Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
— Ich weiß nicht, ob ich das bewundern soll.
— Es war verwirrend, die Zeit im Sindh. Wir segelten nach Karachi. Von Bombay aus. Eine Reise von wenigen Tagen nur. Eine Reise in die Wildnis. Von dem Tag an, an dem ich meinen Fuß auf dieses Land setzte, wußte ich, ich gehörte nicht dazu. Ich fiel als Fremder auf. Ich blieb ein Fremder. Ich benötigte meine ganze Kraft, um nicht zu vergessen, wer ich war. Burton Saheb hingegen verdoppelte den Einsatz. Er wollte für einen Moslem gehalten werden. Können Sie sich etwas Schwierigeres vorstellen? Und Widerlicheres? Er mußte so viel auswendig lernen. Den ganzen Tag murmelte er vor sich hin. Ich verstand kein Wort. Trotzdem zwang er mich, ihm zuzuhören, wie er diese harschen Geräusche von sich gab. Die Gicht möge alle Zungen befallen, die sich so verkrümmen. Das allein reichte nicht. Er mußte mit einer Hand auf der Hüfte gehen. Er mußte sich das Pfeifen abgewöhnen. Wissen Sie, diese dämlichen Miya glauben, die Firengi unterhalten sich mit dem Teufel, wenn sie pfeifen. Statt dessen lernte er leise zu summen. Er mußte sich angewöhnen, mit der rechten Hand über seinen Bart zu streichen. Er mußte üben, lange zu schweigen. Das Schweigen für sich sprechen zu lassen. Ich muß Ihnen sagen, das fiel ihm am schwersten.
— All das hat er bestimmt nicht von einem Tag auf den anderen gelernt?
— Es hat gedauert. Er hat Monate gebraucht, bis er den Turban richtig binden konnte. Er war erstaunlich. Er konnte seinen Geist der Geduld anvertrauen, und er konnte in Tobsucht fallen, weil etwas nicht sofort erledigt wurde. Und mit wütender Geduld überwand er sogar die größte Herausforderung, die sich ihm stellte — das Kamel. Sein erster Versuch, auf einem Kamel zu reiten, endete in einer Schmach. Sie hat mich, ich muß es zugeben, sehr vergnügt. Er bildete sich ein, es sei ein leichtes, ein Kamel zu reiten, wenn man ein Pferd reiten konnte. Er schwang sich auf den Rücken eines Tieres, ohne sich vorher über sein Wesen informiert zu haben. Das Kamel jaulte und blökte, es wehrte sich mit allen Kräften. Als Lasttier war es einen Reiter nicht gewohnt. Kaum saß Burton Saheb, begann es nach ihm zu schnappen, nach seinen Stiefeln. Er zog sein Schwert und stach dem Tier in die Nase, jedesmal, wenn es seinen Kopf drehte. So ging es hin und her, bis das Tier ohne Vorwarnung lostrabte. Endlich, es gehorcht seinen Befehlen, dachte ich. Ich irrte. Bald galoppierte es auf den nächsten Baum zu, es jagte unter dem dornigen Schirm des Baumes hinweg, und wenn Burton Saheb sich nicht geistesgegenwärtig geduckt hätte, sein Gesicht wäre zerkratzt und seine Augen ausgestochen worden. Als auch dieser Trick nichts half, blieb das Kamel regungslos stehen. Nichts, was Burton Saheb versuchte, konnte das Tier aus seiner Erstarrung bewegen. Er versuchte alles, er redete ihm gut zu, er gab ihm die Hacken, er peitschte auf das Kamel ein, er bearbeitete seine Flanken mit dem Rapier. Völlig vergeblich. Das Kamel entschied selbst, wann es sich wieder regen würde. Als es soweit war, schien es endlich gefügig zu sein. Es trabte los mit erhobenem Hals, scheinbar versöhnt, scheinbar gutmütig, und Burton Saheb grinste mich zufrieden an. Das Grinsen hielt sich nicht lange, das Tier verließ den Pfad und hielt schnurstracks auf den nahen Sumpf zu. Von weitem sahen wir, wie Burton Saheb sein Schwert hochhielt, als überlege er, ob er das Tier umbringen sollte, bevor es im Morast versank. Aber es war schon zu spät. Es rutschte schon hinein, es versank, es knickte ein und fiel zur Seite. Burton Saheb wurde abgeworfen, er landete im Schlamm, und wir mußten ihm, als wir ihn mit schnellen Schritten erreichten, einen langen Stock reichen, an dem er sich herausziehen konnte. Sie können sich vorstellen, wie er aussah. Wir mußten unsere Belustigung unterdrücken. Erst nachher, am Abend, konnten wir ungehemmt lachen.
— Es fällt mir schwer, deiner Erzählung zu glauben. Ein Kamel zu reiten und sich über den Bart zu streichen, das macht aus einem Menschen noch lange keinen Moslem.
— Ich weiß nicht, ob ich es erwähnt habe. In Baroda hat er von Guruji einiges über unseren Santano Dharma gelernt. Kurz vor unserem Abschied begleitete er ihn sogar zu einem Shivaaratri-Fest, in einem Tempel nahe der Narmada. Er erzählte nachher, er habe die ganze Nacht mit den anderen Nandera-Brahmanen Bhajans gesungen, er habe Gott begleitet, als dieser auf einem Palankin aus dem Tempel getragen wurde. Kaum erreichten wir den Sindh, vergaß er alles über Shiva und Lakschmi-Narayan. Er versenkte sich in den Aberglauben der Kastrierten, als habe er ein Leben lang darauf gewartet. Ich habe keine Ahnung, was ihn daran so gereizt hat. Zuerst hat er behauptet, er studiere es nur, um die Einheimischen besser zu verstehen. Aber er konnte mir nichts vormachen, ich habe bemerkt, mit welcher Hingabe er sich den Ritualen widmete, wieviel Zeit er damit verbrachte, auswendig zu lernen, was er kaum verstand. Da verstand ich, er nahm an, in seinem Glauben genauso von einem Überwurf zum anderen wandeln zu können wie in seinem Benehmen, in seiner Kleidung, in seiner Sprache. Und als mir das klarwurde, verlor ich einen Teil meines Respektes für ihn.
— Du bist kleinlich. Ortswechsel bedingen Glaubenswechsel.
— Wie meinen Sie?
— Wieso haben wir so viele verschiedene Formen unseres eigenen Glaubens? Weil die Anforderungen an den Glauben im Wald anders sind als in der Ebene oder in der Wüste. Weil die Gewürze vor Ort den Geschmack des gesamten Gerichtes verändern.
22.
ÄLTER ALS SEIN BRUDER
Wir essen Sand, wir atmen Sand, wir denken Sand. Die Häuser sind aus Sand, die Dächer sind aus Sand, die Wände sind aus Sand, die Brüstungen sind aus Sand, die Fundamente sind aus Felsgestein, bedeckt von Sand. Wir sind, das habt Ihr fast richtig erraten, im Sindh. Es geht uns gut dabei, habt keine Sorge. Diese Diät dient unserer Camouflage. Wenn wir uns begegnen würden, auf freier Öde, Ihr würdet meinen, ein aufrechtes, uniformiertes Fossil zu sehen, gewisse Ähnlichkeiten mit Eurem Sohn zugestanden. Als Fossil überlebt es sich am längsten, meine Gesundheit gedeiht. Karachi, der Hafen, wo unser Imperium neuerdings seine beringte Hand anlegt, ist nicht mehr als ein großes Dorf von etwa fünftausend Einwohnern (vielleicht sind es auch doppelt soviel, wer weiß das schon, es wird nicht bewohnt von zählbaren Körpern, sondern von Schatten, die sich mal spalten, mal miteinander verschmelzen). Karachi — ich wiederhole den Namen so gerne, er beschwört den Klang eines neapolitanischen Fluches, findest Du nicht auch, Vater? — ist umgeben von Mauern mit Löchern wie Nüstern, durch die wir im Belagerungsfall kochendes Wasser gießen können. Wer sollte uns belagern? Ob sich Schatten verbrühen lassen? Jedes Haus wirkt wie eine kleine Festung, seltsam, die Festungen gehen ineinander über. Straßen gibt es keine, nur äußerst enge Gassen. Der einzige offene Platz ist der Basar, ein armseliges Exemplar eines Marktplatzes, die Läden brüchig geschützt von einem Dach aus Dattelblättern, das weder dem Regen noch der Sonne standhält. Meistens stinkt es zum Himmel, die Kanalisation ist eine vage Absicht. Aber sorgt Euch nicht, es gibt eine Prophylaxe gegen Cholera und Typhus, wie auch gegen Schuß- und Stichwunden, sogar gegen Dummheit und Verbohrtheit — sie heißt Glück, und ich habe diese Prophylaxe getroffen. An guten Tagen verdanken wir dem Meer etwas frische Luft. Bei Ebbe erhebt sich eine Reihe von Schlammbänken aus dem Hafenbecken. Sie bocken die Schiffe auf, die mit schiefem Bedauern dieses Intermezzo erdulden. Der Boden hier ist aus Lehm, so dickschädelig wie die Menschen, wir müssen die Pflöcke mit Hauruck einhämmern. Erst wenige Bungalows sind errichtet, aber die Mächte, die unser Schicksal blind und stotternd verwalten, haben die Zukunft wohl bedacht. Eine Pferderennbahn ist unser aller Stolz. Wie werden wir beurteilt werden, einst, wenn Napier der Unnachgiebige so heldenhaft im Mythos leuchten wird wie Alexander der Große? Wie wird die Menschheit einer Zivilisation gedenken, die eine Pferderennbahn anlegt, noch bevor sie einen Gedanken an eine Kirche oder eine Bibliothek verschwendet? Sind wir das Abendland von Jesus oder von Equuleus?