Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Sullivan machte ihnen jedoch in ausgezeichnetem Irisch deutlich, dass sie gut daran täten, den Mund zu halten, weil er und seine Gefährten sich sonst genötigt sähen, sie zum Schweigen zu bringen, und da er ihnen seine Segelmacherahle zeigte, um seine Worte zu unterstreichen, hielten die armen Teufel den Mund.
Im Handumdrehen war der Anker gelichtet und das Segel gesetzt, und da Nordwind herrschte, fuhr der Kutter so majestätisch auf den Atlantik hinaus wie ein ausgewachsenes Kriegsschiff.
Nach einer Seemeile ließ man die vier Iren das Boot besteigen, von dem aus man den Kutter gekapert hatte; René gab ihnen zwanzig Louisdor und versprach ihnen, falls er wohlbehalten Frankreich erreichen werde, einem Bankier in Dublin das Doppelte des Betrags, den ihr Schiff wert war, anweisen zu lassen.
Die guten Leute hielten dies für nichts weiter als große Worte, doch da er ihnen aus freien Stücken zwanzig Louisdor gegeben hatte, waren sie bereit, ihm zu glauben; die Strömung führte sie bald munter dem Fluss Shannon entgegen, und sie hatten ihren Ankerplatz wieder erreicht, bevor sie sich im Klaren waren, ob das, was sie erlebt hatten, Wirklichkeit oder ein Hirngespinst war.
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Auf See
Sobald die Flüchtlinge über den Kutter verfügen konnten, war es ihre erste Sorge, ihn genau zu untersuchen, um sich seiner Ausstattung zu vergewissern. Er war mit Torf beladen und führte daneben nichts mit als hundert Erdäpfel, acht Kohlköpfe, zwei Fässchen Butter und zehn bis zwölf Wasserflaschen sowie ein völlig zerfetztes Großsegel, einen kaum besseren Klüver und ein noch übleres Vorstagsegel.
Unter Wahrung größter Sparsamkeit hatte man für allerhöchstens sechs Tage Lebensmittel an Bord; Brot gab es keines, weder an Bord noch im Haus der ursprünglichen Schiffseigner, denn das war und ist die Regel in Irland.
»Nun gut«, sagte René, »ich glaube, wir täten gut daran, uns sofort auf Diät zu setzen; gestern haben wir üppig zu Abend gespeist, heute Morgen haben wir gut gefrühstückt, und vor dem heutigen Abend müssen wir nichts zu uns nehmen.«
»Hmm, hmm«, ließen sich vereinzelte Stimmen vernehmen.
»Nichts da«, sagte René, »reißt euch zusammen, und über eine Sache wollen wir uns im Klaren sein: Keiner von uns wird vor acht Uhr abends Hunger haben.«
»Einverstanden«, sagte der Ire, »keiner von uns wird vor acht Uhr Hunger haben; und wer dennoch Hunger hat, wird sich den Bauch halten oder ein Schläfchen machen; wer schläft, kann vom Essen träumen.«
»Hoppla!«, sagte ein Matrose. »Finden Sie nicht, dass es im Augenblick am dringlichsten wäre, Feuer zu machen?«
»Ha«, sagte Sullivan, »an Torf wird es uns dafür jedenfalls nicht mangeln; die Sonne hat sich verkrochen und will offenbar nicht wiederkommen, es schneit unentwegt, was uns Wasser verschaffen wird, sofern wir den Schnee auffangen können, doch warum sollten wir uns nicht ein bisschen aufwärmen?«
Ein Kohlenbecken wurde angezündet, das man Tag und Nacht unterhielt.
Die Nachtkälte ist im Januar und im Februar an der englischen Küste und im Ärmelkanal geradezu unerträglich, und in diesem Fall ging es nicht nur um die Kälte, sondern auch um die Orientierung für die Navigation. Einen Kompass gab es, doch er war alt und verrostet, so dass man auf gröbste Fehlanzeigen gefaßt sein musste. Vergebens hatte man nach einem Log gesucht, um den zurückgelegten Weg zu messen; keine Instrumente halfen erkennen, mit welchem Wind man gefahren war oder fahren sollte, kein Öl und keine Kerzen erhellten das Kompasshäuschen; man wusste nur, dass es zuerst nach Süden und dann nach Osten zu segeln galt, doch dafür besaß man nur Renés kleinen Taschenkompass und kein anderes Licht als das des anfangs so verachteten Torfs.
René wurde als Kundigster von ihnen und als derjenige, dessen Mut man am meisten vertraute, einstimmig zum Kapitän gewählt.
Das Meer war stürmisch, der Wind wehte heftig und unberechenbar, und die Segel des Kutters waren zu Fetzen zerrissen; René befahl, alles Segeltuch, das man finden konnte, zusammenzutragen. Sullivan entdeckte eine Truhe, in der sich Segeltuch in recht gutem Zustand nebst einer Kerze befand, die dazu verwendet wurde, den Matrosen zu leuchten, während sie ein großes Segel zusammennähten.
Um acht Uhr abends war an alle die Ration aus zwei Kartoffeln, zwei Kohlblättern, etwas Butter und einem Glas Wasser ausgeteilt worden.
Da man nicht genug Segeltuch besaß, wurde beschlossen, auf das Vorstagsegel zu verzichten und das Segeltuch für das Großsegel zu verwenden; diese Umstellung brachte einen Zeitverlust von fünf Tagen mit sich. Sobald das Großsegel installiert war, fuhr man schneller und sicherer.
Die Kerze hatte man durch Kienspäne ersetzt, die mit Torf am Brennen gehalten wurden. Über den Kurs machte man sich keine Sorgen, denn mit Renés Taschenkompass konnte man ihn jederzeit korrigieren. Wenngleich die Flüchtlinge sich nicht gerade begeistert über die Verköstigung gezeigt hatten, sah man am vierten Tag, dass ihnen noch Nahrung für zwei bis drei Tage verblieb. Am Wasser hatte man gespart, so gut es ging, doch es war zum Kochen des Kohls benötigt worden, während die Kartoffeln im heißen Torf gebacken wurden.
Am fünften Tag sah man ein Schiff am Horizont. René rief seine Gefährten und zeigte ihnen das Schiff.
»Es ist ein Engländer oder das Schiff eines verbündeten Landes; wenn es englisch ist, kapern wir es; wenn es einer befreundeten Nation angehört, bitten wir um Hilfe, die man uns gewähren wird, so dass wir weiterfahren können. Die Standard, die wir mit der Revenant gekapert haben, hatte vierhundertfünfzig Mann Besatzung, und wir hatten nur hundertzwanzig Mann an Bord, sie hatte achtundvierzig Kanonen, und wir hatten nur sechzehn, und ausgehungert waren wir auch nicht. In den Wind, Ire, und auf ins Gefecht.«
Jeder nahm seine Segelmacherahle, und René ergriff seinen Gitterstab, doch das verbündete oder gegnerische Schiff, Kauffahrer oder Kriegsschiff, ergriff die Flucht vor dem Kutter, der auf eine weitere Verfolgung verzichten musste.
»Kann mir niemand einen Tropfen Wasser abgeben?«, fragte ein Matrose in jämmerlichem Ton.
»Gewiss doch, mein wackerer Junge«, sagte René.
»Und Sie?«, fragte ihn der Matrose.
»Ich«, sagte René mit einem Lächeln, um das ihn die Engel beneidet hätten, »ich bin nicht durstig.«
Und er gab dem Matrosen seine Wasserration.
Es wurde Abend, und die letzte Ration wurde ausgeteilt, die aus einer Kartoffel, einem Kohlblatt und einem halben Glas Wasser pro Mann bestand.
Seit Langem ist bekannt, dass die schlimmste aller Qualen notleidender Schiffsbesatzungen der Durst ist: Der Durst macht uns sogar dem engsten Freund gegenüber unbarmherzig.
Am Tag nach der letzten Ration hatte die Not unsere Flüchtlinge zu Rasenden gemacht; jeder hatte sich von den anderen abgesetzt, und alle Mienen waren bleich und abgezehrt. Unvermittelt ertönte ein Schrei, und einer der Matrosen sprang in seinem Fieberwahn ins Wasser.
»Aufbrassen und Rettungstaue auswerfen!«, rief René, der dem Matrosen hinterher ins Meer sprang.
Zwei Sekunden später kam René an die Wasseroberfläche zurück; er hielt den Matrosen im Arm und wehrte sich gegen dessen wilde Schläge. Er ergriff ein Tau, schlang es dem anderen um den Körper und verknotete es.
»Zieht jetzt!«, rief er.
Die anderen zogen den Matrosen an Bord.
»Und jetzt mich«, sagte René.
Mehrere Taue waren ihm zugeworfen worden, und er ergriff eines und war im nächsten Augenblick wieder an Bord des Kutters.
Renés zierlicher und zarter Körper schien als Einziger weder unter dem Hunger noch unter dem Durst zu leiden.
»Ach,«, sagte der Ire, »hätte ich doch nur etwas Blei zum Lutschen!«