Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Fürst Nikolai Andrejewitsch hörte zu, so wie ein höherer Richter die Berichte anhört, die ihm erstattet werden, und bekundete nur von Zeit zu Zeit durch eine stumme Gebärde oder durch ein kurzes Wort, daß er das, was ihm berichtet wurde, zur Kenntnis nahm. Aus dem Ton des Gesprächs war zu entnehmen, daß keiner das billigte, was im politischen Leben vorging. Es wurden Ereignisse erzählt, welche deutlich zeigten, daß alles einen immer schlechteren Gang nahm; aber bei jeder Erzählung und Kritik war auffallend, daß der Redende jedesmal an demjenigen Punkt entweder selbst innehielt oder von einem andern angehalten wurde, wo die Kritik sich auf die Person des Kaisers zu beziehen begann.
Bei Tisch kam das Gespräch auf die letzte politische Neuigkeit: die Annexion der Länder des Herzogs von Oldenburg durch Napoleon und die gegen Napoleon gerichtete Note, welche die russische Regierung an alle europäischen Höfe gesandt hatte.
»Bonaparte verfährt mit Europa wie ein Pirat mit einem eroberten Schiff«, bemerkte Graf Rastoptschin und wiederholte damit eine Wendung, deren er sich an anderen Stellen bereits mehrmals bedient hatte. »Man kann sich nur über die Langmut oder die Verblendung der Herrscher wundern. Jetzt kommt nun der Papst an die Reihe: Bonaparte, der sich vor nichts mehr zu scheuen scheint, will das Oberhaupt der katholischen Kirche stürzen – und alle schweigen dazu! Der einzige, der gegen die Einziehung der Besitzungen des Herzogs von Oldenburg protestiert hat, ist unser Kaiser, und das …« Hier brach Graf Rastoptschin ab, da er merkte, daß er an die Grenze gelangt war, bei der die Kritik haltzumachen hatte.
»Es sind ihm andere Besitzungen an Stelle des Herzogtums Oldenburg angeboten worden«, sagte Fürst Nikolai Andrejewitsch. »Gerade wie ich Bauern von Lysyje-Gory nach Bogutscharowo und den Rjasanschen Gütern versetzt habe, so macht er es mit Herzögen.«
»Der Herzog von Oldenburg erträgt sein Unglück mit einer bewundernswerten Charakterstärke und Ergebung«, beteiligte sich Boris respektvoll an dem Gespräch.
Er sagte das deswegen, weil er auf der Fahrt von Petersburg die Ehre gehabt hatte, dem Herzog vorgestellt zu werden. Fürst Nikolai Andrejewitsch sah den jungen Mann so an, als wollte er ihm etwas darauf erwidern; aber er besann sich eines andern, da er ihn dafür denn doch für zu jung erachtete.
»Ich habe unseren Protest in der oldenburgischen Angelegenheit gelesen und bin über die schlechte Form, in der die Note abgefaßt ist, erstaunt gewesen«, sagte Graf Rastoptschin in dem lässigen Ton eines Mannes, der über eine Sache urteilt, in der er gut Bescheid weiß. Pierre blickte den Grafen Rastoptschin mit naiver Verwunderung an und begriff nicht, warum ihn die schlechte Fassung der Note so verdrießen könne.
»Ist es denn nicht ganz gleich, wie die Note geschrieben ist, Graf«, sagte er, »wenn nur ihr Inhalt kräftig und energisch ist?«
»Mein Lieber, mit unseren fünfmalhunderttausend Mann Soldaten ist es eigentlich leicht, einen guten Stil zu schreiben«, erwiderte Graf Rastoptschin. Pierre begriff nun, was dem Grafen Rastoptschin an der Fassung der Note mißfiel.
»Die Sorte der schlechten Schreiber scheint sich gewaltig vermehrt zu haben«, sagte der alte Fürst. »Da in Petersburg schreibt jeder Mensch, und nicht nur Noten; sie schreiben auch neue Gesetze. Mein Andrei hat für Rußland einen ganzen Band neuer Gesetze zusammengeschrieben. Heutzutage schreibt eben jeder!« Er lachte in gekünstelter Art.
Das Gespräch verstummte einen Augenblick; dann zog der alte General dadurch, daß er sich räusperte, die Aufmerksamkeit auf sich.
»Haben Sie schon von den Vorfällen bei den letzten Paraden in Petersburg gehört? Der neue französische Gesandte hat sich in einer unerhörten Weise benommen!«
»Ja, ich habe etwas davon gehört; er hat in Gegenwart Seiner Majestät etwas Ungehöriges gesagt.«
»Seine Majestät lenkte bei der vorletzten Parade die Aufmerksamkeit des Gesandten auf die Grenadierdivision und ihren Parademarsch«, fuhr der General fort, »aber der Gesandte soll gar nicht danach hingesehen, sondern gesagt haben: ›Wir legen bei uns in Frankreich auf solche nutzlosen Äußerlichkeiten keinen Wert.‹ Der Kaiser hat ihm darauf nichts erwidert. Aber bei der folgenden Parade hat er ihn, wie es heißt, nicht ein einziges Mal angeredet.«
Alle schwiegen; über diese Tatsache, die auf den Kaiser persönlich Bezug hatte, durfte keinerlei Kritik ausgesprochen werden.
»Eine freche Sorte!« sagte der Fürst. »Kennen Sie Métivier? Ich habe ihn heute aus meinem Haus gejagt. Er war hier; man hatte ihn zu mir hereingelassen, obwohl ich angeordnet hatte, niemandem den Eintritt zu gestatten«, fügte er mit einem zornigen Blick auf seine Tochter hinzu.
Und nun erzählte er sein ganzes Gespräch mit dem französischen Arzt und führte die Gründe an, die ihn zu der Überzeugung gebracht hatten, daß Métivier ein Spion sei. Obgleich diese Gründe sehr unzulänglich und unklar waren, wandte dennoch niemand etwas dagegen ein.
Nach dem Braten wurde Champagner gereicht. Die Gäste erhoben sich von ihren Plätzen und beglückwünschten den alten Fürsten. Auch Prinzessin Marja trat zu ihm.
Er sah sie mit einem kalten, grimmigen Blick an und hielt ihr seine runzlige, rasierte Wange zum Kuß hin. Der gesamte Ausdruck seines Gesichtes sagte ihr, daß er das Gespräch vom Vormittag keineswegs vergessen habe, daß sein Entschluß in voller Kraft bestehen bleibe, und daß er ihr das nur mit Rücksicht auf die Anwesenheit der Gäste nicht mit Worten ausspreche.
Als alle aus dem Speisezimmer wieder zum Kaffee in den Salon gegangen waren, setzten sich die alten Herren zusammen.
Fürst Nikolai Andrejewitsch wurde nun lebhafter und legte seine Ansicht über den bevorstehenden Krieg dar.
Er sagte, unsere Kriege mit Bonaparte würden so lange einen unglücklichen Verlauf nehmen, als wir Bündnisse mit den Deutschen suchten und uns in die europäischen Angelegenheiten einmischten, in die uns der Tilsiter Friede hineingezogen habe. Wir dürften weder für Österreich noch gegen Österreich Krieg führen. Unsere Politik habe sich ganz auf den Osten zu beschränken, und was Bonaparte beträfe, so sei das einzig Richtige eine starke Truppenmacht an der Grenze und eine feste, energische Politik; dann werde er nie wieder wagen, die russische Grenze zu überschreiten, wie im Jahre 1807.
»Aber wie wäre es denn möglich, daß wir mit den Franzosen Krieg führten, Fürst!« entgegnete Graf Rastoptschin. »Können wir denn gegen unsere Lehrmeister und Abgötter die Waffen erheben? Sehen Sie nur unsere Jugend an, sehen Sie nur unsere Damen an! Die Franzosen sind unsere Abgötter, und Paris ist unser Himmelreich.«
Er begann lauter zu sprechen, offenbar damit alle ihm zuhören möchten:
»Wir tragen französische Kleider, wir denken und fühlen wie Franzosen! Da haben Sie nun diesen Métivier mit einem Fußtritt hinausspediert, weil er ein Franzose und ein Nichtswürdiger ist; aber unsere Damen rutschen vor ihm auf den Knien herum. Gestern war ich auf einer Abendgesellschaft; da waren unter fünf anwesenden Damen drei Katholikinnen, die sich vom Papst besonderen Dispens haben geben lassen, am Sonntag auf Kanevas zu sticken; aber dabei saßen sie beinahe nackt da, wie die Figuren auf den Aushängeschildern der öffentlichen Badehäuser, mit Erlaubnis zu sagen. Ach, wenn ich so unsere jungen Leute ansehe, Fürst, da möchte ich am liebsten den alten Stock Peters des Großen aus der Kunstkammer nehmen und ihnen auf russische Manier den Buckel vollhauen; da sollte ihnen ihre Narrheit wohl vergehen!«