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Der Weltensammler

Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.
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29.

NAUKARAM

II Aum Prathameshvaraaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II

— Ich muß Ihnen sagen, in den Jahren im Sindh wurde ich von einem Vertrauten zu einem Verbannten.

— Du bist in Ungnade gefallen?

— Er wandte sich von mir ab. Er besprach kaum noch etwas mit mir.

— Wundert dich das?

— Wieso?

— So abfällig, so haßerfüllt du über die Moslems sprichst, wie sollte er so einem Menschen anvertrauen, welche aufregenden Entdeckungen er auf seinen neuen Reisen machte?

— Wieso sagen Sie haßerfüllt? Ich hatte keinen Haß. Ich wußte kaum etwas über die Miya, als wir ankamen. Sie wissen nicht, wozu sie imstande sind. Sie zwangen unsere Leute, Miya zu werden. Die Schandtaten, sie waren unerträglich. Ist es Haß, wenn ich das sage? Ein Banyan wurde fälschlich angeklagt. Ich glaube, er hatte eine Auseinandersetzung mit einem anderen Geschäftsmann gehabt.

— Einem Miya?

— Ja, natürlich. Die Anschuldigung war offensichtlich an den Haaren herbeigezogen. Und wie hat der Kadi entschieden? Der Banyan wurde abgeführt. Seine Kleidung wurde ihm ausgezogen. Er wurde gewaschen, so wie die Miya meinen, der Mensch müsse sich waschen. Dreimal hier und dreimal dort, und zwischendrin wird immer wieder etwas gekrächzt. Dann zogen sie ihm neue Kleidung an und trugen ihn zur Moschee. Sie bewarfen ihn mit ihren Gebeten. Er mußte nachsprechen, daß er glaubt, was ein Miya zu glauben hat. Und nur weil er sich nicht verhaspelte, hören Sie sich das an, wurde aufgeregt verkündet, ein Wunder sei geschehen. Und dann kam das schrecklichste, der arme Mann, er wurde beschnitten.

— Mit dem Messer?

— Wie sonst? Er wurde verstümmelt, das ist ein Leben lang nicht gutzumachen.

— Ich habe gehört, es soll reinlicher sein.

— Haben Sie kein Mitgefühl? Ein unschuldiger Mensch, einer von uns, der verunstaltet wurde. Einen Menschen zu einem anderen Glauben zu zwingen, das ist eine Vergewaltigung, die nie endet.

— Gewiß, gewiß. Ich bezweifele allerdings, daß es so oft vorkommt. Solche Geschichten, wie du sie gerade erzählst, sie gehören zu jenen, von denen man immerzu hört, die man selber aber nie erlebt, und man kennt auch keinen, der sie erlebt hätte.

— Sie verschließen die Augen. Deshalb. Und wenn Sie Ihre Augen wieder öffnen, wird es zu spät sein.

— Das reicht. Wir haben gestern schon die meiste Zeit verschwendet mit deinen Tiraden.

— Sehen Sie, wie die Miya mir heute noch schaden. Wieso haben Sie mich nicht unterbrochen?

— Ich dachte, es tut dir gut, darüber zu reden. Dieses Gift frißt dich offensichtlich von innen auf.

— Sie müssen mich unterbrechen, wenn ich auf Abwege komme. Ich habe keine Zeit und auch kein Geld mehr. Ich muß Sie bitten, Sie müssen mir die Zahlung bis morgen stunden. Einer meiner Brüder, er schuldet mir noch etwas. Er war einer der Diener damals.

— Dann laß uns für heute einen Schlußstrich ziehen. Und morgen weitermachen, ohne Haß und mit dem Geld, das du mir schuldest.

30.

HERR DER GANZEN WELT

Zwei Schleier trennten sie, die Herrscher, von den Menschen des Landes. Der Schleier der eigenen Unwissenheit und der Schleier des Mißtrauens, hinter dem sich die Einheimischen versteckten. Der General wußte, die Schleier würden sich nicht wegreißen lassen, aber er hatte sich fest vorgenommen, etwas besser durch sie hindurchzusehen. Wie alle Administratoren des Imperiums verbrachte er seine Tage am Schreibtisch, ritt nur mit Eskorte aus, bekam stets nur das gezeigt, was sein Wohlwollen finden würde, nach Einschätzung der einheimischen Emire sowie der eigenen Untergebenen. Es brannte ihm unter den Fingernägeln, wie wenig er von dem Land und seinen Menschen wußte. Seine Adjutanten studierten unzählige Papiere mit der Beflissenheit von Eulen, aber sie hatten noch nie an einem Beschneidungsfest, an einer Hochzeit oder einer Beerdigung teilgenommen. Kenntnisse des Persischen, des Urdu oder des Sindhi waren die Ausnahme. Die Lage verbesserte sich nicht im Laufe der Jahre. Die jüngeren unter seinen Beamten und Offizieren kapselten sich noch mehr von den Einheimischen ab. Sie legten Wert auf eine gepflegte, kompromißlos britische Erscheinung, folglich schlossen sie sich ein in das Vakuum der eigenen Räumlichkeiten. Sie nutzten ihren Anspruch auf regelmäßigen Heimurlaub. Sie kehrten mit ihren Gemahlinnen zurück. Der Sinn für Sittlichkeit hatte zugenommen, und darunter verstand man vor allem die Verteidigung des Eigenen gegen das Fremde. Dieser Moralkodex, so wertvoll er in der Heimat auch sein mochte, er verblendete die Offiziere und Beamten, die ihm unterstanden. Sie waren die blinden Tentakel jenes Monstrums, das von einer kleinen Straße in London aus die halbe Welt verwaltete. Allein unsere Kenntnis des Gegners macht uns stark, sagte der General. Wir müssen unsere Kenntnisse vertiefen. Diese Wißbegier unterscheidet uns von den Einheimischen. Wer hätte schon einmal gehört, daß einer von ihnen sich auf den Weg macht, etwas über uns zu erfahren? Sollten sie eines Tages uns erforschen, unsere Schwächen und unsere Ängste, dann werden sie uns empfindlich treffen können, sie werden zu Gegnern heranwachsen, denen wir eine gehörige Portion Respekt entgegenbringen müßten. Seine Mahnungen blieben ohne Wirkung. Man hielt ihn allenthalben für einen skurrilen, streitlustigen Greis. Keiner hätte behauptet, daß der General ein zufriedener Herrscher war. Gelegentlich geriet er in einen Tobsuchtsanfall und provozierte sie mit den bittersten aller Wahrheiten. Wozu dient unsere Verwaltung in Britisch-Indien? Der Eroberung? Dem Wohl der Massen? Der Gerechtigkeit? Ganz gewiß nicht. Seien wir ehrlich. Sie dient nur dem Zweck, das Rauben und Plündern zu erleichtern. Die Untergebenen hatten gelernt, ihren Blick zu hüten und ihren Gesichtsausdruck einzufrieren. Alles Töten, alles Sterben, nur damit unser Handel entscheidende Vorteile gegenüber den Konkurrenten erhält. Alles Leid, nur um die Herrschaft von Idioten zu untermauern. ›Wir dienen in einer Galaxie von Eseln.‹ Der General löckte vergeblich wider den Stachel. Je offener er die Wahrheit aussprach, desto verrückter wähnten ihn seine Untergebenen. So etwas konnte man sich nur als Oberbefehlshaber leisten. Sie riefen sich in Erinnerung: Der General ist auf dem Weg in den Ruhestand. Wir sind die Zukunft.

Es gab wenige Männer, auf die er sich verlassen konnte, Männer wie dieser Burton, der vertrauenswürdig von dem Treiben der Einheimischen berichtete. Er unterhielt sich gerne mit ihm. Sein Blick auf die Dinge war so frisch, als sei die Schöpfung gerade erst vollzogen worden. Aber eine Schwäche hatte dieser junge Mann, eine fatale Schwäche. Er beließ es nicht dabei, die Fremde zu beobachten. Er wollte an ihr teilnehmen. Er war ihr verfallen, so sehr, daß er sie sogar bewahren wollte in ihrem zurückgebliebenen Zustand. Ihre Positionen standen sich diametral gegenüber. Der General war getrieben, die Fremde zu verändern, zu verbessern. Dieser Burton hingegen wollte die Fremde sich selbst überlassen, weil die Verbesserung der Fremde ihre Auslöschung bedeuten würde. Das war dem General unverständlich, zumal dieser junge Soldat keinen Deut daran zweifelte, daß die britische Zivilisation dem einheimischen Brauchtum überlegen war. Sollte sich das Überlegene nicht durchsetzen? War das nicht der natürliche Fortgang der Geschichte? Konsequentes Denken war nicht die Stärke dieses Offiziers. Wie jeder andere auch, echauffierte er sich über die allgegenwärtige Dummheit und Faulheit und Roheit. Er konnte mit vehementer Abfälligkeit urteilen. Wie bei der These, auf die er sich neulich versteift hatte. Neid, Haß und Bosheit seien die Samen, die der Einheimische verstreue, wo er nur könne. Nicht aus einer teuflischen Gesinnung heraus, sondern weil er einen entsprechenden Instinkt besitze, genährt von seiner gerissenen Schwäche. Starker Tobak. Doch der Urheber solcher Verdikte wollte trotzdem die einheimischen Regeln einhalten. Manchmal hegte er den Verdacht, er spiele ihm diese selbstgerechte Entrüstung vor, um sich gegen den Vorwurf zu verwahren, er sei zu weich gegenüber den Einheimischen. Er war ein Rätsel, dieser Burton. Er vertrat meistens eine Meinung, die man von ihm nicht erwartete. Mörder sollten nicht gehängt werden, hatte er bei ihrem letzten Gespräch plädiert. Sie sollten wie gehabt vor eine Kanone gespannt werden, die dann abgefeuert wird. Brutal, zugegeben. Ich denke allerdings, unser Mitgefühl muß auf den erprobten Pfaden des Realistischen wandeln. Wir dürfen die Abschreckung nicht aus den Augen verlieren. Dem in Stücke gerissenen Mörder wird das Begräbnis verwehrt, ohne das kein Moslem in das Paradies gelangen kann. Wenn wir hängen, sollten wir die Leiche verbrennen lassen, aus denselben Gründen. Gleiches Recht für alle, das funktioniert hier nicht. Unser Strafrecht hat auf dem langen Transportweg an Effizienz verloren. Sehen Sie, jemanden einzusperren, das mag in Manchester wirkungsvoll sein, im Sindh ist es geradezu kontraproduktiv. Das gemeine Maskulinum in diesen Breiten empfindet einige Monate in unseren Gefängnissen als Erholung. Essen, trinken, dösen und in Ruhe die Pfeife rauchen. Statt dessen sollten wir die Ärmeren unter den Verbrechern auspeitschen und die Reicheren zur Kasse bitten. Das wird Eindruck hinterlassen. Nein, konsequent war er bestimmt nicht, dieser Offizier mit dem Auftrag, dem General persönlich Rapport zu erstatten.

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