Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Jedoch begann ihre Melancholie schon in Nervosität überzugehen, und kurz vor dem Termin, an welchem Boris abreisen mußte, brachte sie einen energischen Plan zur Ausführung. Gerade zu dieser Zeit, wo Boris’ Urlaub zu Ende ging, erschien Anatol Kuragin in Moskau und selbstverständlich auch im Salon der Karaginschen Damen, und Julja gab auf einmal ihre Melancholie auf, wurde sehr heiter und benahm sich gegen Kuragin sehr liebenswürdig.
»Lieber Sohn«, sagte Anna Michailowna zu Boris, »ich weiß aus guter Quelle, daß Fürst Wasili seinen Sohn nach Moskau geschickt hat, damit er Julja heirate. Ich habe Julja so lieb, daß sie mir leid tun würde. Wie denkst du darüber, lieber Sohn?«
Der Gedanke, leer auszugehen und ausgelacht zu werden und diesen ganzen Monat schweren melancholischen Minnedienstes bei Julja ohne jeden Nutzen verloren zu haben und all die Einkünfte von den Pensaschen und Nischni-Nowgoroder Besitzungen, die er in seinen stillen Überlegungen bereits für diesen und jenen Zweck ordnungsmäßig bestimmt und verwendet hatte, in den Händen eines andern und ganz besonders in den Händen des dummen Anatol zu sehen, dieser Gedanke versetzte Boris in Entrüstung. Er fuhr zu Karagins mit dem festen Vorsatz, seinen Antrag zu machen. Julja empfing ihn mit heiterer, unbefangener Miene, redete in lässiger Manier davon, wie gut sie sich auf dem gestrigen Ball amüsiert habe, und fragte ihn, wann er abreise. Obgleich Boris in der Absicht gekommen war, von seiner Liebe zu reden, und daher vorhatte, zärtlich zu sein, begann er doch in gereiztem Ton von der Unbeständigkeit der Frauen zu sprechen: die Frauen brächten es mit Leichtigkeit fertig, von Traurigkeit zu Freude überzugehen, und ihre Gemütsstimmung hänge nur davon ab, wer ihnen gerade den Hof mache. Julja nahm das übel und erwiderte, da habe er ganz recht; eine Frau brauche Abwechslung, und immer ein und dasselbe würde einer jeden langweilig.
»Zu diesem Zweck würde ich Ihnen raten …«, begann Boris in der Absicht, ihr eine Bosheit zu sagen; aber in diesem Augenblick fuhr ihm der peinliche Gedanke durch den Kopf, er könne in die Lage kommen, aus Moskau abreisen zu müssen, ohne trotz so vieler aufgewendeter Mühe seinen Zweck erreicht zu haben (was ihm noch nie auf irgendwelchem Gebiet begegnet war).
Er hielt mitten im Satz inne, schlug die Augen nieder, um den unfreundlichen, gereizten, wankelmütigen Ausdruck ihres Gesichtes nicht zu sehen, und sagte:
»Ich bin ganz und gar nicht in der Absicht hergekommen, mit Ihnen zu streiten. Im Gegenteil …«
Er warf ihr einen Blick zu, um sich zu überzeugen, ob er fortfahren dürfe. All ihre Gereiztheit war mit einem Schlag verschwunden, und ihre unruhigen, fragenden Augen waren in begieriger Erwartung auf ihn gerichtet. »Ich werde es ja immer so einrichten können, daß ich sie nur selten sehe«, dachte Boris. »Aber ich habe die Sache einmal in Angriff genommen und muß sie nun auch durchführen!« Er wurde dunkelrot, hob die Augen zu ihr auf und sagte:
»Sie kennen meine Gefühle für Sie!«
Mehr zu sagen war eigentlich nicht erforderlich; denn auf Juljas Gesicht strahlte bereits ein Lächeln des Triumphes und des befriedigten Ehrgeizes. Aber sie zwang Boris dazu, ihr alles zu sagen, was bei solchen Gelegenheiten gesagt zu werden pflegt, ihr zu sagen, daß er sie liebe und nie ein Weib mehr geliebt habe als sie. Sie wußte, daß sie das für die Güter im Gouvernement Pensa und die Waldungen im Gouvernement Nischni-Nowgorod verlangen konnte, und sie erhielt, was sie verlangte.
Als Braut und Bräutigam dachten sie nicht mehr an die Bäume, welche Dunkelheit und Schwermut über sie herabschütteten, sondern entwarfen Pläne über die künftige Einrichtung eines glänzenden Hauses in Petersburg, machten Visiten und trafen alle Vorbereitungen für eine prunkvolle Hochzeit.
Fußnoten
1 Ein Helfer ist der Tod, ein stiller Ruheport;
Er ist für Gram und Leid der einz’ge Zufluchtsort.
2 Du, Gift zugleich und Kost für Seelen voll Gefühl,
Die du mich mehr beglückst als eitles Weltgewühl,
O sanfte Schwermut, komm und lindre meinen Schmerz,
In düstrer Einsamkeit erfreue du mein Herz,
Und mit geheimer Lust versüße
Die Tränenflut, die ich vergieße.
3 Eine sentimentale Novelle von Karamsin, erschienen im Jahre 1792.
Anmerkung des Übersetzers.
VI
Graf Ilja Andrejewitsch traf Ende Januar mit Natascha und Sonja in Moskau ein. Die Gräfin kränkelte dauernd und konnte nicht mitfahren; und auf ihre Genesung zu warten war nicht möglich: Fürst Andrei wurde täglich in Moskau erwartet; ferner mußte die Aussteuer eingekauft werden; es war notwendig, das Landhaus bei Moskau zu verkaufen, und endlich mußte die Anwesenheit des alten Fürsten in Moskau benutzt werden, um ihm seine künftige Schwiegertochter vorzustellen. Das Rostowsche Haus in Moskau war ungeheizt; auch kamen sie nur auf kurze Zeit, und die Gräfin war nicht dabei: aus diesen Gründen entschloß sich Ilja Andrejewitsch, in Moskau bei Marja Dmitrijewna Achrosimowa abzusteigen, die ihm schon lange ihre Gastfreundschaft angeboten hatte.
Spätabends kamen die vier Rostowschen Schlitten auf Marja Dmitrijewnas Hof in der Staraja-Konjuschennaja-Straße gefahren. Marja Dmitrijewna wohnte allein: ihre Tochter war schon verheiratet, und ihre Söhne befanden sich sämtlich in dienstlichen Stellungen.
Sie hielt sich immer noch ebenso aufrecht wie früher, sagte immer noch ebenso geradeheraus, laut und entschieden allen Leuten ihre Meinung und machte gewissermaßen durch ihr ganzes Wesen anderen Menschen Vorwürfe wegen all der Schwächen, Leidenschaften und törichten Neigungen, deren Existenzberechtigung sie nicht anerkannte. Vom frühen Morgen an beschäftigte sie sich in einer bequemen Jacke mit der Hauswirtschaft. Darauf fuhr sie an Festtagen zur Messe und von der Messe nach den Gefängnissen und Kerkern, wo sie eine Tätigkeit ausübte, von der sie zu niemand sprach; an Werktagen empfing sie, nachdem sie sich angekleidet hatte, bei sich zu Hause Bittsteller der verschiedensten Lebensstellungen, deren sich täglich eine Menge bei ihr einfand. Dann aß sie zu Mittag; an ihrem kräftigen, wohlschmeckenden Mittagessen nahmen stets drei bis vier Gäste teil; nach dem Mittagessen spielte sie eine Partie Boston; vor dem Schlafengehen ließ sie sich die Zeitungen und neue Bücher vorlesen, während sie selbst strickte. Besuche machte sie nur ganz selten und ausnahmsweise, und wenn sie es tat, dann nur bei den vornehmsten Persönlichkeiten in der Stadt.
Sie hatte sich noch nicht hingelegt, als Rostows eintrafen und im Vorzimmer die Rolle der Tür knarrte, durch welche Rostows und deren Dienerschaft aus der kalten Luft hereinkamen. Marja Dmitrijewna stand mit ihrer Brille, die sie tief auf die Nase hinabgeschoben hatte, und mit zurückgelegtem Kopf in der Saaltür und blickte die Eintretenden mit ernster, strenger Miene an. Man hätte denken können, sie sei über die Ankömmlinge ärgerlich und werde sie sogleich wieder wegjagen, wenn sie nicht gleichzeitig ihren Dienstboten sorgfältige Anweisungen über die Unterbringung der Gäste und ihres Gepäckes gegeben hätte.