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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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»Ich habe mich schon gefragt, ob du es immer noch kannst«, sagte sie.

»Was?«

»Meine Gedanken lesen. Irgendwie habe ich mir gewünscht, dass du es noch kannst.« Ihr breiter Mund zuckte befangen, und sie versuchte zu lächeln.

»Ich schätze, ich bin ein bisschen aus der Übung«, sagte ich. »Aber lass mir einen Augenblick Zeit.« Ich streckte die Hand aus und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Sie sah mich an, blickte aber an mir vorbei, zu schüchtern, um meinem Blick zu begegnen. Ein Ziegenmelker rief tief in den grünen Schatten.

»Schon gut, Baby«, sagte ich. »Wie weit bist du denn?«

Der Atem entfuhr ihr in einem tiefen Seufzer. Ihr Gesicht erschlaffte erleichtert.

»Zwei Monate.«

Jetzt sah sie mich direkt an, und wie schon so oft seit ihrer Ankunft spürte ich ein leises Erschrecken darüber, wie anders sie war. Früher wäre ihre Erleichterung die eines Kindes gewesen; sie hätte mir ihre Angst eingestanden, und damit wäre sie schon halb überstanden gewesen, weil sie wusste, dass ich mich schon irgendwie darum kümmern würde. Doch jetzt war es nur noch die Erleichterung darüber, ein unerträgliches Geheimnis mit mir zu teilen; sie erwartete nicht, dass ich die Dinge in Ordnung bringen würde. Das Wissen, dass ich gar nichts tun konnte, verhinderte in keiner Weise, dass ich ein irrationales Verlustgefühl empfand.

Sie drückte mir die Hand, wie um mich zu beruhigen, und setzte sich dann hin, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, die Beine vor ihr ausgestreckt, die langen Füße nackt.

»Hast du es schon gewusst?«

Ich setzte mich neben sie, weniger elegant.

»Ich schätze schon; aber ich wusste nicht, dass ich es wusste, falls das einen Sinn ergibt.« Als ich sie jetzt ansah, war es offensichtlich; ihre leichte Blässe und die winzigen Veränderungen ihrer Hautfarbe, ihr flüchtig nach innen gewandter Blick. Ich hatte es bemerkt, doch die Veränderungen ihrer ungewohnten Lage und der Anstrengung zugeschrieben – dem Ansturm der Gefühle über das Wiedersehen mit mir, der Begegnung mit Jamie, ihrer Sorge über Lizzies Krankheit, ihrer Sorge um Roger.

Ausgerechnet diese Sorge nahm plötzlich eine neue Dimension an.

»Oh, Gott. Roger!«

Sie nickte, bleich im gefilterten, gelben Schatten der Kastanienblätter über uns. Sie sah kränklich aus, und das war ja auch kein Wunder.

»Es sind schon fast zwei Monate. Er hätte längst hier sein müssen – es sei denn, es ist etwas passiert.«

Mein Verstand war mit Berechnungen beschäftigt.

»Zwei Monate, und jetzt ist es fast November.« Die Blätter lagen dick und weich unter uns, gelb und braun, frisch von den Hickorybäumen und Kastanien gefallen. Mir sank plötzlich das Herz. »Brianna – du musst zurück.«

»Was?« Ihr Kopf fuhr auf. »Zurück wohin?«

»Zu den Steinen.« Ich gestikulierte aufgeregt mit der Hand. »Nach Schottland, und zwar sofort.«

Sie starrte mich an, die dichten Brauen zusammengezogen.

»Jetzt? Wozu?«

Ich holte tief Luft und spürte, wie in mir ein Dutzend Emotionen kollidierten. Sorge um Brianna, Angst um Roger, schreckliche Traurigkeit um Jamies willen, der sie so schnell wieder würde aufgeben müssen. Und um meinetwillen.

»Du kannst schwanger durchkommen. So viel wissen wir, weil ich es mit dir auch geschafft habe. Aber, Schätzchen – du kannst kein Baby mitnehmen durch dieses … dieses … es geht nicht«, schloss ich hilflos. »Du weißt, wie es ist.« Es war drei Jahre her, seit ich durch die Steine gekommen war, doch ich erinnerte mich lebhaft daran.

Ihre Augen wurden schwarz, als das wenige restliche Blut ihr aus dem Gesicht wich.

»Du kannst kein Kind mitnehmen«, wiederholte ich, während ich versuchte, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen, logisch zu denken. »Es wäre so, als würdest du mit dem Baby in den Armen von den Niagarafällen springen. Du musst zurück, bevor es geboren ist, oder …« Ich brach ab und rechnete nach.

»Es ist fast November. Von Ende November bis März fährt kein Schiff. Und du kannst nicht bis März warten – das würde bedeuten, dass du im sechsten oder siebten Monat eine zweimonatige Atlantiküberfahrt machst. Und wenn du nicht auf dem Schiff entbinden würdest – was dich oder das Baby oder euch beide wahrscheinlich umbringen würde –, müsstest du immer noch die dreißig Meilen bis zu dem Kreis reiten, die Passage schaffen und dir auf der anderen Seite Hilfe suchen … Brianna, das geht nicht! Du musst jetzt gehen, so schnell wir es arrangieren können.«

»Und wenn ich jetzt gehe – wie kann ich sichergehen, dass ich in der richtigen Zeit herauskomme?«

Sie sprach ruhig, doch ihre Finger kneteten den Stoff ihres Rockes.

»Du – meinst – na ja, ich habe es doch auch getan«, sagte ich, während meine ursprüngliche Panik langsam rationalen Gedanken wich.

»Du hattest Papa am anderen Ende.« Sie sah mich scharf an. »Ob du zu ihm gehen wolltest oder nicht, du hattest starke Empfindungen für ihn – er hätte dich angezogen. Oder mich. Aber er ist nicht mehr da.« Ihr Gesicht verkrampfte sich und entspannte sich dann wieder.

»Roger wusste – weiß –, wie«, verbesserte sie sich. »In Geillis Duncans Buch stand, dass man Edelsteine für die Passage benutzen kann – als Schutz und zur Navigation.«

»Aber das sind doch nur Vermutungen von Roger und von dir!«, wandte ich ein. »Und von der verflixten Geillis Duncan! Vielleicht braucht man weder Edelsteine noch eine starke Bindung. In den alten Märchen sind es immer zweihundert Jahre, wenn jemand einen Feenhügel betritt und dann zurückkehrt. Wenn das das normale Muster ist, dann …«

»Würdest du das Risiko eingehen, herauszufinden, dass es das nicht ist? Und es stimmt nicht – Geillis Duncan ist mehr als zweihundert Jahre zurückgegangen.«

Erst jetzt kam mir der Gedanke, dass sie selbst schon über all dies nachgedacht hatte. Nichts von dem, was ich sagte, überraschte sie. Und das bedeutete, dass sie auch schon zu ihrem eigenen Schluss gekommen war – und dieser beinhaltete keine Schiffsreise zurück nach Schottland.

Ich rieb mir die Stelle zwischen den Augenbrauen und bemühte mich um dieselbe Ruhe, die sie selbst ausstrahlte. Die Erwähnung von Geillis’ Namen hatte mir eine andere Erinnerung ins Gedächtnis gerufen – allerdings eine, die ich versucht hatte zu vergessen.

»Es gibt noch einen Weg«, sagte ich und rang um Ruhe. »Noch eine Passage, meine ich. Sie ist auf Haiti – jetzt nennt man es Hispaniola. Dort ist ein Steinkreis auf einem Hügel im Dschungel, doch der Spalt, die Passage, ist darunter in einer Höhle.«

Die Waldluft war kühl, doch es war nicht der Schatten, der mir eine Gänsehaut verursachte. Ich rieb mir die Unterarme und versuchte, die Kälte zu vertreiben. Ich hätte gern auch alle Erinnerungen an die Höhle von Abandawe vertrieben – ich hatte es versucht –, doch sie war kein Ort, den man einfach so vergaß.

»Du bist da gewesen?« Sie beugte sich gebannt vor.

»Ja. Es ist schrecklich dort. Aber die Westindischen Inseln sind viel näher als Schottland, und es fahren fast das ganze Jahr über Schiffe von Charleston nach Jamaika.« Ich holte tief Luft und fühlte mich schon etwas besser. »Der Weg durch den Dschungel wäre nicht einfach – aber dir bliebe etwas mehr Zeit – genug, damit wir Roger suchen können.« Wenn er noch zu finden war, dachte ich, sprach es aber nicht aus. Mit dieser Befürchtung konnten wir uns später befassen.

Eins der Kastanienblätter fiel Brianna kreiselnd in den Schoß, ein lebhafter Gelbton auf dem sanften Braun des handgesponnenen Stoffes. Sie nahm es in die Hand und strich die wachsartige Oberfläche geistesabwesend mit dem Daumen glatt. Sie sah mich mit gebannten, blauen Augen an.

»Funktioniert die Stelle genauso wie die andere?«

»Ich habe keine Ahnung, wie sie funktionieren! Es hat sich anders angehört, ein Glockenklang anstelle des Summens. Doch es war eindeutig eine Passage.«

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