Füße schmolzen im Wasser, meine Seele wurde aus meinem Körper gerissen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Die Schmerzen, die Kronos’ Sense verursachte, waren nichts im Vergleich zu dem hier.

Das Seil, sagte eine vertraute Stimme. Denk an deine Rettungsleine, du Blödmann!

Plötzlich wurde an meinem Kreuz gerissen. Die Strömung zog an mir, trug mich aber nicht mehr mit sich. Ich stellte mir vor, wie das Seil in meinem Rücken mich am Ufer verankerte.

»Durchhalten, Algenhirn.« Es war Annabeths Stimme, und jetzt war sie viel klarer. »So leicht entkommst du mir nicht.«

Das Seil wurde stärker.

Jetzt konnte ich Annabeth sehen – sie stand barfuß über mir auf dem Steg des Kanusees. Ich war aus meinem Kanu gefallen. Das war es. Sie streckte die Hand aus, um mich hochzuziehen, und versuchte, nicht zu lachen. Sie trug ihr oranges Camp-T-Shirt und Jeans und hatte die Haare unter ihre Yankees-Mütze gesteckt – das war allerdings seltsam, denn dann musste sie doch unsichtbar sein.

»Was bist du manchmal für ein Idiot«. Sie lächelte. »Na los. Nimm meine Hand.«

Erinnerungen strömten auf mich ein – schärfer und bunter. Ich hörte auf, mich aufzulösen. Ich hieß Percy Jackson. Ich griff nach Annabeths Hand.

Plötzlich war ich nicht mehr im Wasser. Ich fiel in den Sand und Nico fuhr verdutzt zurück.

»Geht es dir gut?«, stammelte er. »Deine Haut. Bei den Göttern! Du bist verletzt!«

Meine Arme waren leuchtend rot und ich hatte das Gefühl, dass jeder Zentimeter meines Körpers auf kleiner Flamme gekocht worden war.

Ich hielt Ausschau nach Annabeth, obwohl ich wusste, dass sie nicht da war. Es war mir so wirklich vorgekommen.

»Mir geht’s gut … glaube ich.« Meine Haut nahm wieder ihre normale Farbe an. Der Schmerz ließ nach. Mrs O’Leary kam angelaufen und beschnüffelte mich hingebungsvoll. Offenbar roch ich überaus interessant.

»Fühlst du dich stärker?«, fragte Nico.

Noch ehe ich entscheiden konnte, wie ich mich fühlte, dröhnte eine Stimme: »DA!«

Eine Armee aus Toten marschierte auf uns zu. Hundert römische Skelettlegionäre mit Schilden und Speeren führten sie an. Hinter ihnen folgten ebenso viele britische Rotröcke mit aufgepflanzten Bajonetten. In der Mitte des Heeres fuhr Hades in einem schwarz-goldenen Wagen, gezogen von Albtraumpferden, deren Augen und Mähnen glühend schwelten.

»Diesmal entkommst du mir nicht, Percy Jackson!«, brüllte Hades. »Vernichtet ihn!«

»Vater, nein!«, schrie Nico, aber es war zu spät. Die erste Reihe römischer Zombies senkte die Speere und rückte vor.

Mrs O’Leary knurrte und machte sich sprungbereit, und vielleicht gab das für mich den Ausschlag. Ich wollte nicht, dass sie meinen Hund verletzten. Und ich hatte es satt, wie Hades hier herumprotzte. Wenn ich schon sterben musste, dann doch lieber im Kampf.

Ich stieß einen Schrei aus und der Styx explodierte. Eine schwarze Flutwelle ergoss sich über die Legionäre. Speere und Schilde flogen überall herum. Römische Zombies lösten sich auf und Rauch quoll aus ihren Bronzehelmen.

Die Rotröcke senkten die Bajonette, aber ich wartete nicht auf sie. Ich griff an.

Es war das Blödeste, was ich je getan habe. Hundert Musketen wurden auf mich abgeschossen. Alle verfehlten mich. Ich brach in ihre Reihe ein und hackte mit Springflut um mich. Bajonette stachen zu, Schwerter hieben drauflos. Gewehre wurden abermals geladen und abgefeuert. Nichts davon konnte mir etwas anhaben.

Ich wirbelte durch die Reihen der Feinde und ließ einen Rotrock nach dem anderen zu Staub zerfallen. Meine Gedanken schalteten auf Autopilot um: stechen, ducken, hacken, abwehren, wegwälzen. Springflut war kein Schwert mehr. Es war ein Lichtbogen aus reiner Zerstörung.

Ich durchbrach die feindlichen Linien und sprang auf den schwarzen Wagen. Hades hob seinen Stab. Ein Blitz aus düsterer Energie schoss mir entgegen, aber ich wehrte ihn mit der Klinge ab und warf mich auf Hades. Der Gott und ich kippten beide aus dem Wagen.

Als Nächstes merkte ich, dass mein Knie sich in Hades’ Brust bohrte. Ich hatte den Kragen seines Königsgewandes mit der Faust gepackt und meine Schwertspitze zielte auf sein Gesicht.

Stille. Die Armee unternahm keinen Versuch, ihren Herrn zu retten. Ich schaute mich um und begriff den Grund: Von der Armee war nichts mehr übrig, außer Waffen im Sand und Haufen aus rauchenden leeren Uniformen. Ich hatte sie alle vernichtet.

Hades schluckte. »Also, Jackson, hör mal …«

Er war unsterblich. Ich würde ihn niemals töten können, aber Götter können verwundet werden. Das wusste ich aus eigener Erfahrung und ging davon aus, dass ein Schwert im Gesicht kein angenehmes Gefühl sein würde.

»Nur weil ich so ein netter Kerl bin«, fauchte ich, »lass ich dich laufen. Aber erzähl mir erst von dieser Falle.«

Hades löste sich in nichts auf und ich hielt leere schwarze Gewänder in der Hand.

Ich fluchte und kam keuchend auf die Füße. Jetzt, wo die Gefahr vorüber war, merkte ich erst, wie erschöpft ich war. Jeder Muskel in meinem Körper schmerzte. Ich schaute an mir herunter. Meine Kleider waren in Fetzen geschnitten und voller Einschusslöcher, aber ich war unversehrt. Es war nicht eine Schramme zu sehen.

Nico klappte den Kiefer herunter. »Du hast einfach … nur mit einem Schwert … ganz einfach …«

»Ich glaube, die Sache mit dem Fluss hat gewirkt«, sagte ich.

»Ach nein«, sagte er sarkastisch. »Glaubst du wirklich?«

Mrs O’Leary bellte glücklich und wedelte mit dem Schwanz. Sie sprang umher, schnüffelte an leeren Uniformen und machte Jagd auf Knochen. Ich hob Hades’ Gewänder hoch. Im Gewebe konnte ich noch immer die gequälten Gesichter ahnen.

Ich ging zum Ufer. »Seid frei.«

Ich warf das Gewand ins Wasser und sah zu, wie es davontrieb und sich in der Strömung auflöste.

»Geh zurück zu deinem Vater«, sagte ich zu Nico. »Sag ihm, dass er mir einen Gefallen schuldet, weil ich ihn verschont habe. Finde heraus, was mit dem Olymp passieren soll, und überrede ihn zu helfen.«

Nico starrte mich an. »Ich … ich kann nicht. Jetzt wird er mich hassen. Ich meine … noch mehr.«

»Du musst«, sagte ich. »Du stehst auch in meiner Schuld.«

Seine Augen wurden rot. »Percy, ich hab doch gesagt, dass es mir leidtut. Bitte … lass mich mit dir kommen. Ich will kämpfen.«

»Hier unten bist du von größerem Nutzen.«

»Du meinst, du hast kein Vertrauen mehr zu mir«, sagte er verzweifelt.

Ich gab keine Antwort. Ich wusste nicht, was ich meinte. Ich war zu überwältigt davon, was ich eben in der Schlacht geleistet hatte, um klar denken zu können.

»Geh du zurück zu deinem Vater«, sagte ich und versuchte, nicht zu hart zu klingen. »Bearbeite ihn. Du bist der Einzige, dem er vielleicht zuhört.«

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