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Der Weltensammler

Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.
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Der Derwisch war keine einmalige Erscheinung. Je näher sie ihre Dreiecke an das nächste Dorf setzten, desto öfter lief er, in sicherer Entfernung, an Burtons abmessendem Blick vorbei. Er war jedesmal ein anderer, der Derwisch. Er schien nie eine Gestalt anzunehmen, die er schon einmal innehatte. Merkwürdig, daß die anderen ihn nicht sahen. Einmal, der Arbeitstag war fast abgenommen, beschloß Burton, ihm zu folgen. Bis zu einer Moschee, neben der sich ein ummauertes Grabmal befand. Ein verwinkelter Zugang. Eine Dichte an Menschen und Erregung. Er vernahm ein Lied, es zog ihn hinein, ein Lied, das ihn bewegte, ein Lied, das an dem Putz einer verborgenen Kammer seines Wesens kratzte. Diese Berührung, sie war ein Erstrahlen, der Ort vor ihm erstrahlte, und er selber war von Licht durchflutet. Der Anlaß war festlich, das Grabmal des Heiligen war von einer unmeßbaren Sehnsucht aufgeladen. Es herrschte ein Gedränge, das ihn freundlich aufnahm, ein Vorgeschmack auf das Gedränge, das vor den Toren zum Himmel herrschen würde. Er erreichte das mit einem bestickten grünen Stoff bedeckte Grabmal nicht. Er wurde abgelenkt. Gegenüber dem kleinen Tor, durch das sich die Pilger bückten, um Einlaß zu finden, saßen einige Männer auf dem Boden. Sie sangen das Lied, das ihn berührte. Es klang wie eine Liebeserklärung an alles Lebendige. Die Stimme des Sängers, eine ungewöhnliche Stimme, die dem tieferen Ernst eine schrille, fast närrische Note gab, sie schraubte sich hinauf, sie drechselte den Gesang auf einer immer schneller rotierenden Scheibe. Auf einmal blickte der Derwisch ihm in die Augen. Das Drechseln setzte sich in ihm fort. Nehmen Sie Platz, sagten die Augen, verweilen Sie. Wir sind alle Gäste. Wir sind alle Wanderer. Seien Sie einer von uns. Und das Lied warf weiteres Licht in die Nacht und auf die dichte, sich fortbahnende Menge.

27.

NAUKARAM

II Aum Sarvasiddhaantaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II

— Hast du eigentlich kein schlechtes Gewissen gehabt, daß du einem Firengi hilfst, dein eigenes Volk zu bespitzeln?

— Mein Volk. Das war nicht mein Volk. Haben Sie nicht zugehört? Dort leben überwiegend Beschnittene.

— Trotzdem. Dir näher als die Angrezi.

— Jeder ist mir näher als ein Miya. Wissen Sie, was für Albträume ich dort hatte? Wenn ich nicht gerade befürchtete, daß Burton Saheb in irgendeiner Gasse die Kehle durchgeschnitten werden könnte. Ich hatte Angst, unser Gujarat könnte so werden wie der Sindh. In meinem Albtraum waren wir nur noch wenige. Baroda war in Trauer. Es gab keine Klänge in meinem Traum. Keine Gesänge, keine Glocken, kein Aarti. Die Frauen gingen in Schwarz durch die Straßen, als wären sie auf dem Weg zu ihrer eigenen Beerdigung. Die Männer umlagerten unsere verängstigte Höflichkeit, sie spähten nach einem Grund, den Dolch zu ziehen.

— Albträume sind die Schuld deines Kopfes, nicht deiner Nachbarn.

— Mit ihnen können wir nicht Nachbar sein. Sie werden mit allen Mitteln danach trachten, uns zu vertreiben, wie sie es im Sindh getan haben. Wären die Angrezi nicht gekommen, wer weiß, ob wir lange unter ihnen überlebt hätten.

— Du phantasierst, auch wenn du wach bist.

— Wir müssen uns wehren, hier, bevor unser Gujarat wie der Sindh wird.

— Was geschah mit den Spitzelberichten deines Herrn?

— Er trug sie dem General vor. Unter vier Augen. Ich glaube, sie haben Wohlgefallen aneinander gefunden, der General und Burton Saheb. Sie hatten trotzdem ihre Auseinandersetzungen. Der General erwartete von jedem Soldaten, daß er Befehle annimmt und ausführt. Daß er keine eigene Meinung äußert, es sei denn, er wird danach gefragt. Burton Saheb hingegen benötigte nie einen Grund, sein Urteil abzugeben. Er widersprach dem General, wann immer ihm danach war. Und das war ziemlich häufig. Er war der Ansicht, der General wolle im Sindh zuviel ändern und zu schnell. Sein Rechtsempfinden war zu starr, das war sein bevorzugtes Beispiel, es stoße die Einheimischen vor den Kopf. Gerechtigkeit ist ein anerzogener Geschmack, pflegte Burton Saheb zu sagen. Wie lange hat es gedauert, bis wir uns an Porridge zum Frühstück gewöhnt haben. Wie lange würde es dauern, wenn wir unsere Eßgewohnheiten umstellen müßten, sagen wir einmal, auf gebratene Ziegenleber? Der General hatte einen Mann aufhängen lassen, weil dieser seine Frau niederstach, als er herausfand, daß sie ihn betrog. Das Problem war, der Mann hatte reagiert, wie es von einem Mann dort erwartet wurde. Beim geringsten Anlaß schneiden die Kerle dort ihre Frauen in Stücke. Wenn er die Frau am Leben gelassen hätte, wären er und auch seine Söhne entehrt gewesen. Die Schande wäre gewaltig. Unvorstellbar. Sie würden wie Ausgestoßene sein, die Zielscheibe allen Spottes. Ihre Freunde würden sich zurückziehen. Der General wollte ein Zeichen setzen, daß die Zeiten sich geändert haben. Burton Saheb schimpfte. Über die Dickköpfigkeit des Generals. Nicht, weil er das Vorgehen des Mannes billigte. Er erkannte sofort, wie wenig Verständnis dieses Urteil unter den Einheimischen finden würde. Er sah Ärger voraus. Er behielt recht. Überall wurde über den Wahn der Ungläubigen gelästert, die es einem Mann nicht einmal mehr erlaubten, seine Ehre wiederherzustellen. Der Hauptsitz des Generals wurde täglich von Gruppen mit Einsprüchen und Klagen belagert. Dieses Urteil verursachte Flutwellen von Gerüchten über die weiteren Absichten der Angrezi. Eines Tages schickten sogar die Kurtisanen eine Delegation. Burton Saheb war gerade anwesend, als sie hereingebeten wurden, diese Frauen. Sie waren allesamt vorbildlich verhüllt. Eine von ihnen trat näher und trug ihre Beschwerde vor. Wenn der Ehebruch nicht mehr bestraft werde, dann würden die verheirateten Frauen ihnen alle Arbeit wegnehmen. Das sei Mundraub an den Kurtisanen. Wenn es so weiterginge, würden sie verhungern.

28.

WER DEN HÖCHSTEN PLATZ EINNIMMT

Es ist Jehannum bei Tage, und Barabut bei Nacht. Bewunderst du nicht meine Akklimatisierung? Frei übersetzt: Am Tage führt der Teufel den Vorsitz, nachts der Beelzebub. Man muß schon einen eigenwilligen Sinn für Unterhaltung haben, um die Zeit hier vergnüglich zu gestalten. Ich passe mich an. Trotzdem, manches geht mir ab. Nichts so sehr wie die Gesellschaft von Guruji. Du erinnerst dich gewiß, ich habe ihn dir einmal ausführlich beschrieben. Sprachlehrer gibt es viele, wie Mücken im Stall, aber finde mal einen, der den heiligen Unernst des Lebens so zelebrieren kann wie der alte, wunderbar schrullige Upanitsche. Er hat mir das Leben in Baroda erträglich gemacht. Besonders zuletzt. Ich übertreibe nicht. Er hat eine Begabung, die eigene Verzweiflung unbedeutend erscheinen zu lassen. Sein Geist stand mit einem Bein im Alltag und schwebte mit dem anderen über dem Menschsein. Ich werde ihn wohl nicht mehr wiedersehen. Hinduismus ist passé, mon cher ami, ich wende mich nun dem Islam zu. Paßt besser zur Landschaft hier, daher die hohe Dichte an Derwischen. Ich denke, ich werde Guruji durch eine Equipe von Lehrern ersetzen. Die klaren Geheimnisse des Al-Islam bringt mir ein Mann am Ufer des Flusses bei. Wir sitzen unter einem Tamarindenbaum auf einem Filzteppich, um uns herum süßlich riechendes Basilikum, und während er mich unterrichtet, blickt dieser Lehrer, der zu seßhaft ist für einen Derwisch und zu wild für einen Alim, auf den Strom hinaus, auf die Menschen, die sich an der Fähre zusammenfinden. Auch einen Lehrer für das Persische habe ich schon gefunden, die stolzeste aller Sprachen, wie mir scheint, nachdem ich durch ihre Hallen geführt worden bin. Und noch ein dritter Lehrer, ein richtiger Derwisch, ein wilder Mann, der zur höheren Einsicht führt, indem er Verwirrung stiftet. Leider sehen wir uns nur selten. Aber wenn wir uns treffen, zufällig meist, steckt er mir ein Gedicht zu, als sei ich ein armer Mann, der zu stolz ist zum Betteln. Er hat meine Nivellierwaage aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin ihm gefolgt, und er hat mich hineingezogen in ein Lied, eine Liedform, genauer gesprochen, die es in sich hat, mein Bester. So eine rasante Rutsche in die Ekstase hat es bei uns nie gegeben. Musik und Poesie, damit ist dieses Land gesegnet. Urdu, die Sprache, die singt, ist so opulent, ein Gespräch über Kartoffeln wirkt auf mich wie eine szenische Aufführung von Childe Harold. Ich genieße die Abwechslung.

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