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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Er hört nicht … zweimal habe ich es gesagt …! er hört nicht! Sie ist die Erste in diesem Haus; sie ist meine beste Freundin«, schrie der Fürst. »Und wenn du«, schrie er zornig, indem er zum erstenmal an diesem Tag Prinzessin Marja anredete, »und wenn du dir noch einmal erlaubst, wie du dich gestern erdreistet hast, dich ihr gegenüber zu vergessen, so werde ich dir zeigen, wer Herr im Haus ist. Hinaus! Ich will dich nicht eher wiedersehen, ehe du sie nicht um Verzeihung gebeten hast!«

Prinzessin Marja bat ihre Gesellschafterin, ihr zu vergeben, und ebenso bat sie den Vater um Verzeihung für sich und den Diener Philipp, der sie angefleht hatte, ein gutes Wort für ihn einzulegen.

In solchen Augenblicken bildete sich in der Seele der Prinzessin Marja ein Gefühl heraus, das wie eine Art von Stolz auf das von ihr gebrachte Opfer aussah. Und dann traf es sich plötzlich, daß unmittelbar nach einer solchen Szene in ihrer Gegenwart dieser Vater, dessen Benehmen sie innerlich als hart und ungerecht verurteilte, seine Brille suchte, indem er neben ihr umhertastete, ohne sie zu sehen, oder etwas vergaß, was soeben geschehen war, oder mit seinen schwach gewordenen Beinen einen unsicheren Schritt tat und sich umsah, ob auch niemand seine Schwäche bemerkt habe, oder, was das Schlimmste war, beim Mittagessen, wenn keine Gäste da waren, die ihn sonst munter erhielten, plötzlich einschlummerte, die Serviette hinfallen ließ und sich mit seinem zitternden Kopf über den Teller neigte. »Er ist alt und schwach, und ich erdreiste mich, ihn zu verurteilen!« dachte sie in solchen Augenblicken, mit Abscheu gegen sich selbst.

III

Im Jahre 1810 lebte in Moskau ein französischer Arzt namens Métivier, der schnell Mode geworden war. Er war ein schöner Mann, von sehr hohem Wuchs, liebenswürdig wie alle Franzosen und, wie man in Moskau allgemein sagte, als Arzt außerordentlich tüchtig. Er verkehrte in den vornehmsten Häusern nicht als Arzt, sondern wie ein Gleichgestellter.

Fürst Nikolai Andrejewitsch spottete zwar über die medizinische Wissenschaft, hatte aber dennoch in der letzten Zeit auf Mademoiselle Bouriennes Rat diesen Arzt zu sich kommen lassen und sich dann an ihn gewöhnt. Métivier kam etwa zweimal wöchentlich zum Fürsten.

Am Nikolaustag, dem Namenstag des Fürsten, stellte sich ganz Moskau am Portal seines Hauses ein; aber er hatte Befehl gegeben, niemand anzunehmen und nur einige wenige, von denen er der Prinzessin Marja ein Verzeichnis eingehändigt hatte, zum Mittagessen einzuladen.

Métivier, der am Morgen zum Gratulieren kam, hielt sich in seiner Eigenschaft als Arzt für berechtigt, die Absperrung zu durchbrechen, wie er zu der Prinzessin Marja sagte, und ging zum Fürsten hinein. Es traf sich, daß der alte Fürst gerade am Morgen dieses Namenstages besonders schlechter Laune war. Er wanderte den ganzen Morgen durch das Haus, suchte mit allen, die er traf, Händel und stellte sich, als ob er nicht verstände, was sie zu ihm sagten, und als ob sie ihn nicht verständen. Prinzessin Marja kannte diesen Zustand stiller, verbissener Knurrigkeit, der gewöhnlich mit einem Wutausbruch endete, ganz genau und ging den ganzen Morgen über umher, wie wenn eine geladene Flinte mit aufgezogenen Hähnen auf sie gerichtet wäre und sie den unausbleiblichen Schuß erwartete. Die Stunden vor der Ankunft des Arztes waren glücklich vorübergegangen. Nachdem Prinzessin Marja den Arzt hereingelassen hatte, setzte sie sich im Salon mit einem Buch in die Nähe der Tür, von wo aus sie alles hören konnte, was im Zimmer ihres Vaters vorging.

Zuerst hörte sie nur die Stimme Métiviers, dann die Stimme ihres Vaters; dann sprachen beide Stimmen zugleich; beide Flügel der Tür wurden heftig aufgestoßen, und auf der Schwelle erschien Métivier mit seinem vollen, schwarzen Haar, auf dem schönen Gesicht den Ausdruck der Bestürzung, und der Fürst in Nachtmütze und Schlafrock mit wutentstelltem Gesicht und rollenden Augen.

»Du verstehst mich nicht?« schrie der Fürst. »Aber ich durchschaue dich! Du französischer Spion, Sklave Bonapartes, du Spion, hinaus aus meinem Haus! Hinaus, sage ich …!« Er schlug die Tür zu.

Métivier trat, die Achseln zuckend, zu Mademoiselle Bourienne, die auf das Geschrei aus dem Nebenzimmer herbeigelaufen kam.

»Der Fürst ist nicht ganz wohl«, sagte er. »Galle und Blutandrang nach dem Gehirn. Beruhigen Sie sich; ich komme morgen wieder heran.« Er legte einen Finger an die Lippen und entfernte sich eilig.

Durch die geschlossene Tür konnte man hören, wie der Fürst in seinen Pantoffeln hin und her ging und schrie: »Spione, Verräter, überall Verräter! Im eigenen Haus hat man keinen Augenblick Ruhe!«

Nach Métiviers Weggang rief der alte Fürst seine Tochter zu sich, und nun brach die ganze Wucht seines Zornes über sie herein. Sie sei daran schuld, daß der Spion zu ihm gelassen worden sei. Er habe doch gesagt, habe ihr gesagt, es solle niemand vorgelassen und nur diejenigen, die auf der Liste ständen, zum Mittagessen eingeladen werden. Warum sei nun dieser Schurke doch hereingelassen? Sie sei an allem schuld. Wenn er mit ihr zusammenlebe, habe er keinen Augenblick Ruhe und könne nicht ruhig sterben. So zeterte er.

»Nein, mein Kind, wir müssen uns trennen, müssen uns trennen! Das mögen Sie wissen, das mögen Sie wissen! Ich kann das nicht länger ertragen!« rief er und ging aus dem Zimmer. Und als ob er fürchtete, sie könnte die Sache irgendwie nicht ernst genug nehmen, kehrte er noch einmal zu ihr zurück und fügte, indem er eine ruhige Miene anzunehmen suchte, hinzu: »Glauben Sie nicht, daß ich das nur so in einem Augenblick des Zornes zu Ihnen sage; ich bin ganz ruhig und habe es mir wohl überlegt. Und es wird auch geschehen; wir müssen uns trennen; suchen Sie sich einen andern Ort zum Wohnen …!« Aber er konnte sich doch nicht länger beherrschen, und mit jener Bosheit, deren nur ein Mensch fähig ist, der sein Opfer doch liebt, schüttelte er, offenbar selbst unter seiner Handlungsweise leidend, die Fäuste und schrie ihr zu:

»Wenn sie doch irgendeinen Dummkopf fände, der sie heiratete!« Er schlug die Tür hinter sich zu; dann steckte er noch einmal den Kopf hindurch und rief Mademoiselle Bourienne zu sich, und nun wurde es in seinem Zimmer still.

Um zwei Uhr trafen die sechs Personen ein, die für das Diner auserwählt waren.

Die Gäste – nämlich der bekannte Graf Rastoptschin, Fürst Lopuchin mit seinem Neffen, General Tschatrow, ein alter Kriegskamerad des Fürsten, und zwei jüngere Leute: Pierre und Boris Drubezkoi – erwarteten den alten Fürsten im Salon.

Boris, der vor kurzem auf Urlaub nach Moskau gekommen war, hatte den lebhaften Wunsch gehabt, dem Fürsten Nikolai Andrejewitsch vorgestellt zu werden, und es dermaßen verstanden, sich dessen Gunst zu erwerben, daß der Fürst, während er sonst unverheiratete junge Männer in seinem Haus nicht verkehren ließ, mit ihm eine Ausnahme machte.

Das Haus des Fürsten nahm nicht eigentlich am gesellschaftlichen Leben teil; aber es kam dort ein kleiner Kreis von Männern zusammen, von dem zwar in der Stadt nicht viel gesprochen wurde, zu welchem zugelassen zu werden aber besonders schmeichelhaft war. Das hatte auch Boris vor einer Woche gemerkt, als in seiner Gegenwart der Oberkommandierende den Grafen Rastoptschin auf den Nikolaustag zum Diner eingeladen und dieser ihm erwidert hatte, er könne nicht kommen:

»An diesem Tag begebe ich mich immer zu den Gebeinen des Fürsten Nikolai Andrejewitsch, um ihnen meine Verehrung zu erweisen.«

»Ach ja, ja, richtig«, hatte der Oberkommandierende geantwortet. »Was macht er denn?«

Die kleine Gesellschaft, die sich vor dem Diner in dem altmodischen, hohen, mit alten Möbeln ausgestatteten Salon versammelt hatte, machte den Eindruck eines feierlichen Gerichtstribunals. Alle schwiegen, und wenn sie redeten, so taten sie es nur in gedämpftem Ton. Nun trat Fürst Nikolai Andrejewitsch ein, ernst und schweigsam. Prinzessin Marja schien noch stiller und schüchterner zu sein als gewöhnlich. Die Gäste redeten sie nur ungern an, weil sie sahen, daß sie keine Neigung hatte sich mit ihnen zu unterhalten. Graf Rastoptschin hielt ganz allein das Gespräch im Gang, indem er die letzten Neuigkeiten aus der Stadt und aus der Politik erzählte. Lopuchin und der alte General beteiligten sich am Gespräch nur ab und zu.

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