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Der Weltensammler

Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.
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›Sindh-Hind‹ war der Name, den arabische Kaufleute für diesen Teil der Welt kannten: ›Sindh‹ war das Land diesseits des Indus, Hind, das eigentliche Indien, lag am jenseitigen Ufer. Ich bin also von Hind nach Sindh, ach, wäre ich nur bei meinem bewährten Konsonanten geblieben. Ghorra, was für ein unglückseliges Loch, ein trostloser Aufwurf von Fels und Ton, ein Haufen schmutziger Schuppen aus Lehm und Flechte. Was hier wächst, wuchert, eine magere Ausbeute an Dornen und Feuerpflanzen, gerade einmal ausreichend, um die Kamele zu füttern, die alles niederkauen. Liebe Schwester, geschätzter Schwager, ich bin mir nicht sicher, ob dies die Hölle ist (unsere Vorgesetzten halten solche Informationen vor uns geheim), aber es ist ein Land des grellen Widerscheins, eines Glanzes, der alles ausradiert, einer Hitze, die aufkocht und ausdünstet, bis das Gesicht der Erde sich häutet, sich abschält, bis es aufplatzt, aufreißt und fiebrige Blasen wirft. Ihr könnt Euch vorstellen, ich fühle mich wie ein Fisch im Wasser, und mein Körper schreit täglich nach neuen Herausforderungen. Manchmal schreit er allzu laut. Die Kadaver von fünfzig Kamelen — nein, Schwester, ich habe sie nicht gezählt, es handelt sich hierbei um eine olfaktorische Schätzung — verfaulen neuerdings in der Nähe des Lagers. Als ich, in einiger Entfernung, versteht sich, vorbeischritt, überraschten mich zwei fette Schakale, die aus ihrem kleinen Speisezimmer im Bauch eines Kadavers krochen, ganz schlaff von ihrem heißhungrigen Mahl.

Sorge dafür, daß Du nie hierher versetzt wirst, Bruder, dieses Land ist wie geschaffen für den Krieg, ich rieche geradezu den Ruhm, den unsereiner erringen könnte, aber in Friedenszeiten ist es hier so aufregend wie auf einem Friedhof, der von einem Sandsturm begraben worden ist. Ja, das Land ist sandiger als der Schnurrbart eines Schotten. Bleibe bei der schönen Lanka — heißt es die oder der Lanka? Du siehst, nicht einmal der Geschlechter kann ich mir mehr sicher sein. Für den Fall, daß es Dich wider Erwarten hierher verschlägt, werde ich Dir Bericht erstatten von den Bordellen unseres großen Dorfes. Es sind derer drei. Erstaunlich nicht? Eine Pferderennbahn und drei Bordelle. Was braucht der Engländer mehr? Eines der Bordelle ist eine genaue Kopie der Frauenhäuser (wie mein treuer Diener Naukaram zu sagen pflegt) in Bombay und Baroda, eine halbwegs kultivierte Stätte mit erträglichen Vorführungen von Tanz, und voller Geschöpfe, mit denen man sich vortrefflich unterhalten kann, vorausgesetzt natürlich, man ist des Sindhi oder des Persischen mächtig. Ich mache Fortschritte, und um diese Fortschritte nicht zu gefährden, bin ich dort Stammgast. Im zweiten Bordell sieht man wenig, und das ist durchaus beabsichtigt, Dampf steigt auf, und die Kunden sind mit Lehm eingeschmiert, in unterschiedlichen Farben, so daß Männer jeglicher Herkunft miteinander Umgang pflegen können. Solange sie still dasitzen, Mitwirkende in einer Pantomime, ruhen die Unterschiede zwischen ihnen. Der Lehm soll gesund sein, und nach ein oder zwei Stunden in seiner Umarmung sei nicht nur der Körper, sondern auch die Lust gereinigt. Ich werde es ausprobieren, dieser Tage, und Dir natürlich Bericht erstatten, mein lieber Edward. Das dritte Bordell ist das berüchtigtste, davon spricht man nur hinter vorgehaltener Hand. Lupanar heißt es gut klassisch, ein Haus, in dem sich Knaben und junge Männer feilbieten. Es gehört, so die Gerüchte, einem angesehenen Emir und wird überwiegend von den Aristokraten der Provinz frequentiert. In unserem Militärslang nennen wir es den Backgammon-Salon. Das amüsiert mich tüchtig, Du weißt, ich liebe dieses Spiel. In diesem Sündentempel war ich bislang nicht und verspüre auch keine Neigung, ihn aufzusuchen, aber ich vermute, dort erblickt man einiges, was nirgendwo sonst sein Haupt zeigt. Apropos Bordelle, ich habe mich hier auf einen Disput eingelassen, so schlagen wir uns die Abende um die Ohren, ob denn die Hindu-Frauen oder die Moslem-Frauen die besseren Kurtisanen hervorbringen. Du glaubst nicht, wie erhitzt die Debatte geführt wird. Auf hohem Niveau. Das schlagendste Argument, nach meinem Dafürhalten, lautet, die Hindus seien im Vorteil, weil ihnen die sakrale Prostitution traditionell geläufig sei und das Beglücken des Mannes somit aus göttlicher Pflichterfüllung hergeleitet werde. Deine Erfahrungen würden das Gespräch bereichern, ich flehe Dich an, teile uns mit, wie würde Dein Richterspruch lauten?

23.

NAUKARAM

II Aum Skandapurvaaja namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II

— Sie sind heute besonders schlecht gelaunt.

— Meine Frau, sie setzt mir zu. Sie läßt mich nicht in Ruhe arbeiten. Ich brauche am Abend Zeit, ich muß mich mit deinem Schreiben beschäftigen, ich muß nachdenken, auswählen, kürzen, umschreiben. Dein Auftrag, er erfordert besondere Aufmerksamkeit.

— Ich bin also schuld an dem Streit, den Sie mit Ihrer Frau haben?

— Fahren wir fort. Du hast ihn also verachtet, weil er sich als Moslem verkleidet hat. Hast du dich in seiner Gegenwart geschämt?

— Ich war nie dabei. Wenn er sich verkleidete und wegritt. Er war manchmal wochenlang weg.

— Du warst nicht dabei?

— Nein. Denken Sie doch mit. So viel Mühe auf die Verkleidung verwandt, und dann einen Ungläubigen als Diener? Aus Gujarat? Unmöglich. Diese Menschen verkehren nur mit ihresgleichen. Ich blieb im Lager. Wo ich niemanden kannte. Ich meine, ich kannte sehr wohl einige der anderen Diener vom Sehen und Hörensagen. Aber mir lag wenig an ihrer Gesellschaft.

— Und die Sepoy?

— Sie gaben sich nicht mit uns ab. Sie hielten sich für etwas Besseres. Können Sie das glauben? Sie sind auch nur Diener, und die Arbeit, die sie für ihre Herren erledigen, ist die schmutzigste Arbeit, die es gibt. Das Rauben und das Morden. Doch sie halten sich für etwas Besseres als jene, die den Haushalt in Ordnung halten.

— Seine Kameraden? Was sagten sie zu seinen Wandlungen?

— Ich weiß es nicht. Ich habe sie selten gesehen. In dem Zelt konnten wir keine Besucher empfangen. Ich habe nur gehört, sie hätten begonnen, ihn in der Messe den weißen Neger zu schimpfen. Sie fanden, er wird seinem Volk untreu, wenn er sich wie einer der Wilden anzieht.

— Es war doch von militärischem Nutzen, er war Kundschafter für die Armee der Angrezi, was er tat, tat er also zum Wohle der Ehrenwerten Gesellschaft.

— Sie empfanden sein Verhalten trotzdem als ungebührlich. Es gab jene, die meinten, zuviel Umgang mit den Einheimischen sei ungesund. Und einige waren der Ansicht, auf die Informationen, die er einhole, könne man ebensogut verzichten. Er setzte sich einem Verdacht aus. Einem schwerwiegenden, üblen Verdacht. Als würde er Unkraut in den gesäten, gehegten, gestutzten Garten hineintragen. Jeder weiß, wie schnell sich Unkraut ausbreiten kann.

— Unkraut, ja, Unkraut, wenn es einmal durch den Zaun dringt, wenn es nicht rechtzeitig getilgt wird. Sehr gut, von der anderen Seite aus betrachtet gibt uns das Hoffnung, nicht wahr? Übrigens, ich habe gestern vergessen, wir müssen über das Honorar reden. Was du angezahlt hast, ist natürlich längst nicht ausreichend. Ich denke, es wäre nötig, daß du noch einmal acht Rupien zahlst.

— Das sind dann ja insgesamt sechzehn.

— Na und! Wie viele Tage beschäftige ich mich schon mit dir? Der halbe Mond ist verflossen. Da jammerst du über sechzehn Rupien.

24.

EIN TAPFERER KRIEGER

Wenn Burton oder Naukaram oder ein anderer Fremder über den Sindh blickten, sahen sie eine uneinlösbare Wüste. Der General hingegen sah fruchtbares Land, und er sah, wie es zum Erblühen gebracht werden könnte, mit einer für Träume ganz ungewöhnlichen Genauigkeit. Die Bauern müßten autark werden. Den Großgrundbesitzern, die sich die Gebiete am Ufer, die Sümpfe, als private Jagdparks hielten, müßte die Kontrolle über den Indus entrissen werden. Die überwucherten, vom Treibsand gefüllten Kanäle müßten freigelegt werden — so geschärft war sein Traum, er sah die Schaufeln über den Schultern der Arbeiter —, das Flußwasser müßte gestaut, weitere Schleusen errichtet und durch weitverzweigte Bewässerung neues Acker- und Reisland gewonnen werden. Ein Hauptmann namens Walter Scott erhielt den Auftrag, das Land zu vermessen, bevor mit dem Ausheben begonnen werden konnte. Der Traum des Generals umfaßte sogar die Gebühren, die einzuführen wären. Im Rahmen eines effizienten und gerechten Systems würde Ackerland auf vierzehn Jahre verpachtet werden, die ersten zwei Jahre vom Zins befreit. Er war äußerst penibel, der General. Er reichte seinen bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Traum in mehrfacher Ausfertigung ein. Doch die Direktoren der Ehrenwerten Ostindischen Gesellschaft fürchteten, eine Neubelebung dieses Ausmaßes würde ihnen teuer zu stehen kommen, in Zeiten, in denen die Bilanzen schlecht standen. Erst als er das abschlägige Schriftstück las, wurde der General rüde aus seinem Traum geweckt, und als er aus seinem Fenster schaute, sah auch er nur rettungslose Öde. Der Auftrag wurde geändert. Das Land sollte nicht mehr verbessert, nur noch vermessen werden.

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