Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #5
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Er konnte die Naht spüren, an der sich sein Kopf gleich unter dem Druck spalten würde, ein brennender Streifen, der über die Oberseite seines Schädels lief. Er wünschte, es würde jemand kommen und sie aufreißen, um die fliegenden Stimmen und das ganze Getöse ins Freie zu lassen, bis sein Schädel nur noch eine leere Schale aus glänzendem Knochenmaterial war.
Ihm war nicht bewusst, dass er die Augen offen hatte, und er starrte einige Minuten dumpf vor sich hin, weil er glaubte, die Szene, die er vor sich sah, sei immer noch Teil des Tohuwabohus in seinem Schädel. Vor ihm schwärmte eine farbige Menschenmasse umher, wirbelnde Blau-, Rot- und Gelbtöne vermischt mit grünen und braunen Klecksen.
Ein Defekt seines Sehvermögens raubte ihm das Gefühl für Perspektive und führte dazu, dass er sie nur als Bruchstücke sah – ein Gewimmel von Köpfen, das wie ein Haufen behaarter Ballons umherschwebte, ein wedelnder Arm, der ein knallrotes Banner trug und von seinem Körper abgetrennt zu sein schien. Mehrere Beinpaare, die dicht in seiner Nähe stehen mussten … saß er vielleicht auf dem Boden? Ja. Eine Fliege dröhnte an seinem Ohr vorbei und landete summend auf seiner Oberlippe. Er bewegte sich automatisch, um sie zu erschlagen, und erst jetzt wurde ihm klar, dass er in der Tat wach war – und dass er nach wie vor gefesselt war.
Seine Hände waren so taub, dass er dort nichts mehr spürte, doch der Schmerz pulsierte jetzt durch seine überanstrengten Arm- und Schultermuskeln. Er schüttelte den Kopf, um ihn frei zu bekommen, ein schrecklicher Fehler. Ein blendender Schmerz fuhr ihm durch den Schädel, bis ihm das Wasser in den Augen stand.
Er kniff die Augen fest zu und zwang sich unter tiefem Durchatmen, sich an irgendeinen Fetzen der Realität zu klammern und zu sich zu kommen. Konzentration, dachte er. Reiß dich zusammen. Die singenden Stimmen waren allmählich verstummt, und nur ein schwaches Summen in seinen Ohren war geblieben. Doch die anderen redeten immer noch, und jetzt, da er wusste, dass ihr Klang real war, gelang es ihm, hier und dort ein Wort herauszupicken und es zuckend festzunageln, um es auf seine Bedeutung hin zu untersuchen.
»Exempel.«
»Gouverneur.«
»Seil.«
»Pisse.«
»Regulatoren.«
»Eintopf.«
»Fuß.«
»Hängen.«
»Hillsborough.«
»Wasser.«
»Wasser.« Dieses Wort ergab einen Sinn. Er wusste, was Wasser war. Er hätte gern Wasser gehabt, furchtbar gern sogar. Seine Kehle war trocken, sein Mund fühlte sich an, als hätte man ihn vollgestopft mit … er war tatsächlich mit etwas vollgestopft; er musste würgen, als seine Zunge eine unbewusste Schluckbewegung versuchte.
»Gouverneur.« Jemand sagte das Wort mehrfach direkt über ihm, und er blickte auf. Er heftete seinen verschwommenen Blick auf ein Gesicht. Hager, dunkel, entschlossen.
»Seid Ihr sicher?«, sagte das Gesicht, und er fragte sich dumpf, sicher in Bezug auf was? Er war sich nur einer Sache sicher, und zwar, dass es ihm lausig ging.
»Ja, Sir«, sagte eine andere Stimme, und er sah, wie ein anderes Gesicht neben dem ersten in sein Blickfeld schwamm. Dieses hier kam ihm bekannt vor; es war von einem dichten, schwarzen Bart umrahmt. »Ich habe ihn in Hermon Husbands Lager mit Husband palavern sehen. Fragt die Gefangenen, Sir – sie werden es Euch bestätigen.«
Der erste Kopf nickte. Er wandte sich zur Seite und blickte auf, um jemanden anzusprechen, der größer war als er. Rogers Blick driftete suchend höher, und er fuhr mit einem unterdrückten Ausruf hoch, als er die grünen Augen teilnahmslos auf sich hinabblicken sah.
»Er ist James MacQuiston«, sagte der Grünäugige und nickte zur Bestätigung. »Aus Hudgin’s Ferry.«
»Habt Ihr ihn in der Schlacht gesehen?« Jetzt konnte er den Mann ganz scharf sehen, ein soldatisch aussehender Kerl Ende dreißig, der eine Uniform trug. Und er begriff noch etwas – James MacQuiston. Er hatte schon von MacQuiston gehört … was …?
»Er hat einen Mann aus meiner Kompanie getötet«, sagte Grünauge, und seine Stimme war heiser vor Wut. »Hat ihn kaltblütig erschossen, als er verwundet am Boden lag.«
Der Gouverneur – das musste er sein, Gouverneur … Tryon! Das war der Name! Der Gouverneur nickte, und ein Stirnrunzeln hatte sich tief in sein Gesicht gegraben.
»Also nehmt ihn auch«, sagte er und wandte sich ab. »Drei sind fürs Erste genug.«
Hände packten Roger, zerrten ihn hoch und stützten ihn einen Moment, dann rissen sie ihn mit sich, so dass er das Gleichgewicht verlor, stolperte und sich dann halb gehend weiterbewegte, während zwei Uniformierte sein Gewicht stützten. Er wehrte sich, denn er wollte sich umdrehen und Grünauge finden – verdammt, wie hieß der Kerl? –, doch sie rissen ihn herum und zwangen ihn, auf eine kleine Anhöhe zuzustolpern, auf deren Scheitel eine riesige Silbereiche stand.
Die Anhöhe war von einem Menschenmeer umringt, doch die Leute traten zurück und machten Platz für Roger und seine Begleiter. Die Unruhe war zurückgekehrt, ein Gefühl, als krabbelten Ameisen unter der Oberfläche seines Gehirns entlang.
MacQuiston, dachte er, und plötzlich stand der Name deutlich vor seinem inneren Auge. James MacQuiston. MacQuiston war einer der weniger bedeutenden Anführer der Regulatoren, ein Unruhestifter aus Hudgin’s Ferry, dessen flammende Drohungen und Anschuldigungen in der Gazette abgedruckt worden waren; Roger hatte sie gelesen.
Warum zum Teufel hatte Grünauge – Buccleigh! Er hieß Buccleigh. Seine Erleichterung, sich an den Namen erinnern zu können, wich abruptem Erschrecken, als er begriff, dass Buccleigh ihnen gesagt hatte, er sei MacQuiston. Warum …
Ihm blieb nicht einmal mehr die Zeit, die Frage zu Ende zu denken, da sich jetzt die letzten Reihen vor ihm teilten und er die Pferde unter dem Baum sah – und die Schlingen, die von seinen Ästen über ihren Sätteln baumelten.
Sie hielten die drei Pferde an den Köpfen fest, während man die drei Männer daraufsetzte. Blätter streiften seine Wangen, Zweige verfingen sich in seinem Haar, und er duckte sich und wandte instinktiv den Kopf zur Seite, um zu verhindern, dass ihm die Augen ausgestochen wurden.
Ein Stückchen weiter sah er auf der Lichtung die Gestalt einer Frau, die halb von der Menge verdeckt wurde; unscheinbar, jedoch mit dem unverwechselbar runden Körper eines Kindes auf dem Arm, eine kleine, braune Madonna. Dieser Anblick ließ ihn auffahren; ein Stoß fuhr ihm durch Brust und Bauch, und die Erinnerung an Brianna mit Jemmy auf dem Arm durchraste seinen Kopf.
Er warf sich mit aufgebäumtem Rücken zur Seite, spürte, wie er rutschte, und hatte keine Hände, um sich abzufangen. Andere Hände fingen ihn auf, schoben ihn zurück, eine schlug ihn mit aller Kraft ins Gesicht. Er schüttelte mit tränenden Augen den Kopf, und sah verschwommen, wie die braunhaarige Madonna jemandem ihr Bündel in die Hand drückte, ihre Röcke raffte und losrannte, als sei der Teufel hinter ihr her.
Etwas Schweres fiel ihm gleitend wie eine Schlange auf die Brust. Kratziger Hanf streifte seinen Hals, zog sich fest um seine Kehle, und er schrie hinter seinem Knebel los.
Er wehrte sich, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es Folgen oder einen Sinn hatte, nur vom Überlebensinstinkt getrieben. Ohne Rücksicht auf seine blutenden Handgelenke oder seine überdehnten Muskeln, die Oberschenkel so fest um den Rumpf des Pferdes geklammert, dass es protestierend zuckte, riss er mit einer Kraft an seinen Fesseln, von der er sich niemals vorgestellt hätte, dass er sie besaß.
Auf der anderen Seite der Lichtung hatte das Kind begonnen, nach seiner Mutter zu kreischen. Die Menge war verstummt, und die Schreie des Babys hallten laut über den Platz. Der dunkelhaarige Soldat saß auf seinem Pferd, Arm und Schwert erhoben. Er schien etwas zu sagen, doch Roger hörte nur das Tosen des Blutes in seinen Ohren.