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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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Die Art, wie der Barvitius ihn empfing, deutete auf die allerübelste Laune hin.

»Bist du wieder da?« schnaubte er ihn an. »Hab' ich dich kommen heißen? Kannst du mich nicht einen Tag lang in Frieden lassen?«

»Es regnet. Ich hab' mir kalte Füße geholt«, sagte der Leitnizer. Er setzte sich an den Kamin, zog die Schuhe aus, streckte die Beine von sich und tat so, als wäre er nur gekommen, um sich an des Barvitius' Feuer die Füße zu wärmen.

Der Barvitius fuhr fort zu spielen, zu fluchen, die Gulden von einer Karte auf die andere zu schieben, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, die Karten durcheinander zu werfen und sie wieder aufzulegen, — den Leitnizer beachtete er nicht. Dann, nach einer Viertelstunde etwa, schob er die Karten beiseite, strich das Geld, das gewonnene wie das verlorene, ein und nannte sich einen Stümper, der am Kartentisch immer, wie er es auch anfinge, den anderen einen Narren abgeben müsse. Dann wandte er sich mit einem Ausdruck im Gesicht, als wäre er überrascht, aber nicht unzufrieden, ihn hier zusehen, dem Leitnizer zu.

»Es ist gut, daß du da bist, Georg, ich hab' mit dir zu reden«, sagte er, und der Leitnizer stand auf, schlüpfte in seine Schuhe und trat an den Tisch. »Ich will es dir nicht länger verhehlen, Georg, du sollst es wissen: Die Dinge laufen nicht gut.«

»Das ist wahr«, bestätigte der Leitnizer, und dabei blickte er auf seine Schuhe, ob sie schon trocken seien. »Wir haben in den letzten Wochen, wie man so sagt, mehr Licht verbrannt als Geld verdient.«

»Es ist nicht das«, bedeutete ihm der Barvitius. »Wenn es nur das wäre! Hör zu, Georg, aber sag es den anderen nicht, behalt es bei dir. Einer von meinen guten Freunden dort oben«, er wies mit dem Daumen über seine rechte Schulter, und der Leitnizer verstand, daß mit dem »dort oben« die Prager Burg gemeint war, »einer von denen, die es redlich mit mir meinen, hat mich vor kurzem, bevor wir uns an den Spieltisch setzten, beiseite gezogen, hat vom Philipp Lang zu sprechen begonnen und hin und her geredet, wie gefährlich es sei, den Lang zum Feind zu haben, und daß er seine Hände in allen Sachen hätte, und daß der Stadthauptmann just eben jetzt so überaus geschäftig sei, — und dann, als wir am Spieltisch saßen, hat er davon geredet, wie sehr zu empfehlen und der Gesundheit förderlich das Reisen sei.«

»Das war vielleicht nur so dahergelallt«, meinte der Leitnizer.

»Eine Warnung war es, versteh's nur recht, Georg, — der Philipp Lang hat immer schon ein Aug' auf mich gehabt«, erklärte ihm der Barvitius. »Ein Rat war es von einem, der es redlich mit mir meint. Und seitdem hab' ich keine Ruhe mehr, es ist mir immer, als spüre man mir nach, ich gehe auf der Gasse und höre Schritte hinter mir, und wenn ich mich umseh', ist keiner da.«

»Nun also«, sagte der Leitnizer. »Da habt Ihr es. Es ist keiner da.«

»Und heut im Traum«, fuhr der Barvitius fort, »da hab' ich dich gesehen, der Henker hat dich die eine Gasse hinauf und die andere hinuntergepeitscht. Du hattest die Hände auf den Rücken gebunden, Georg.«

Der Leitnizer wurde plötzlich recht lebhaft.

»Man müßt' darüber in den Traumbüchern nachlesen«, rief er. »War's eine lange Peitsche? Ich mein', — hat sie rechtschaffen geknallt? Eine Peitsche nämlich, die knallt, — das hat was zu bedeuten. Ich glaub', es will einem Geld ins Haus kommen. Man müßte darüber...«

»Hör mich an Georg!« fiel ihm der Barvitius ins Wort. »Laß in Gedanken unsere Leute antreten, sieh dir sie an, einen nach dem anderen, prüfe, überlege und dann sag mir: Ist unter ihnen einer, dem zuzutrauen wäre, daß er doppeltes Spiel getrieben hat?«

»Patron!« sagte in feierlichem Ton der Leitnizer. »Es ist nicht einer unter ihnen, der sich für Euch nicht brennen, schinden und radbrechen ließe.«

»Sprich mir nicht vom Radbrechen!« fuhr ihn der Barvitius an. »Du weißt, ich hör's nicht gerne. Ich hab' genug an meiner Gicht, die mich alle Tage henkersmäßig radbricht.«

Eine Weile saß er schweigend, mit gefurchter Stirn. »Soll ich mir dereinst sagen müssen«, begann er dann, »du hast es nicht besser gewollt, hast guten Rat für nichts geachtet, jetzt hast du deinen Teil? Ich mein', ich werd' auf Reisen gehen. Zuvor aber.. . Und du, Georg?« unterbrach er sich. »Hast du nicht Lust, dir Frankreich und die Niederlande zu besehen oder St. Marci Münster in Venedig?« »Das kenne ich«, erklärte der Leitnizer. »St. Marci Münster in Venedig ist mir bekannt. Ich hab' es in Kupfer gestochen gesehen. Drüben in der Niklasgasse sitzt einer in einer Bude, der hält Kupferstiche feil. Aber sollten wir nicht von unseren Leuten einen mit uns nehmen, den Smutny oder den Reißenkittel, daß wir einen haben, der uns die Stube fegt, die Betten macht und den Ofen heizt im fremden Land?«

»Dienerschaft findet sich überall«,sagte der Barvitius. »Bevor wir aber gehen, bevor ich Prag verlasse...«

Er verstummte und blickte eine Weile hindurch in Gedanken vor sich hin.

»Bevor wir aber gehen«, sprach er dann weiter, »will ich noch eine Sache ausführen, die ich schon lang im Kopf hab', — solch eine Sache, daß dem geschäftigen Herrn Stadthauptmann hinterher nichts anderes zu tun bleibt, als sich das Maul zu wischen, eine Sache, Georg, von der man noch nach Jahren in Prag, ja im ganzen Königreich sprechen soll.«

»Und was ist das für eine Sache, Patron?« fragte der Leitnizer voll Eifer.

Der Barvitius lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte die Arme auf der Brust.

»Du weißt«, begann er, »daß ich meine Augen und Ohren überall habe, — auch in der Judenstadt. Und da ist einer, dessen nähere Bekanntschaft zu machen mich schon lang gelüstet. Juden und Christen umschwirren sein Haus wie die Fliegen den Milch topf. Alles, was er unternimmt, gelingt ihm. Die Juden sagen von ihm: >Wenn die ganze Stadt ein schwarzes Jahr hat, so ist das seine in Milch gekochte Und weiter sagen sie: >Er ist so reich, sogar auf den Honig streut er sich Zucker.< — Kennst du den Juden, weißt du wie er heißt?«

»Es ist der Mordechai Meisl, der sich auch Markus Meisl nennt, wohnt auf dem Dreibrunnenplatz«, gab der Leitnizer zur Antwort.

»Ja. Von dem ist die Rede«, bestätigte der Barvitius. »Er hat sein Gewerb' damit begonnen, daß er den kleinen Handwerksleuten auf geringes Pfand, das kein anderer nehmen wollt', Geld lieh, auf allerlei Kram, einen kupfernen Wagbalken, ein schlechtes Bocksfell, ein zerbeultes Messingbecken. Fuhr auch auf die Märkte nach Jicin, nach Chrudim, nach Welwarn, nach Caslau, wo die Wolle gehandelt wird, kaufte Wolle, soviel er vermochte, tauschte sie bei den Tuchmachern in der Altstadt gegen feines Tuch ein, das schickte er nach Linz auf die Bartholomäi-Messe, verdiente zwiefach, es gelang ihm alles. Wenn er das Geld liebte, so liebte ihn das Geld noch mehr, es schien ihn zu suchen, es lief ihm nach. Immer weiter dehnte sich seine Handelschaft. Und dann hat ihn der Kaiser durch einen Majestätsbrief in seinen Schutz genommen, gefördert und mit vielen Privilegien bedacht. Und es gibt Leut' dort oben«, — wiederum wies er mit dem Daumen über die rechte Schulter, »die sagen, die flüstern, die raunen, Seine Majestät, der Kaiser, sei heimlich mit dem Meisl associiert.«

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