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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Aber obwohl er fest davon überzeugt war, König von Neapel zu sein, und den Kummer seiner Untertanen bedauerte, die er verließ, hatte er doch neuerdings, nachdem ihm befohlen war, wieder in den Militärdienst einzutreten, und besonders nach der Begegnung mit Napoleon in Danzig, wo sein hoher Schwager zu ihm gesagt hatte: »Ich habe Sie zum König gemacht, damit Sie nach meiner Weise regieren und nicht nach der Ihrigen«, freudig das ihm wohlbekannte Soldatenhandwerk wiederaufgenommen. Es ging ihm wie einem Pferd, das gute Nahrung gehabt hat, aber nicht zu fett geworden ist: nun er sich wieder im Geschirr fühlte, machte er in der Gabeldeichsel vergnügte Sprünge; er putzte sich so bunt und kostbar wie nur möglich heraus und galoppierte fröhlich und zufrieden, ohne selbst zu wissen wohin und wozu, auf den Landstraßen Polens einher.

Als er den russischen General erblickte, warf er mit einer großartigen Gebärde, wie sie einem König wohlsteht, den Kopf mit dem bis auf die Schultern herabwallenden Haar zurück und blickte fragend den französischen Obersten an. Der Oberst teilte Seiner Majestät ehrfurchtsvoll mit, wer Balaschow sei und zu welchem Zweck er gekommen sei; aber den Familiennamen desselben vermochte er nicht ordentlich auszusprechen.

»De Bal-machève!« sagte der König, indem er mit energischer Entschlossenheit die Schwierigkeit überwand, die der Name dem Obersten bereitete. »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, General«, fügte er mit einer herrschermäßigen, gnädigen Handbewegung hinzu.

Aber sobald der König laut und schnell zu sprechen begann, verließ ihn sofort seine gesamte königliche Würde, und er ging, ohne es selbst zu merken, in den Ton gutmütiger Vertraulichkeit über. Er legte seine Hand auf den Widerrist des Pferdes Balaschows.

»Nun, General, wir bekommen Krieg, wie es scheint«, sagte er, wie wenn er eine Lage bedauerte, über die ihm kein Urteil zustände.

»Sire«, antwortete Balaschow, »der Kaiser, mein Gebieter, wünscht den Krieg ganz und gar nicht, wie Euer Majestät ja sehen.« Während des ganzen Gespräches verwendete Balaschow den Titel »Euer Majestät« in allen Kasus, die es nur gibt; diese stete Wiederholung des Titels hatte zwar unvermeidlich etwas Geziertes, verfehlte aber bei jemandem, dem dieser Titel noch etwas Neues war, ihre Wirkung nicht.

Murats Gesicht strahlte vor törichter Befriedigung, während er anhörte, was Balaschow ihm vortrug. Aber Königtum legt Verpflichtungen auf: er fühlte die Notwendigkeit, mit dem Gesandten Alexanders über Staatsangelegenheiten wie ein König und wie ein Verbündeter Napoleons zu sprechen. Er stieg vom Pferd, faßte Balaschow unter den Arm, entfernte sich mit ihm einige Schritte von der ehrfurchtsvoll wartenden Suite, begann mit ihm auf und ab zu gehen und versuchte bedeutsame Äußerungen zu tun. Er erinnerte daran, daß Kaiser Napoleon sich durch die Forderung, er solle seine Truppen aus Preußen herausführen, beleidigt gefühlt habe, namentlich da diese Forderung allgemein bekannt geworden und dadurch die Würde Frankreichs verletzt worden sei.

Balaschow erwiderte, daß in dieser Forderung nichts Kränkendes liegen könne, da … Aber Murat unterbrach ihn.

»Also Sie halten den Kaiser Alexander nicht für den Anstifter des Krieges?« fragte er plötzlich mit einem gutmütig dummen Lächeln.

Balaschow setzte auseinander, weswegen er allerdings annehmen müsse, daß der Urheber des Krieges Napoleon sei.

»Ach, mein lieber General«, unterbrach ihn Murat wieder, »ich wünsche von ganzem Herzen, daß die Kaiser sich miteinander einigen möchten, und daß der gegen meinen Wunsch begonnene Krieg sobald als möglich sein Ende finden möge.« Er sprach in dem Ton, in welchem Diener zu sprechen pflegen, die, trotz des Zankes der Herrschaften unter sich, miteinander gute Freunde zu bleiben wünschen.

Und nun ging er dazu über, sich nach dem Großfürsten zu erkundigen, nach seiner Gesundheit, und gedachte der Zeit in Neapel, die er so lustig und vergnügt mit ihm verlebt habe. Dann auf einmal richtete Murat, wie wenn ihm plötzlich seine königliche Würde wieder einfiele, sich feierlich gerade, nahm die Haltung an, in der er bei der Krönung dagestanden hatte, und sagte, indem er mit der rechten Hand eine Gebärde der Entlassung machte: »Aber ich will Sie nicht länger aufhalten, General; ich wünsche Ihrer Mission einen guten Erfolg!« Und mit seinem wallenden, roten, gestickten Mantel, dem flatternden Federbusch und den glänzenden Juwelen trat er wieder zu seiner Suite hin, die respektvoll auf ihn gewartet hatte.

Balaschow ritt weiter und nahm nach Murats Worten an, daß er sehr bald dem Kaiser Napoleon selbst werde vorgestellt werden. Aber statt daß er zu Napoleon vorgedrungen wäre, wurde er beim nächsten Dorf von den Infanterieposten des Davoutschen Korps wieder ebenso angehalten, wie es in der Vorpostenkette geschehen war, und ein herbeigerufener Adjutant des Korpskommandeurs begleitete ihn in das Dorf zum Marschall Davout.

V

Davout war der Araktschejew des Kaisers Napoleon – kein Feigling wie Araktschejew, aber ebenso diensteifrig und hart und ebensowenig wie jener imstande, seine Anhänglichkeit an den Herrscher anders als durch Härte und Grausamkeit zum Ausdruck zu bringen.

In dem Mechanismus des Staatswesens sind solche Menschen ebenso notwendig wie die Wölfe in der gesamten Einrichtung der Natur; auch sie sind immer vorhanden, kommen immer wieder zum Vorschein und behaupten sich, wie ungehörig es auch scheinen mag, daß sie überhaupt existieren und sich der obersten Regierungsgewalt so nahe befinden. Nur aus dieser Notwendigkeit läßt es sich erklären, daß Araktschejew, ein Mann von solcher Grausamkeit, daß er eigenhändig den Grenadieren die Schnurrbärte ausriß, dabei von so schwachen Nerven, daß er keine Gefahr ertragen konnte, ein Mensch ohne Bildung und ohne höfische Gewandtheit, dennoch so lange bei dem ritterlich edlen, zartfühlenden Alexander einen solchen Einfluß behaupten konnte.

Balaschow traf den Marschall Davout in einem Schuppen, der zu einem Bauernhaus gehörte; der Marschall saß auf einem kleinen Faß und war mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt: er revidierte Rechnungen. Ein Adjutant stand neben ihm. Es wäre mit Leichtigkeit möglich gewesen, ein besseres Unterkommen zu finden; aber der Marschall Davout war einer von den Menschen, die sich absichtlich in die verdrießlichsten Lebensverhältnisse versetzen, um ein Recht zu haben verdrießlich zu sein. Und zu demselben Zweck arbeiten solche Menschen auch immer eilig und hartnäckig. »Wie kann ich hier an die freundliche Seite des menschlichen Lebens denken, wenn ich, wie Sie sehen, in einem schmutzigen Schuppen auf einem Faß sitzen und arbeiten muß«, sagte seine Miene. Das größte Vergnügen und geradezu ein Bedürfnis ist es für solche Leute, wenn sie mit einem lebensfrohen Menschen zusammenkommen, diesem ihre eigene mürrische, eigensinnige Tätigkeit vorwurfsvoll vor Augen zu halten. Dieses Vergnügen machte sich Davout, als Balaschow zu ihm geführt wurde. Er vertiefte sich noch mehr in seine Arbeit, als der russische General zu ihm hereingeführt wurde, warf zwar durch die Brille einen Blick nach Balaschows Gesicht, das unter der Einwirkung des schönen Morgens und des Gesprächs mit Murat einen frischen, lebhaften Ausdruck zeigte, stand aber nicht auf und rührte sich nicht einmal, sondern zog die Augenbrauen noch finsterer zusammen und lächelte grimmig.

Als er dann auf Balaschows Gesicht den üblen Eindruck wahrnahm, den ein solcher Empfang bei diesem hervorrief, hob er den Kopf in die Höhe und fragte kalt, was er wünsche.

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