Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
»Ist Euch nicht wohl, Herr?« fragte Kepler.
»Es ist nicht zu ertragen, das Lärmen unten auf der Gasse«, erklärte der junge Edelmann mit einer Stimme, die jetzt nicht mehr klagend, sondern eher zornig klang. »Laßt Euch, Herr, meine Kühnheit nicht mißfallen, aber ich
kann es nicht verstehen, daß Ihr es bei solchem Lärm zuwege bringt, in Euern Büchern zu lesen und Eure Gedanken zu sammeln und zu ordnen.«
»Das Lärmen? Ich mein', es ist recht still jetzt unten in der Gasse«, sagte Kepler. »Der Nagelschmied hat Feierabend gemacht und die Soldaten in der Schenke, die beginnen erst spät am Abend mit ihrem Singen, Fluchen, Poltern und Streiten.«
»Ich red' auch nicht von den Soldaten, deren Lärmen bin ich gewohnt«, bedeutete ihm der junge Edelmann. »Von dem gottlosen Geschrei der Frösche red' ich, es müssen ihrer unten mehr als hundert beisammen sein, — hört der Herr es nicht?«
»Ich höre es und höre es nicht«, erwiderte Kepler. »Von den Fällen des Nils wird erzählt, daß ihr Brausen und Toben die umwohnenden Menschen taub gemacht hat. Ich mein' aber, die Sache ist anders: Sie sind des Lärms gewohnt, achten seiner nicht. Und so acht' ich des Geschrei's der Frösche nicht, will's auch nicht gottlos nennen, denn wie alle Kreatur erheben auch sie ihre Stimme zu Gottes Ruhm.«
»Wenn ich der Herrgott war', wüßt' ich mir einen besseren Ruhm, würde mich nicht von den Fröschen molestieren lassen«, sagte der junge Edelmann verdrossen. »Kann den Lärm nun einmal nicht ertragen, mag keines Tieres Stimme hören, sei es Hund, Katze, Esel oder Geiß, es macht mir Pein. — Nun aber zum Zweck!« fuhr er in verändertem Ton fort. »Hora ruit, es läuft die Stunde, ich will dem Herrn seine Zeit nicht nehmen.«
»So soll ich Euch die Nativität stellen?« fragte Johannes
Kepler.
»Nein, für diesmal nicht, ich bin dem Herrn sehr obli
giert, aber nicht der Nativität halber bin ich gekommen«,
erklärte der junge Edelmann. »Ich hab' an den Herrn nur
eine einzige kurze Frage zu richten: Hat morgen in der
Nacht der feuertobende Mars die Herrschaft im Bereich
des Wagens?«
»Ist es weiter nichts? Dann kann ich Euch sogleich mit
Antwort dienen«, meinte Kepler. »Nein, nicht der Mars,
sondern die Venus steht oder herrscht morgen in der Nacht
im Bereich des Wagens. Der Mars aber, den Ihr den Feuertobenden nennt, ist auf dem Weg in den Bereich des Skorpions.«
»Ist es möglich?« rief auf das äußerste betroffen der junge Edelmann. »Die Venus? Nicht der Mars? Die Venus? Es
kann nicht sein. Der Herr muß sich irren.«
»Nein, ich irre mich nicht«, versicherte ihm Kepler. »Die
Venus, nicht der Mars. Ihr könnt' dessen gewiß sein.« Eine Weile stand der junge Edelmann schweigend, in
Gedanken versunken. Dann begann er, mehr zu sich selbst
als zu Johannes Kepler, wiederum zu sprechen.
»So ist die Sache verspielt, ehe sie noch begonnen hat«,
sagte, er. »Und dennoch«, fuhr er nach kurzer Überlegung fort, »muß sie unternommen werden. Errare humanuni,
und dann, es hängt zviel an ihrem Gelingen.«
Wiederum schwieg er. Er sah den Kepler an, als habe er
noch eine Frage auf den Lippen. Doch er sprach sie nicht
aus. Er zuckte die Achseln, und eine Bewegung seiner
Hand schien sagen zu wollen, er müsse nun allein mit seiner Sache fertig werden. Er wandte sich zum Gehen. Unten im Torweg erwies er dem Kepler mit Hutschwenken und Sichverneigen seine Reverenz.
»Ich bin dem Herrn für seine Güte sehr verbunden, sehr
bald, am übernächsten Tag, denk' ich, wird der Herr von
mir hören. Wenn der Herr recht behält und die Sache miß
lingt, — nun gut, so hab' ich noch den Ring, den ich aus dem
Türkenkrieg als rare Beute davongebracht hab'. Will sehen, was ich auf ihn zuwege bring'. Bis dahin bin ich des
Herrn treugehorsamer Diener.«
Er schwenkte nochmals seinen Hut, und dann ging er
die steile Gasse hinauf und an dem Bretterzaun vorbei,
hinter dem die Frösche, als täten sie es ihm zu Trotz, ihre
Stimme noch lauter als zuvor erhoben.
In einem Haus in der Jakobsgasse, nicht weit vom Altstädter Ring, lebte um diese Zeit ein alter Mann mit Namen Barvitius, der war einstmals ein großer Herr im Königreich und zuletzt sogar Geheimer Rat gewesen, war aber aus dem Dienst entlassen worden, weil er bei des Kaisers Kammerdiener, dem Philipp Lang, in Ungnade gefallen war. Auch hatte er sein Geld und Gut teils am Spieltisch gelassen, teils in mißglückten Handelsgesellschaften verspekuliert, und so hätte er, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, seine alten Tage in Armut und Dürftigkeit verbringen müssen. Und doch lebte er so, wie er immer zu leben gewohnt gewesen war. Er lud Gäste zu sich, hielt sich Dienerschaft, auch Pferde und Wagen, - obwohl er es meist vorzog, um seiner Gesundheit willen, wie er sagte, zu Fuß zu gehen, - war in vielen adeligen Häusern am Spieltisch anzutreffen, hielt auf gute Küche und exquisite Weine, — kurzum, er versagte sich nichts.
Es ging eben bei ihm nicht mit rechten Dingen zu. Wer ihn an Sonn- und Feiertagen, auf seinen Krückstock gestützt, in die Heiligen-Geist- oder in die Teinkirche zur Predigt gehen sah, der wäre nicht auf den Gedanken gekommen, daß dieser respektabel, ja ehrwürdig aussehende alte Mann das Haupt einer Diebsbande war.
Die meisten von denen, die der Barvitius um sich geschart hatte und zum Diebsgeschäftverwendete, waren von Grund aus verderbte und verlotterte Burschen von dunkler Herkunft, Kerle, die für einen halben Gulden Gott und seine Heiligen verkauft hätten, — das wahre Galgenfutter. Es gab aber auch Söhne ehrbarer Bürger in der Bande, die auf Ab wege geraten waren, weil sie ehrliche Arbeit scheuten wie der Teufel den Weihkessel, hingegen zu jedem liederlichen Streich, der ihnen Geld einbrachte, und wenn es nicht anders ging, auch zu einem Messerstich bereit waren. Unter ihnen war einer, der Georg Leitnizer, Sohn eines Goldwirkers vom Kleinen Bing und gewesener Student, der seiner leidlich guten Manieren und seines beweglichen Verstandes wegen das besondere Vertrauen des Barvitius genoß. Diesen Georg Leitnizer ließ der Barvitius fast alle Tage zu sich kommen, während ihn die anderen nur bei seltenen Gelegenheiten und auch dann nur des Nachts, bei Kerzenlicht, und wenn er sich das Gesicht vermummt oder sonstwie unkenntlich gemacht hatte, zu sehen bekamen.
Alle aber waren sie dem Barvitius in blindem Gehorsam ergeben. Sie wußten, daß sie ohne ihn nichts vermochten. Er spähte die Gelegenheiten aus. Er entwarf unter Bedachtnahme auf alle Umstände, die etwa eintreten konnten, die Pläne. Und er traf seine Vorbereitungen mit solcher Umsicht, daß ihm nur selten ein Anschlag mißglückte. An einem Tag im November, es war noch früh am Morgen, kam der Leitnizer wieder zum Barvitius. Er traf ihn daheim an, wie er mit sich selbst Karten spielte, bald auf diese, bald auf jene Karte einen Gulden oder zwei setzte und unbändig fluchte, wenn er verlor. Das gefiel dem Leitnizer nicht. Denn der Barvitius vertrieb sich meist dann auf solche Art die Zeit, wenn er in übler Laune war, wenn er bei einer Sache, die er betrieb, auf unvorhergesehene und schwer zu überwindende Schwierigkeiten gestoßen war und bisweilen auch wenn ihn die Gicht plagte, denn die machte ihm viel zu schaffen.