Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Es kamen jetzt nicht mehr über ihn wie früher Augenblicke der Verzweiflung, der Schwermut und des Ekels vor dem Leben; aber jene Krankheit, die sich früher in scharfen Anfällen bekundet hatte, war nur nach innen zurückgedrängt und wich keinen Augenblick von ihm. »Wie geht es in der Welt zu? Warum und wozu das alles?« so fragte er sich verständnislos mehrmals im Laufe jedes Tages, wenn er unwillkürlich über Sinn und Wert der einzelnen Erscheinungen des Lebens nachzudenken anfing; aber da er aus Erfahrung wußte, daß es auf diese Fragen keine Antworten gab, so suchte er eilig von ihnen loszukommen, griff nach einem Buch oder machte, daß er in den Klub oder zu Apollon Nikolajewitsch kam, um dort Stadtklatsch anzuhören und darüber mitzureden.
»Jelena Wasiljewna, die niemals etwas anderes geliebt hat als ihren eigenen Körper und eines der dümmsten Frauenzimmer auf der ganzen Welt ist«, meditierte Pierre, »gilt den Leuten als der Gipfel der Klugheit und des feinen Geschmackes, und alles beugt sich vor ihr. Napoleon Bonaparte wurde von allen geringgeschätzt, solange er ein wahrhaft großer Mann war, und nachdem er ein kläglicher Komödiant geworden ist, beeifert sich Kaiser Franz, ihm seine Tochter als illegitime Gemahlin anzubieten. Die Spanier senden durch die katholische Geistlichkeit Dankgebete zu Gott empor, weil sie am vierzehnten Juni die Franzosen besiegt haben, und die Franzosen senden durch dieselbe katholische Geistlichkeit Dankgebete empor, weil sie am vierzehnten Juni die Spanier besiegt haben. Meine Brüder, die Freimaurer, schwören einen feierlichen Eid, daß sie stets bereit sein werden, alles für den Nächsten zum Opfer zu bringen; aber bei den Kollekten für die Armen bezahlen sie pro Monat nicht einmal einen Rubel; und Asträa intrigiert gegen die Mannasucher, und sie reißen sich um einen echten schottischen Teppich und um ein Schriftstück, dessen Sinn nicht einmal der versteht, der es verfaßt hat, und von dem niemand einen Nutzen hat. Wir alle bekennen das christliche Gebot, das uns befiehlt, Beleidigungen zu verzeihen und unsern Nächsten zu lieben, ein Gebot, demzufolge wir in Moskau unzählige Kirchen errichtet haben; aber gestern ist ein Deserteur mit der Knute zu Tode geprügelt worden, und ein Diener eben dieses Gesetzes der Liebe und Vergebung, ein Geistlicher, hat dem Soldaten vor der Exekution das Kreuz zum Küssen hingehalten.« So meditierte Pierre; und diese ganze, allgemein verbreitete, von allen zugegebene Lüge und Unwahrhaftigkeit setzte ihn, wie sehr er auch an sie gewöhnt war, dennoch jedesmal wie etwas Neues in Erstaunen. »Ich erkenne diese Lüge und Verwirrung«, dachte er, »aber wie soll ich es anfangen, den Menschen alles das, was ich erkenne, darzulegen? Ich habe es versucht und habe dann immer gefunden, daß auch sie in der Tiefe ihrer Seele dasselbe erkennen wie ich, sich aber bemühen, diese Lüge und Unwahrhaftigkeit nicht zu sehen. Also ist da nichts zu ändern. Aber ich, wie soll ich mich nun dazu stellen?« fragte sich Pierre. Er besaß die unglückliche Eigenschaft vieler Menschen (und sie ist in Rußland besonders häufig): an die Möglichkeit des Guten und der Wahrheit zu glauben und das Böse und die Lüge im Leben zu deutlich zu erkennen, als daß man es über sich gewinnen könnte, an diesem Leben ernsthaften Anteil zu nehmen. Jedes Arbeitsgebiet war in seinen Augen mit Schlechtigkeit und Betrug verbunden. Was auch immer er zu sein versuchen mochte, zu welcher Tätigkeit auch immer er greifen mochte, Schlechtigkeit und Lüge stießen ihn überall ab und versperrten ihm alle Wege des Wirkens. Aber dabei mußte er doch leben, mußte irgendwie beschäftigt sein. Es war eine gar zu schreckliche Empfindung, unter dem steten Druck dieser ungelösten Lebensfragen zu stehen, und so ergab er sich den ersten besten Vergnügungen, um nur jene Fragen zu vergessen. Er besuchte alle möglichen Gesellschaften, trank viel, kaufte Gemälde und baute; und vor allen Dingen las er viel.
Er las, und zwar las er alles, was ihm in die Hände kam, und las mit solcher Gier, daß, wenn er abends nach Hause kam und die Diener ihn noch auskleideten, er schon zum Buch griff und las. Und von der Lektüre ging er zum Schlaf über, und vom Schlaf zum Geplauder in den Salons und im Klub, vom Geplauder zum Schlemmen und zu den Weibern, vom Schlemmen wieder zum Geplauder, zur Lektüre und zum Wein. Das Weintrinken wurde ihm mehr und mehr zu einem physischen und zugleich zu einem geistigen Bedürfnis. Obwohl ihm die Ärzte sagten, daß ihm bei seiner Korpulenz der Weingenuß gefährlich sei, trank er sehr viel. Völlig wohl wurde ihm erst dann, wenn er, ohne sich dessen selbst recht bewußt zu werden, in seinen großen Mund mehrere Gläser Wein hineingestürzt hatte; dann empfand er eine angenehme Wärme im Körper, eine Zärtlichkeit gegen alle, mit denen er in Berührung kam, und eine Bereitwilligkeit, sich mit jedem Gedanken in oberflächlicher Weise abzufinden, ohne auf den eigentlichen Kern desselben einzugehen. Erst nachdem er eine und noch eine zweite Flasche Wein getrunken hatte, gelangte er zu der verschwommenen Vorstellung, daß jener wirre, furchtbare Knoten des Lebens, der ihn vorher erschreckt hatte, doch nicht so furchtbar sei, wie es ihm vorgekommen war. Er sah diesen Knoten zwar auch im Zustand leiser Berauschtheit unaufhörlich von der einen oder andern Seite, mochte er nun plaudern oder Gespräche mitanhören oder nach dem Mittagessen und Abendessen lesen; aber unter der Einwirkung des Weines sagte er sich dann: »Das hat nichts weiter auf sich. Das werde ich schon entwirren. Ich weiß schon, wie ich alles lösen werde; aber jetzt habe ich keine Zeit; später werde ich das alles überdenken!« Aber dieses »Später« kam eben niemals.
Frühmorgens, ehe er etwas genossen hatte, erschienen ihm dann alle diese Fragen wieder ebenso unlösbar und furchtbar wie früher; und er griff eilig nach einem Buch und freute sich, wenn jemand zu ihm kam.
Manchmal erinnerte sich Pierre an eine eigentümliche Beobachtung, von der er früher einmal gehört hatte: daß im Krieg die Soldaten, wenn sie in einer Position beschossen werden und dagegen nichts tun können, sich absichtlich irgendeine Beschäftigung suchen, um die Gefahr leichter zu ertragen. Und es wollte ihm scheinen, daß es alle Menschen ähnlich machten wie solche Soldaten: sie suchten sich vor den schweren Fragen des Lebens zu retten, der eine durch Ehrgeiz, ein anderer durch Kartenspiel, ein anderer durch Abfassen von Gesetzen, ein anderer durch Weiber, ein anderer durch Spielereien, ein anderer durch Pferde, ein anderer durch die Politik, ein anderer durch den Wein, ein anderer durch Amtstätigkeit. »Da ist nichts wertlos und nichts wichtig; es ist alles gleich: wenn ich mich nur vor jenen schweren Fragen rette, so gut ich es vermag!« dachte Pierre. »Wenn ich sie nur nicht sehe, diese furchtbaren Dinge!«
II
Zu Anfang des Winters war Fürst Nikolai Andrejewitsch Bolkonski mit seiner Tochter nach Moskau übergesiedelt. Wegen seiner Vergangenheit, seines Verstandes und seiner Originalität, besonders aber infolge des damaligen Abflauens der Begeisterung für die Regierung Kaiser Alexanders und infolge der franzosenfeindlichen, patriotischen Richtung, die damals in Moskau herrschte, wurde Fürst Nikolai Andrejewitsch alsbald ein Gegenstand besonderer Verehrung für die Moskauer und der eigentliche Mittelpunkt der Moskauer Opposition gegen die Regierung.
Der Fürst war im letzten Jahr recht alt geworden. Es traten bei ihm in scharfer Deutlichkeit die Anzeichen des Greisenalters hervor: häufiges, unerwartetes Einschlafen, Vergeßlichkeit für zeitlich ganz naheliegende Ereignisse und ein gutes Gedächtnis für weit zurückliegende, dazu die kindische Eitelkeit, mit der er die Rolle eines Führers der Moskauer Opposition übernommen hatte. Aber trotz alledem: wenn der alte Mann, namentlich bei Abendgesellschaften in seinem Haus, zum Tee in seinem Pelz und mit seiner gepuderten Perücke erschien und, von jemand dazu angeregt, in bruchstückartiger, zerhackter Manier aus der Vergangenheit erzählte oder in noch kürzerer Form scharf tadelnde Urteile über die Gegenwart abgab, so rief er bei all seinen Gästen das gleiche Gefühl respektvoller Verehrung hervor. Den Besuchern bot dieses gesamte altertümliche Haus ein Schauspiel dar, das ebenso großartig wie angenehm wirkte: mit den gewaltigen Wandspiegeln, mit dem aus einer längst vergangenen Zeit stammenden Mobiliar, mit diesen gepuderten Dienern, mit ihm selbst, diesem barschen, klugen Greis, der dem vorigen Jahrhundert angehörte, und mit seiner sanften Tochter und der hübschen Französin, die in Ehrerbietung vor ihm vergingen. Aber die Besucher bedachten nicht, daß außer den zwei bis drei Stunden, während deren sie mit den Hausgenossen zusammen waren, der Tag noch etwa zweiundzwanzig Stunden hatte, in denen das verborgene, innere Leben des Hauses weiterging.