Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
— Wie können wir diesem Mißstand ein Ende bereiten?
— Indem wir die Armut abschaffen?
— Wenn mir der Sinn nach etwas Geistreichem steht, schlage ich nach bei Lukian. Verstanden, Soldat?
— Ziehen Sie die Alethe Dihegemate vor, oder vertiefen Sie sich lieber in die Nekrikoi Dialogoi?
— Einem Mann von Ihrer Begabung steht üblicherweise die Welt offen. Doch bei Ihrer Chuzpe, Burton, fürchte ich, werden Sie gegen einige Türen knallen. Haben Sie in unserer Angelegenheit noch weitere Vorschläge?
— Momentan nicht, Sir. Ich bitte um Erlaubnis, dem Mann das Geld zu erstatten, mit dem er seine letzte Mahlzeit bezahlt hat.
— Ist denn der Schuldige inzwischen nicht exekutiert worden?
— Doch. Seine Familie treibt nun die Schuld ein. Der Mann, der nicht gerettet werden wollte, hat den restlichen Betrag zurückgezahlt, aber was er ausgegeben hat, bevor er an den Galgen trat, das muß er …
— Wieviel?
— Zehn Rupien.
— Ein Festmahl!
— Er hat sich einmal im Leben etwas gegönnt.
— Auf Staatskosten, wie sich jetzt herausstellt. Sorgen Sie dafür, daß nicht bekannt wird, welche Auswüchse die Pax Britannica annimmt.
— Jawohl, Sir.
25.
NAUKARAM
II Aum Viraganapataye namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
— Das Leben von Burton Saheb hat sich geändert im Sindh. Und meines auch. Seines zum Besseren, meines zum Schlechteren. Er bekleidete zwar keinen höheren Rang, und er verdiente auch nicht mehr Geld. Das Haus, das wir bewohnten, war ein Zelt. In Baroda hatten wir zwölf Diener, jetzt nur noch zwei. Von außen betrachtet hätte keiner vermutet, daß seine Position bedeutender geworden war. Sindh wurde regiert von einem alten General, der von allen gefürchtet wurde, sogar von jenen, die ihm niemals begegnet waren. Burton Saheb wurde zu ihm gerufen eines Tages, er sollte übersetzen. Er hat den General beeindruckt, bei diesem Treffen, wie hätte es anders sein können. Er war ein Mann, Burton Saheb, der über den anderen Angrezi thronte. Das konnte dem General nicht verborgen bleiben. Er bestellte ihn ein weiteres Mal zu sich. Eine Unterredung unter vier Augen. Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben. Aber ich weiß von den Schwierigkeiten, die später kamen.
— Infolge dieses Gesprächs?
— Ja. Gewaltige Probleme kamen auf uns zu. Ich hatte keine Ahnung, was für einen Auftrag der General Burton Saheb erteilte. Selbst seine direkten Vorgesetzten und seine Kameraden wurden darüber im unklaren gelassen.
— Er hat dir nichts verraten?
— Er sollte etwas auskundschaften, soviel hat er mir gesagt. Es bedeutete, daß er sich unter die Miya mischen mußte. Er schien sich darauf zu freuen. Als er nach Hause kam, ich nenne unser staubiges Zelt so, obwohl es unangebracht ist, war er ausgelassen wie seit langem nicht mehr. Er verkündete mit großem Gehabe: Wir werden uns im Land umschauen, Naukaram. Das Imperium nimmt unsere Talente endlich wahr. Er war glücklich an diesem Tag, und ich hatte nicht gedacht, daß er zu diesem Gefühl fähig war. Es ließ sich so gut an für ihn. Ich verstehe nicht, wieso es so übel enden mußte. Sein Auftrag hatte keinen Einfluß auf meine tägliche Arbeit. Ich war damit beschäftigt, der Wüste den Zugang zum Zelt zu versperren. Sie fand immer wieder einen Weg, sich an mir vorbeizustehlen. Burton Saheb brach immer häufiger auf, in Verkleidung. Irgendwohin. Er hat mir nie gesagt, wohin. Zuerst war er für einen Tag verschwunden. Doch die offenen Gespräche, stellte er fest, werden nachts geführt. Also blieb er für einige Tage weg, und schließlich sah ich ihn manchmal wochenlang nicht. Es war mir nicht wohl bei der Vorstellung, daß er diesen Wilden, diesen Beschnittenen, ausgeliefert war. Zum ersten Mal, seitdem ich bei ihm war, konnte ich ihm nicht zur Seite stehen. Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht. Wie hat er sich ernährt, wo hat er geschlafen? Ich wußte es nicht, er ritt ohne Gepäck. Er verschwand, ich blieb mit meinen Sorgen zurück, bis er wiederauftauchte. Erschöpft, übernächtigt. Aber er strahlte, ich konnte die Erregung spüren, die ihn durchströmte. Nach seiner Rückkehr erzählte er mir ein wenig von seinen Erlebnissen. Von ungewöhnlichen Bräuchen, denen er ausgesetzt war. Von großen Festen an Grabmälern. Nebensächlichkeiten dieser Art. Ich war verblüfft. Das konnten nicht die Kenntnisse sein, nach denen er spionieren sollte.
— Das Wichtigste hat er vor dir geheimgehalten.
— Er durfte niemandem etwas sagen. Selbst mir nicht.
26.
WER DEN SCHÜLERN GESCHICK VERMITTELT
Hauptmann Walter Scott — ja, ein Verwandter des Dichters, ein direkter Nachfahre sogar — rammte einen Jalon in die Erde. Rotweiße Streifen, die der Wüste anstanden wie eine Häftlingskluft. Die Erde war gichtbrüchige Haut auf schwarzem Ton. Du wirst schnell lernen, sagte er. Es ist so einfach wie Patiencen legen. Wir machen nichts anderes, als das Unbekannte an das Bekannte anzubinden. Wir fangen die Landschaft ein wie ein wildes Pferd. Mit technischen Mitteln. Wir sind die zweite Vorhut der Aneignung. Zuerst wird erobert, dann wird vermessen. Unser Einfluß steht auf kariertem Papier. Du grämst dich, weil du noch keinen Kampfeinsatz gesehen hast. Das ist unbegründet. Die kartographische Erschließung, die wir leisten, ist von enormer militärischer Bedeutung. Der Kompaß, der Theodolit und die Nivellierwaage sind unsere wichtigsten Waffen. Wer sich in dem Koordinatennetz verfängt, das wir auswerfen, der ist für die eigene Sache verloren. Er ist für die Zivilisation gezähmt. Schließe ein Auge, und stelle das andere möglichst scharf. Du benötigst nur eine Eigenschaft als Vermesser. Du mußt genau sein, absolut exakt. Wir Vermesser sind penible Menschen. Gewöhne dir also etwas Pedanterie an. Das Prinzip ist denkbar einfach. Die Festpunkte stehen in einem Dreieck. Langsam schreiten wir voran, Dreieck um Dreieck, Polygon um Polygon. Wir können nicht mehr als einen Kilometer am Tag erfassen. Deswegen kampieren wir wochenlang an einem Ort und strecken unsere Dreiecke in alle Richtungen aus. Es gilt, zwei Werte zu messen: die Entfernung und die Höhe. Natürlich auch den Winkel zwischen einer Position und einer Erhöhung. Und wie ist ein Winkel definiert, Dick? Als Abstand zwischen Orthodoxie und Häresie? Eigentlich als Differenz zwischen zwei Richtungen. Ich lag also in etwa richtig? Weißt du, was es in der Mathematik bedeutet, wenn man ›in etwa‹ richtig liegt, Dick? Wieso fällt es mir schwer, dich als Vermesser zu sehen?
Gewiß, Burton wird mit dem Jalon in der Hand keine Karriere machen, soweit hat Scottie recht. Er ist dieser Einheit zugeteilt, weil er irgendeiner Einheit zugeteilt werden muß und weil er von den abgelegenen Camps aus leichter zu seinen Beutezügen aufbrechen kann. Er kann sich nützlich machen, hinter dem Nivelliergerät. Er schließt die Augen. Die Tageszeit, in der die Gedanken verschlicken. Wie soll man den genauen Standort eines Punktes bestimmen, wenn alles flimmert. Als er seine Augen wieder öffnet, sieht er einen Derwisch durch die Waagerechte ziehen. Ein schwarzes Gewand, eine Flickenmütze. Ich bin derjenige, der alleine fliegt. Die Augen sitzen tief in einem Trog aus Kajal. Die Hände sind mit monströsen Ringen geschmückt. Burton schließt die Augen. Als er sie wieder öffnet, ist der Derwisch in Grün gekleidet, die Ketten um seinen Hals sind silbern und blechern, sie sind aus Stoff und aus Edelstein. Ich bin derjenige, der alleine fliegt. Sein Haar, sein Bart ist gefärbt, orangebraun wie Henna. Burton schließt wieder die Augen. Läßt sie lange zu. Er buchstabiert alle Alphabete durch, die er kennt. Dann öffnet er seine Augen. Habt ihr ihn gesehen? ruft er seinen Kameraden zu, gegen den Wind. Wie lautet der Wert? Schreien sie zurück.